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Geflüchtete als Individuen mit eigener Biografie betrachten

Mo, 10 Feb 2020 | Von NNA Mitarbeiter

Die Beschulung geflüchteter Schüler stellt für alle Schulen in Deutschland eine große Herausforderung dar. Die Freie Waldorfschule Kassel zieht im fünften Jahr Bilanz ihrer internationalen Klassen.


Auszubildende aus Eritrea, Syrien und Afghanistan

Schüler der internationalen Klasse begrüßen die Gäste in ihrer Muttersprache beim Festakt zum 50jährigen Jubiläum des Berufsbildenden Gemeinschaftswerks der Freien Waldorfschule Kassel

Auszubildender aus Eritrea in der Holzwerkstatt des Gemeinschaftswerks

Auszubildende aus Syrien und Afghanistan beim Schaltschrankbau
Fotos: FWS Kassel

KASSEL (NNA) – An der Einrichtung von Willkommensklassen für junge Geflüchtete in Deutschland haben sich 2015 auch die Waldorfschulen beteiligt. Die Freie Waldorfschule in Kassel war – neben der Rudolf-Steiner-Schule Berlin-Dahlem – eine der ersten Waldorfschulen, die eine internationale Klasse eingerichtet hat. Nach fast fünf Jahren Beschulung von Geflüchteten hat sie jetzt eine Bilanz gezogen.

Für alle beteiligten Schulen in Deutschland stellte die Beschulung der geflüchteten Schüler ab dem Schuljahr 2015/16 eine große Herausforderung dar. Was konnten die Waldorfschulen hier leisten? „Uns ging es darum, ein Konzept aus der Waldorfpädagogik heraus zu entwickeln, das über die allgemein dargestellten Integrationsziele Sprachkompetenz, Schulabschlüsse und Berufsqualifikation hinausgeht“, erläutert J. Hüttich, Koordinator und Pionier des internationalen Teams der Kasseler Waldorfschule.

„Individuation fördern“ war dabei ein Schlüsselbegriff: „Wir wollten die hier Ankommenden nicht nur einfach in das Bestehende integrieren, sondern sie auch als Individuen betrachten. Integration greift zu kurz, wenn sie die Tatsache unberücksichtigt lässt, dass jeder Mensch seine biografischen Ziele und Möglichkeiten in sich trägt“, betont Hüttich. Nach dem Menschenverständnis der Waldorfpädagogik sei es gerade diese biografische Einzigartigkeit, die „jede menschliche Gemeinschaft bereichert und erneuert“.

Für das pädagogische Konzept der internationalen Klassen hieß das, den Schülern zur (Wieder-) Herstellung eines Selbstbezuges zu verhelfen und ihnen Vertrauen zu ihren eigenen Zielen und Möglichkeiten zu vermitteln. Außerdem sollte ihnen ein Bezug zur Welt ermöglicht werden, der davon ausgeht, dass „alles, was einem Individuum begegnet, Gelegenheit zum Selbstaufruf und zur Selbstwerdung ist“, wie es in einem schriftlichen Bericht der Kasseler Waldorfschule dazu heißt.

Erfolgreicher Anschluss

Seit der Einrichtung der ersten Willkommensklasse haben die Freie Waldorfschule Kassel und das ihr angeschlossene Berufsbildungswerk insgesamt 108 junge Geflüchtete aufgenommen – entweder in eine zweijährige Intensivklasse mit Ü-16-Schülern auf dem Niveau der Klassenstufe 9/10, über die direkte Integration von Quereinsteigern von Ü14-Schülern in die Klassen 8 bis 11 oder in die berufliche Ausbildung in den Gewerken Metall, Holz oder Elektro.

Die Erfolge können sich sehen lassen: insgesamt konnten u.a. 46 mittlere Abschlüsse vergeben werden, 18 Schüler befinden sich derzeit im 2. oder 3. Lehrjahr der beruflichen Ausbildung, das heißt, fast alle Schüler haben den Anschluss an das deutsche Schul- und Ausbildungswesen geschafft. Dies auf Basis eines dreifachen berufsbezogenen Fachunterrichtes (gegenüber den Berufsschulen) und Einzelbetreuung an der Werkbank um die deutsche Fachsprache zu erlernen. Zur Zeit besuchen noch 19 internationale Schüler die oberen Klassen oder die internationale Klasse.

