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Die „guten Sterne“ einer ungewöhnlichen Insel nutzen

Mo, 09 Jun 2014 | Von Cornelie Unger-Leistner


Robert Schmid, Präsident der Fundación Canaria Antroposófica

Enrique Winzer feiert 2004 seinen 80. Geburtstag mit seiner Frau Lilo

Die Finca Lomos Altos

Das Centro de Terapia Antroposófica

Blick von der Finca auf die „mondartige“ Landschaft und das Meer
Foto: Fundación Antroposofica

Die Fundación Antroposófica auf Lanzarote beging ihr 25jähriges Jubiläum. NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner berichtet.

PUERTO DEL CARMEN/LANZAROTE (NNA) – Rund 4.000 Gäste besuchen jährlich das Centro de Terapia Antroposófica und die Finca Lomos Altos in Lanzarote. Ermöglicht wurde die Tätigkeit beider Einrichtungen durch eine weniger bekannte Stiftung, die Fundación Canaria Antroposófica, die seit mehr als 25 Jahren besteht.

„Welche guten Sterne sind das, die wachen über die Himmel dieser Insel Lanzarote?“ Diese Frage des Schriftstellers José Saramago stellen sich die vielen Gäste, die das Centro de Terapia Antroposófica oder die Finca Lomos Altos seit den 80er Jahren immer wieder besucht und die besonderen Wirkungen der Vulkaninsel erlebt haben. Allerdings ist die karge Insel Lanzarote mit ihrer mondartigen, dunklen Landschaft, die – wie sie in den Gästebüchern des Centro schrieben – Besucher auch schon an die alten Abraumhalden im Ruhrgebiet erinnerte, nicht jedermanns Geschmack. Mancher Gast kehrte ihr schon nach wenigen Tagen den Rücken.

Wer bleibt, der kommt oft immer wieder und wird zum begeisterten Anhänger der Wüstenlandschaft mit ihrer immer noch eingeschränkten Bebauung. Die Insel verdankt sie dem Engagement des Künstlers César Manrique (1919-1992). Er setzte durch, dass Lanzarote dem Tourismus ein besonderes, nachhaltiges Entwicklungsmodell zugrunde legte, das wirtschaftliches Wachstum mit dem Schutz von Umwelt und Natur verbindet. Dieses Konzept brachte der Insel im Oktober 1993 die Anerkennung der UNESCO als Biosphärenreservat ein.

Manriques Engagement machte auch die beiden deutschen Auswanderer Enrique und Lilo Winzer aufmerksam. Weil ein gemeinsames Projekt mit dem Künstler auf Lanzarote nicht zustande kam, entstand der Gedanke, eine Finca biologisch-dynamisch zu bewirtschaften. Ende der 70er Jahre erwarben die beiden das Gelände Lomos Altos in der Nähe von Puerto del Carmen für den Bau der Finca und wurden damit zu den Gründerpersönlichkeiten der anthroposophischen Initiative auf Lanzarote.

Als sie bemerkten, dass kranke Gästen sich ungewöhnlich schnell erholten, lag der Gedanke nah, an die Finca eine therapeutische Einrichtung anzugliedern. Ein Baustopp für ländliche Gebiete verhinderte dann die Errichtung der notwendigen Baulichkeiten auf dem Finca-Gelände. Durch das Angebot, eine Ferienanlage im nahen Puerto del Carmen zu mieten, konnte diese Hürde überwunden werden und 1993 schlug die Geburtsstunde des Centro de Terapia in den Apartments „Tamarindos“. Die Anlage wurde schließlich käuflich erworben, hinzu kam 1997 ein angrenzendes Wohnhaus, in das das Therapeutikum umzog, das zuvor in einzelnen Apartments in der Anlage untergebracht war. So entstand das heutige Centro de Terapia mit seinen vielfältigen kulturellen, medizinischen und künstlerischen Angeboten auf der Basis der Anthroposophie. Auch der Zukauf des Therapiehauses wurde möglich durch die im Hintergrund wirkende Fundación, die 1988 von Enrique Winzer gegründet worden war.

Die Fundación und ihr Aufgabenfeld

An die beiden Gründerpersönlichkeiten Enrique und Lilo Winzer, die in den Jahren 2004 und 2008 nach längerer Krankheit ihre Aktivitäten auf dieser Erde beenden mussten, wird in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen der Fundación in Dankbarkeit erinnert: „Ihr Lebenswerk ist ein großes Geschenk und wir sind froh, dass wir es voller Elan und engagiert im gemeinsamen Sinn weiterführen dürfen“, heißt es dort. Neuer Präsident der Fundación wurde noch zu Lebzeiten von Enrique Winzer Robert Schmid, langjähriger Manager bei Daimler-Benz und EADS, dem Luft- und Raumfahrtkonzern. Er hat seine ersten Lebensjahre in Madrid verbracht und ist von daher im Spanischen genauso zu Hause wie im Deutschen.

