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Waldorfschule als Impuls zur sozialen Erneuerung

Mi, 16 Okt 2019 | Von NNA Mitarbeiter

2019 hat die Waldorfschule ihr 100jähriges bestehen gefeiert und versteht sich im Zusammenhang einer umfassenden gesellschaftlichen Erneuerung. Prof. Christoph Strawe berichtet über zwei Jubiläumsfeierlichkeiten.


Im Berliner Tempodrom wurden 100 Jahre einer weltweiten Waldorfschulbewegung gefeiert.
Alle Fotos: Charlotte Fischer/Waldorf 100

„Die Waldorfschule muss eine wirkliche Kulturtat sein, um eine Erneuerung unseres Geisteslebens der Gegenwart zu erreichen“ – dieses Zitat aus einer Rede von Rudolf Steiner am 20. August 1919 am Vorabend des ersten Lehrerkurses stellt die Gründung der Waldorfschule in den Zusammenhang einer umfassenden gesellschaftlichen Erneuerung. Man müsse mit einer „Umwandlung in allen Dingen“ rechnen: „Die ganze soziale Bewegung geht ja zuletzt auf ‚Geistiges’ zurück, und die Schulfrage ist ein Unterglied der großen geistigen brennenden Fragen der Gegenwart“, fuhr Steiner fort. Die Möglichkeit der Waldorfschule müsse genutzt werden, um „reformierend, revolutionierend im Schulwesen zu wirken.” NNA veröffentlicht hier in leicht veränderter Form den Bericht von Prof. Christoph Strawe zu den Jubiläumsfeierlichkeiten in Stuttgart und Berlin – mit freundlicher Genehmigung der Zeitschrift „Sozialimpulse“.

STUTTGART/BERLIN (NNA). Waldorf war von vornherein als immer weiter erstarkender und sich über die Welt verbreitender Sozialimpuls für ein freies Geistesleben im Kontext „sozialer Dreigliederung“ konzipiert. Im Hinblick auf das Erreichte können Lehrer und Eltern stolz und dankbar sein. Für die Schüler und Schülerinnen gilt das Gleiche. Zu Recht hatte man bei den Feiern zum 100. Geburtstag das Bedürfnis, die Pioniere der Schulbewegung zu würdigen. Doch sah man keinen Anlass, sich auf errungenen Lorbeeren auszuruhen. Die Waldorfpädagogik als lebendiger Impuls muss sich immer weiterentwickeln, um den heute an die Bildung gestellten Fragen gerecht zu werden.

„Heute gibt es über 1.100 Waldorf- (oder Waldorf-inspirierte) Schulen und knapp 2.000 Waldorfkindergärten in rund 80 Ländern. Und es werden immer mehr. Das Jubiläum nehmen wir zum Anlass, die Waldorfschule zeitgemäß weiterzuentwickeln und ihre globale Dimension stärker ins Bewusstsein zu rücken. Mit vielen Projekten auf allen Kontinenten. Seid gespannt und seid dabei: 100 Jahre sind erst der Anfang.” So liest man auf der Website von „Waldorf 100 | Learn to Change the World”.

Aus Anlass der 100 Jahre wurde rund um den Globus eine Fülle von Veranstaltungen organisiert. Nicht nur Dornach, Stuttgart und Berlin, sondern auch Buenos Aires und Bangkok gehörten zu den Veranstaltungsorten. Hier mögen zwei Veranstaltungen im Fokus der Aufmerksamkeit stehen – stellvertretend für alle anderen.

Festakt und Kongress in Stuttgart

Höchst beeindruckend waren die Veranstaltungen in Stuttgart, dem Ausgangspunkt der Waldorf-Bewegung und dem Schauplatz der Volksbewegung für die soziale Dreigliederung. Die Stuttgarter Waldorfschule Uhlandshöhe, die erste Waldorfschule überhaupt, hatte zu einem großen Festakt am 7. September eingeladen, um mit prominenten Gästen den 100. Geburtstag in der Liederhalle zu feiern. Festredner waren Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Oberbürgermeister Fritz Kuhn, Dr. Christoph Kühl, Lehrer für Mathematik/Physik und Schulführungsmitglied an der Schule Uhlandshöhe, Henning Kullak-Ublick vom Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen und internationaler Koordinator von Waldorf 100, Claus-Peter Röh als Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum in Dornach und, last but not least, Prof. Dr. Tomáš Zdrážil, Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart – Seminar für Waldorfpädagogik.