Der große Teil der seit 2015/16 beschulten Jugendlichen stammt aus Afghanistan, Eritrea, Somalia und Syrien, weitere kommen aus Äthiopien, Iran oder dem Irak. Überwiegend waren sie ohne ihre Familie nach Europa geflüchtet. Das Niveau der Schüler war sehr unterschiedlich – es reichte von Analphabeten bis hin zu Schülern, die bis zur 11. Klasse in Syrien die Schule besucht hatten. Diese Diversität wurde so zur ersten Herausforderung für das Team der internationalen Klasse in Kassel. Verschiedene Sprachen (Farsi, Dari, Paschtu, Somalisch, Arabisch, Tigrinja) und verschiedene Religionen (Muslime, Sunniten und Schiiten, orthodoxe Christen, Jesiden) kamen hinzu, auch verschiedene Volksgruppen aus den einzelnen Ländern wie Hazara oder Kurden waren in die Klassengemeinschaft zu integrieren.

Zu bewältigen waren auch die starren Schulformen, die die Schüler aus dem Heimatland gewohnt waren: „Was heißt: auswendig lernen, keine Kenntnis von Wissenstransfer zu haben oder von dem bei uns in der Mittelstufe angelegten Vermögen, eigenständig Inhalte in Form und Schrift zu bringen.“ Hier mussten die Lehrer flexibel reagieren hinsichtlich der Fächer und auch der geeigneten Stoffauswahl – alles in allem eine „hohe Herausforderung“, betont der Bericht.

Schutzraum Schule

Die Lehrkräfte an der Freien Waldorfschule Kassel haben außerdem Erfahrungen gemacht mit den zwei Formen der Beschulung der Geflüchteten, die sonst in der Regel auf verschiedene Schularten verteilt waren: der Intensivklasse nur mit Geflüchteten auf der einen und dem Quereinstieg direkt in Regelklassen auf der anderen Seite. So ist der Bericht auch in der Lage, beide Formen zu vergleichen. Er spricht sich eindeutig für die Einrichtung der Intensivklassen aus: Es zeige sich, dass sich die zweijährige Intensivklasse für die Ü-16-Schüler als „sinnvollste Art der Beschulung“ erwiesen habe. Sie sei der „Schutzraum Schule“ geworden für die Schüler mit entsprechenden Gruppen- und Einzelentwicklungs-möglichkeiten in allen Fachgebieten, die die Schule haben anbieten können.

Dieses Angebot reichte von Formenzeichnen über Mathematik, Sprachunterricht, Religion, Eurythmie, Sport, phämomenologischen Unterricht in Physik, Chemie und Biologie, Werken, Malen, Zeichnen bis hin zur Astronomie. Durch das breite Fächerangebot der Waldorfschule mussten sich die geflüchteten Schüler nicht nur in überwiegend kognitiven Fächern wie im staatlichen Schulwesen zurecht finden. Hinzu kamen drei Theaterprojekte, in denen auch Erfahrungen mit der Flucht künstlerisch aufgearbeitet werden konnten. Die internationale Klasse wurde kontinuierlich von zwei Lehrern für Deutsch als Zweit/Fremdsprache beschult und von einer Sozialarbeiterin betreut.

Der Quereinstieg direkt in die Regelklassen überforderte demgegenüber einen Teil der Schüler: sie verließen die Schule, weil sie der Übergang von ihren gewohnten Lernformen mit einfachem Repetieren der Inhalte zu den Lernformen der Waldorfschule irritiert habe, heißt es dazu im Bericht. Es habe die intensive Begleitung gefehlt, um so Vertrauen in die eigenen Lernschritte zu entwickeln.

