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Umsatz im fairen Handel wächst – es bleibt jedoch noch viel zu tun

Do, 08 Aug 2019 | Von NNA Mitarbeiter

Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten hat sich in Deutschland in fünf Jahren verdoppelt. Trotzdem ist es noch ein weiter Weg zu gerechten Bedingungen für die Erzeuger.


Jede zwanzigste Tasse Kaffee in Deutschland stammt inzwischen aus fairem Handel. Dennoch sorgen Niedrigpreise auf dem Weltmarkt für eine prekäre Situation der Kaffeebauern. Dem stehen wachsende Gewinne bei den großen Kaffeeröstern und Händlern gegenüber.
Foto: jcwait / Shutterstock.com

BERLIN (NNA) – 1,7 Millarden EUR gaben die Verbraucher in Deutschland 2018 für Produkte aus fairem Handel aus – das entspricht einem Zuwachs von 15 Prozent und einer Verdoppelung des Umsatzvolumens innerhalb der letzten fünf Jahre. Dies geht aus einer Bilanz hervor, die das Forum Fairer Handel jetzt bei seiner Jahrespressekonferenz in Berlin vorgestellt hat.

Im Durchschnitt wendeten die Verbraucher pro Kopf 20,50 Euro für faire Lebensmittel, Textilien und Handwerksprodukte auf. Mit 1,36 Milliarden Euro trug das Fairtrade-Produktsiegel den größten Anteil zum Gesamtumsatz bei.

Die anerkannten Fair-Handels-Unternehmen vertrieben im vergangenen Jahr fair gehandelte Waren im Wert von 209 Millionen Euro. Sie sind ausschließlich im fairen Handel tätig und folgen mit ihrer Unternehmenspolitik den international definierten Grundsätzen. In den Weltläden, den Fachgeschäften des fairen Handels, wurden Waren im Wert von 78 Millionen Euro verkauft.

Prekäre Situation

Diese positive Entwicklung dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass weiterhin geschätzte 99 Prozent des Handels nicht fair seien, erläuterte dazu Manuel Blenden, Geschäftsführer des Forums. Dies betreffe insbesondere Kleinbauern und deren Familien im globalen Süden, aber auch die bäuerliche Landwirtschaft in Deutschland und Europa. 

Mit einem Anteil von 32 Prozent ist Kaffee weiterhin das umsatzstärkste Produkt im fairen Handel. Im Geschäftsjahr 2018 ist der Absatz von fairem Röstkaffee in Deutschland um neun Prozent gewachsen. Damit stammt jede zwanzigste Tasse Kaffee, die in Deutschland getrunken wird, aus fairem Handel, schreibt das Forum Fairer Handel.

Wie weit der Weg zu gerechten Handelsstrukturen dennoch ist, verdeutlicht die prekäre Situation der Kaffebauern weltweit. Angesichts von Niedrigpreisen auf dem Weltmarkt können über die Hälfte von ihnen im konventionellen Handel nicht einmal ihre Produktionskosten decken. Die seit Jahrzehnten angespannte Situation habe sich im vergangenen Jahr jedoch noch einmal deutlich verschlechtert, auch durch Auswirkungen des Klimawandels, heißt es in der Pressemitteilung des Forums Fairer Handel.

Zum anderen sorge ein weltweiter Produktionsanstieg – getrieben durch wachsende Erträge in Anbauländern wie Brasilien und Vietnam – für einen Verfall des Börsenpreises. Die Preisschwankungen werden außerdem durch Spekulationen auf den Kaffeepreis potenziert. Vor diesem Hintergrund geben immer mehr Produzenten den Kaffeeanbau auf. Migration bleibe oft der einzige Ausweg angesichts der Vernichtung der eigenen Existenz im Heimatland.