„Aufgrund meiner internationalen Erfahrung und meinem ganzen Hintergrund war Enrique Winzer von meinen Fähigkeiten überzeugt. Er fasste schnell zu mir Vertrauen, als ich ihn in seinem letzten Lebensjahr noch kennenlernen konnte,“ erläutert Schmid im Gespräch mit NNA. Der Manager stieg mit voller Überzeugung aus seiner alten Tätigkeit früher aus und um in die neue Aufgabe, deren Ausschreibung er in der Wochenschrift „Das Goetheanum“ entdeckt hatte: „ Ich war ja schon an der Gründung einer Waldorfschule beteiligt vor 30 Jahren und meine Einschätzung war die, dass anthroposophische Einrichtungen wie die Fundación meine Unterstützung gut gebrauchen könnten.“

Mit der Übernahme der Tätigkeit auf Lanzarote, wo er phasenweise anwesend ist, tat sich für Robert Schmid ein ganzes Spektrum von Möglichkeiten auf. Reicht doch das Aufgabenfeld der Fundación von der Landwirtschaft über die Medizin und Pädagogik bis hin zum alternativen Wirtschaften. Zum Lebenswerk der Winzers gehört seit 2001 neben dem Centro und der Finca Lomos Altos auch ein Waldorfkindergarten mit inzwischen über 40 Kindern in San Bartolomé. Er wird überwiegend von Kindern spanischer Eltern besucht und stellt so ein wichtiges Bindeglied der anthroposophischen Aktivitäten auf Lanzarote zur Bevölkerung der Insel dar. Die Gründung einer Waldorfschule ist geplant, Enrique Winzer hatte dafür schon einen Platz gesucht und auch einen Gebäudeentwurf in Auftrag gegeben.

„Das Potenzial für die Schule in der Elternschaft ist da. Allerdings sind noch erhebliche Hürden zu überwinden, da die Bürokratie in Spanien nicht zu unterschätzen ist und bereits für das Gebäude eine Vielzahl von Auflagen gemacht werden. Außerdem werden Lehrkräfte benötigt, die über die amtlich anerkannte Ausbildung verfügen“, erläutert Schmid. Die Voraussetzungen dafür seien durch die dreijährige Waldorflehrerbildung in Gran Canaria gut, an der auch zwei Studierende aus Lanzarote teilnehmen, die staatlich anerkannte Lehrer sind. Waldorfschulen auf den Kanaren gibt es bereits auf den Inseln Teneriffa, Gran Canaria und La Palma.

Herausforderungen

Als Sorgenkind der Fundación erwies sich im Gegensatz zur pädagogischen Initiative in den letzten Jahren immer wieder die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf der Finca, die auch eine Zeitlang zum Erliegen gekommen war. „Hier haben wir das Problem, für die Trockenbauweise und das Klima auf Lanzarote die richtig ausgebildeten Leute zu finden. Erfahrung in biologisch-dynamischem Landbau in Europa nutzt einem Landwirt da erst einmal wenig, er muss sich hier neu einarbeiten,“ erläutert Robert Schmid. Eine eigene „Asociación“ (Verein zur Förderung der Landwirtschaft auf Lomos Altos) soll Investitionen auf der Finca ermöglichen, die für Bewässerung und Energiegewinnung erforderlich sind. Seit 2009 wird auf der Finca jetzt wieder Gemüse angebaut, das im Bioladen im Centro verkauft wird und auch im Restaurant „Tamarindos“ zum Einsatz kommt.

Auch die Verarbeitung von Heilpflanzen spielt eine Rolle auf der Finca und könnte durch den in Aussicht genommenen Anbau von Bryophyllum tubiflorum noch ausgebaut werden. Diese bisher auf Madagaskar vorkommende Pflanze ist in einer Wildform auf Lanzarote schon vertreten. Seit den Anfangstagen des Centro stellt außerdem eine Sodapflanze ihre Heilkraft bei Hauterkrankungen unter Beweis, die ebenfalls wild auf Lanzarote wächst: die Mittagsblume, wissenschaftlich Mesembryanthemum crystallinum. Im Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke wurde eine Salbe auf ihrer Basis entwickelt, es gibt einen Presssaft und eine Lotion aus der Pflanze, die im Therapiehaus bei Kuren Anwendung finden. Medizinische Anwendungen können im Centro schon immer von den Urlaubsgästen gebucht werden, inzwischen gibt es auch komplette Kuren, die u.a. von den Hannoverschen Kassen z.B. für Waldorflehrer bezuschusst werden.