Zur Eröffnung spielte das Oberstufenorchester der Waldorfschule Uhlandshöhe eine Orchester-Phantasie über ein Gedicht von Ludwig Uhland, die Sebastian Bartmann für die Feier geschrieben hatte und die viel Beifall fand. Es folgte eine Begrüßung überraschender Art: 26 Schülerinnen und Schüler, alle an der Uhlandshöhe in der Schule, zugleich alle mit verschiedenen Wurzeln in der Welt, bildeten auf der Bühne einen Kreis. Sie traten nacheinander vor, um die Anwesenden in „ihrer” jeweiligen Muttersprache zu begrüßen, insgesamt in 23 Sprachen. Das wurde jedesmal mit großem Jubel beantwortet, der seinen Gipfelpunkt erreichte, als zuletzt ein Schüler alle in waschechten Schwäbisch willkommen hieß.

Große Begeisterung löste auch das Grußwort von Ministerpräsident Kretschmann aus. Die Waldorfschule sei eine der erfolgreichsten deutschen Bildungsideen, die nicht ohne Wirkung auf das Staatsschulwesen geblieben sei; ein Beispiel seien die Gemeinschaftsschulen. Dass es in Württemberg 1919 ein liberales Hochschulgesetz gegeben habe, sei ein historischer Glücksfall, der das Gelingen der kulturellen und pädagogischen Großtat der Schulgründung ermöglicht habe.

Kretschmann würdigte die unternehmerische Tat von Emil Molt und dessen soziales Engagement. Auch Rudolf Steiners Werk würdigte er eingehend und kenntnisreich. Das heikle Rassismus-Thema sparte er nicht aus, lobte in diesem Zusammenhang die Stuttgarter Erklärung der Waldorfschulen gegen Diskriminierung von 2007. Zur Dreigliederungsidee schilderte er nicht nur eigene Jugenderlebnisse, z.B. in Achberg. Der Ansatz, Freiheit für das Geistesleben, Gleichheit im Rechtsleben und Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben voranzubringen sei fruchtbar, wir seien hier weiter als die Gesellschaft 1919, aber man müsse zugeben, dass noch viel zu tun sei. Auch aus seinen eigenen Erfahrungen als Lehrer betrachtet, sei die Sozialform der kollegialen Führung an der Waldorfschule ein interessanter Ansatz.

Ebenfalls Fritz Kuhn fand passende Worte. Warum die Waldorfschule entgegen allem Gespött so erfolgreich sei? Das liege daran, dass die „Keimzelle von Steiners Erziehungslehre, das Lebendige im Menschen zu erwecken, tatsächlich ernst gemeint” sei. Ein weiterer Grund sei die Einbeziehung der Eltern.

Natürlich kann man fragen, ob die Politik nicht mehr tun könne für ein freies Bildungswesen, in dem öffentliche Schulen in freier und staatlicher Trägerschaft tatsächlich, bis in die Finanzierung hinein, gleichberechtigt sind. Das Gespräch darüber zwischen Zivilgesellschaft und Politik muss vorankommen.

Von Sonntag bis Dienstag setzten sich die Feierlichkeiten fort – in Form eines Arbeitskongresses „Am Anfang steht der Mensch” – mit über 500 Lehrerinnen, Lehrern und Waldorf-Studierenden, an die 100 Arbeitsgruppen, mehreren Diskussionsforen, Filmnachmittagen und künstlerischen Workshops. Der Kongress wurde gemeinsam getragen von Freier Hochschule und Schule Uhlandshöhe. Mit einem grandiosen Konzert der Waldorfphilharmonie klang er aus.