Der existenziellen Krise der Produzenten stehen stetig wachsende Gewinne bei den großen Kaffeeröstern und Händler gegenüber. Die Studie „Kaffee: Eine Erfolgsgeschichte“ verdecke die Krise, schreibt das Forum. Sie belege, dass die Wertschöpfung bei Röstern und Händlern in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren um 139 Prozent gestiegen ist, während sie sich in den Produktionsländern um zehn Prozent vermindert habe.

Ungerechtigkeit

„Diese Ungerechtigkeit kann nicht allein durch informierte Verbraucher und Verbraucherinnen und deren Konsumverhalten gelöst werden. Systemische Probleme brauchen politische Lösungen. Deshalb setzen wir uns in Deutschland für die Abschaffung der Kaffeesteuer für fair gehandelten Kaffee ein“, formulierte Manuel Blendin die Forderung des fairen Handels mit Blick auf die Bundesregierung. Damit möglichst viele Kaffeebauern bessere Bedingungen erhalten, seien übergreifende gesetzliche Regelungen notwendig.

 Hinsichtlich des Absatzes belegen Bananen weiterhin den ersten Platz im fairen Handel in Deutschland, mit rund 95.000 Tonnen haben sie einen Marktanteil von rund 14 % erreicht.

Doch auch dieser positiven Entwicklung steht nach Angaben des Forums der harte Preiskampf entgegen, den sich die großen Firmen im Lebensmitteleinzelhandel bei dieser Frucht liefern. Produzenten, die ihre Bananen zu Fairtrade-Konditionen oder an Fair-Handels-Unternehmen wie BanaFair verkaufen, profitierten von besseren Preisen und verlässlichen Handelspartnerschaften.

Für die Mehrheit der Bananenbauern und Plantagenarbeiter seien jedoch Ausbeutung und schlechte Arbeitsbedingungen an der Tagesordnung. Laut Oxfam Deutschland ist der Einfuhrpreis von Bananen in Deutschland zwischen 2015 und 2018 um 20 Prozent gefallen. Auf der anderen Seite sind die Produktionskosten in Lateinamerika im vergangenen Jahrzehnt deutlich gestiegen.

Aus diesem Grund fordert das Forum eine gesetzliche Sorgfaltspflicht für deutsche Unternehmen entlang ihrer Lieferketten hinsichtlich der Einhaltung der Menschenrechte und fairer Einkommen: „Sie müssen dafür Verantwortung übernehmen, dass ihre Produkte unter menschenwürdigen Bedingungen hergestellt werden und deren Erzeuger und Erzeugerinnen von ihrem Einkommen oder Lohn ein menschenwürdiges Leben führen können“, forderte Manuel Blendin.

Von der Arbeit vernünftig leben können

Auch in Deutschlands kämpften angesichts des Preisdrucks, den die großen Einzelhandelskonzerne erzeugen, kleine und mittlere landwirtschaftliche Betriebe um ihre Existenz. 2018 wurden fair gehandelte landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Europa im Wert von 112,7 Millionen Euro verkauft.

Zum Bespiel liefert Naturland-Landwirt Jakob Sichler seine Milch an die genossenschaftlich organisierte Molkerei Berchtesgadener Land und erhält dafür überdurchschnittliche Preise, denn seine Milch steht später mit dem Naturland Fair Zeichen im Kühlregal. Die Molkerei nehme auch kleinen Bauernhöfen in entlegenen und schwer erreichbaren Bergregionen die Milch ab und sichere so den Fortbestand kleinbäuerlicher Landwirtschaft in der Region, erläuterte Sichler.

„Fairer Handel heißt für mich, von der Arbeit, die ich liebe, auch vernünftig leben zu können, dazu gehört vor allem auch Planungssicherheit. Damit auch die nächste Generation eine Perspektive auf dem Hof hat“, schreibt Jakob Sichler, Landwirt von Naturland in der Presseerklärung des Forums.

END/nna/ung

Bericht-Nr.: 190808-01DE Datum: 8. August 2019

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