Perspektiven

Zunehmend entwickeln sich Centro und Finca darüberhinaus zu einer gefragten Tagungsstätte. So fand das Jahrestreffen der Waldorfpädagogen der Kanarischen Inseln im vergangenen Jahr zum ersten Mal im Centro statt und wurde so – auch durch die Unterstützung der Fundación – zu einer wirklich effizienten Tagung, wie Schmid berichtet. Im September dieses Jahres ist das erste Treffen aller anthroposophischen Ärzte und Therapeuten der Kanaren im Centro geplant; hier ist die Fundación ebenfalls initiativ tätig und bemüht, allen die Teilnahme auch wirtschaftlich zu ermöglichen. In der Förderung des Austauschs der vielfältigen anthroposophischen Initiativen auf den Kanarischen Inseln untereinander liegt für den Fundación-Präsident eine zukünftige Rolle der Einrichtungen auf Lanzarote, die auch im Sinn ihrer beiden Gründer liegt: „ Es ist wichtig, dass wir die Inseln als ganzes wahrnehmen und unsere Kräfte bündeln; dies ist eine bedeutende Zukunftsaufgabe für die Fundación“.

Aber auch das Centro dürfe nicht stehenbleiben – trotz seiner Erfolgsgeschichte. Hier sieht Schmid in der Zukunft Möglichkeiten für eine „Erweiterung mit Augenmaß“, es könnten ein eigenes Haus für die kulturellen Aktivitäten sowie eine kleine Seniorenresidenz hinzu kommen. Außerdem wünscht sich Schmid eine dauerhafte Ansiedlung der Christengemeinschaft auf den Kanaren. Interesse bei spanischen Inselbewohnern für eine neue religiöse Orientierung könne man wahrnehmen.

Auf der Finca Lomos Altos kann sich Schmid durch Zukauf größerer, angrenzender Flächen langfristig eine bereichernde Ergänzung mit einer Camphill-Einrichtung vorstellen, „ohne die von allen sehr geschätzte Besonderheit der Finca zu beeinträchtigen“; die Infrastruktur dafür sei vorhanden, wenn sich interessierte Menschen finden. „ Es ist ja auch immer die Frage, was für ein gedankliches, geistiges Umfeld vorbereitet wird. Wir wollen behutsam, aber stetig an den Voraussetzungen arbeiten, dass Räume sich öffnen können, in denen Menschen und Impulse aus der geistigen Welt sich verbinden,“ betont Schmid. Aus der Sicht der Fundación birgt Lanzarote so noch viele Entwicklungsmöglichkeiten in sich.

Gegenläufige Tendenzen

Zu ergänzen bleibt, dass auf Lanzarote auch gegenläufige Tendenzen zu beobachten sind: Im Centro liegt eine Unterschriftsliste der Initiativen auf der Insel aus, die sich gegen Probebohrungen des Ölkonzerns Repsol vor der Küste der Insel richten. Geschlossen haben sich die Inselregierungen der Kanaren gegen das Vorhaben ausgesprochen, weil sie Verschmutzungen und eine Beeinträchtigung der touristischen Attraktivität fürchten. Bei der Zentralregierung in Madrid haben sie aber offenbar wenig Gehör gefunden, im August sollen die Probebohrungen beginnen.

In der Ausbreitung von Touristenzentren wie Playa Blanca sieht man außerdem deutlich die Aufweichungstendenzen des nachhaltigen Tourismuskonzepts. Nicht nur dieser Ort frisst sich immer weiter in die unvergleichliche Landschaft hinein und es entstehen Wohnanlagen, die nicht mehr dem Gestaltungskonzept Manriques entsprechen. Lanzarote gehört – wie die Kanaren insgesamt – zu den Gebieten Spaniens mit der höchsten Arbeitslosigkeit, bei den jungen Leuten beträgt sie 65%. So sind – unter den von José Samarago zitierten „guten Sternen“ der Insel – auf Lanzarote sicherlich langfristig auch alternative Wirtschaftskonzepte gefragt.

Auch die Fundación sieht hier weitere Aufgaben für die Inseln, z.B. Ansätze des assoziativen Wirtschaftens zu unterstützen und zu verbreiten und eine Anhebung des Bildungsniveaus der Bevölkerung zu impulsieren, in dem ein wesentlicher Grund für die hohe Jugendarbeitslosigkeit liegt. Ein erster Zugang sei über den Waldorfkindergarten bereits gegeben und wird im Umfeld der zukünftigen Waldorfschule erheblich intensiviert werden können, hofft Fundación-Präsident Schmid.

END/nna/ung

Bericht-Nr.: 140609-01DE Datum: 9. Juni 2014

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