Jubiläumsfestival in Berlin

Ein weiterer Höhepunkt war das Jubiläumsfestival am 19. September im Berliner Tempodrom – mit mehr als 3500 Besuchern. Das Berliner Event gliederte sich in drei Abschnitte: „See the World“ – „Love the World“ – „Change the World“. Am Vormittag führten Berlin-Brandenburger Schüler*innen der ersten acht Schuljahre durch Zeiten und Kulturen der Welt. Unterstützung kam von Schülern aus Flensburg und Stuttgart. Wieder mit dabei: Die schon in Stuttgart gefeierten japanischen Trommler und der Chor aus Namibia lösten auch hier wieder Begeisterung aus, ebenso ein Orchester aus Australien und ein Orchesterprojekt aller Berliner Waldorfschulen.

Am Nachmittag dann: Impulsreferate und Kurzbeiträge von Lehrern und Freunden aus Europa, Afrika und Amerika. Es ging um den Austausch darüber, was pädagogisch, gesellschaftlich und menschheitlich heute gebraucht wird.

Welche Herausforderungen sich daraus für die Waldorfschulen, aber auch für eine zukunftsweisende Bildungspolitik auf diesem Weg stellen, wurde wie bereits zuvor in Stuttgart zum Thema, dabei auch die „Sieben Kernforderungen der Waldorfpädagogik an die Bildungspolitik“. Außerdem wurde der Trailer zu dem Waldorf 100-Film „digital rEvolution“ vorgestellt.

„Change the World“ am Abend: Dieser Abschnitt wurde überwiegend von älteren Schülerinnen aus China, Japan, Australien, Namibia und Europa gestaltet. Genannt sei hier nur die gemeinsame Eurythmieaufführung der Oberstufenschülerinnen aus verschiedenen Städten zu Beethovens 7. Sinfonie.

Einmalig war auch der Waldorf 100 Staffellauf, der seit mehr als einem Jahr quer durch Deutschland von Waldorfschule zu Waldorfschule führte und nach der letzten Etappe schließlich im Berliner Tempodrom endete. Auf dem Gelände fand ein umfangreiches Rahmenprogramm statt, u.a. traten Prominente mit Waldorfhintergrund auf. Es gab eine Lesung der Siegerstücke des Waldorf 100-Dramapreises. Vorträge, Filme und Theater, Open-Door-Konzerte und Workshops sowie einen Markt und einen Jugendpavillon.

Am Vortag des Festivals hatte der Bund der Freien Waldorfschulen auf einer Pressekonferenz in Berlin gefordert, Eltern sollten unabhängig von ihrer Finanzkraft die Schule für ihr Kind frei wählen können. Außerdem soll das Recht eines jeden Kindes auf selektionsfreie Bildung im Grundgesetz verankert werden. Die Forderungen wurden mit den Ergebnissen einer bundesweiten Elternstudie untermauert.

Medienecho auf 100 Jahre Waldorfschule

Da gab es gewiss neben viel Gutem auch manches Ärgernis bis hin zum Sektenvorwurf. Aber insgesamt scheint mir doch, dass der Versuch, ein differenziertes Bild zu vermitteln, vorherrschte. Das Spektrum der Kommentare ist vielfältig. Da gibt es die These, Waldorf sei nicht wegen, sondern trotz Steiners Anthroposophie erfolgreich. Da gibt es eine differenziertere Kritik, bei der die Intention deutlich wird, Waldorf – oder wenigsten den Erfolg von Waldorf – zu verstehen. Und es gibt viele positiv-kritische Würdigungen.

Positives war zu vernehmen z.B. in der ARD-Tagesschau oder in einem Bericht des SWR-Fernsehens. In der Stuttgarter Zeitung findet man in verschiedenen Artikeln verschiedene Standpunkte aus diesem Spektrum. Der Philosoph Hartmut Traub, ein Steiner-Kenner und -kritiker, schreibt in einem Leserbrief an die Süddeutsche, Waldorfschule ohne Steiner, das sei wie Protestantismus ohne Luther oder wie Aufklärung ohne Kant. Dem ist zuzustimmen.  

END/nna/nh

Bericht-Nr.: 191016-02DE Datum: 16. Oktober 2019

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