Als förderlich erwies sich neben den waldorfspezifischen Fächern und Herangehensweisen der Waldorfpädagogik auch die Tatsache, dass den geflüchteten Jugendlichen durch das Berufsbildende Gemeinschaftswerk direkt an der Schule ein kontinuierlicher Übergang in die Berufsausbildung möglich geworden ist. So hätten die Schüler und Schülerinnen eine „Aufnahmekultur“ kennengelernt, in der sie für ihre schulische und berufliche Entwicklung innerhalb von maximal fünf Jahren Vertrauen und Sicherheit erleben konnten.“

Therapeutsche Gesichtspunkte

Ausführlich geht der Bericht auch auf die seelische Verfassung der geflüchteten Schüler ein, die die Lernprozesse beeinträchtigt hat. Fehlende Lebenskräfte für das Erinnerungsvermögen seien schnell zum Vorschein gekommen z.B. im Eurythmieunterricht – eine Folge der Erlebnisse im Fluchtzusammenhang. „Am Vortage Gelerntes ist anderntags wie ausgelöscht“. Therapeutische Gesichtspunkte hätten greifen können, aber nicht im Großgruppenzusammenhang. Abhilfe habe erst durch einzelne, bewegungsorientierte Fördermaßnahmen geschaffen werden könne, wird im Bericht betont.

Stets präsent sei „das Fremdsein, vordringlich die Angst“ gewesen. „Werde ich hier ankommen? Darf ich bleiben? Genüge ich den Anforderungen?“ „Bin ich dem Leistungsdruck gewachsen?“ formuliert der Bericht die Fragen, die die Schüler und Schülerinnen ständig beschäftigt haben. Formelle Ablehnungsbescheide im Asylverfahren hätten zudem „große Unruhe in die Gruppe“ gebracht, ebenso wie die stete Sorge um Familienangehörige, die trotz Kriegswirren zu Hause geblieben seien oder irgendwo auf der Fluchtroute feststeckten.

„Schlaflosigkeit war weit verbreitet“. Schüler seien auch unter Druck gesetzt worden, Geld zu verdienen, eigentlich Haupternährer der Familie zu Hause zu sein, während die Schule ihnen parallel schulisches Verhalten habe antrainieren wollen.

Dass die Mehrzahl der Schüler und Schülerinnen unbegleitete junge Menschen waren, stellte die Kasseler Waldorfschule noch vor eine weitere Herausforderung, setzt sie bei ihren Regelschülern doch auf eine intensive Mitarbeit der Elternhäuser. „Berechtige Anfangszweifel“ habe man hier gehabt, ob die Schule das Nicht-Vorhandensein von Elternhäusern wirklich werde ausgleichen können. Das Projekt habe jedoch gezeigt, „dass aus einer intensiven Begleitung eines Kernteams, seien es Lehrer, Sozialpädagogen, FSJler oder Bundesfreiwilligendienstler, der fehlende Elternteil ersetzt werden kann“.

Eine gesunde Schulstruktur könne das Fehlen des Elternhauses auffangen, erforderlich sei jedoch ein erhöhter Aufwand an Mitarbeit auf der Verwaltungs- und Steuerungsebene und ein beständiges Fundraising, um die finanziell aufwändigen Zusatzmaßnahmen abdecken zu können. Auch der notwendige Einsatz der Schulküche für die Jugendlichen sei hervorzuheben. Der dreifache berufsbezogene Fachunterricht in Fachdeutsch fördert das Ankommen. Das Nebeneinander von Regelschülern und internationalen Schülern in den Werkstattbereichen, wie in der Schule, ist gelebte Integration.

Herausforderung der Zeit

Das Kasseler Modell der Beschulung von Geflüchteten war nur durch ein ganzes Netzwerk von Unterstützern und Förderern möglich, dass sich die Waldorfschule und das internationale Team geschaffen haben. Es wurde unterstützt durch Maßnahmen des Hessischen Kultusministeriums, der Software AG Stiftung Darmstadt, von DM Karlsruhe, der Hübner-Kennedy-Stiftung Kassel, der Mahle Stiftung Stuttgart, der Bürgerstiftung Kassel sowie zahlreichen Privatspenden.

Die Freie Waldorfschule mit ihrem internationalen Team sieht die internationale Beschulung als „eine Herausforderung der Zeit, die zu einer weltoffenen Haltung erzieht, die das Eigene und das Fremde umschließt.“ Sie führe alle Beteiligten weg vom vertrauten Ambiente und einem verschärften Blick auf die eigene Nation. „Damit ebenen wir den Weg zu einer zukünftigen Pädagogik, in der beteiligte Menschen couragiert schwierige Ziele gemeinsam erreichen.“

Als nächste Ziele will das Team den Schülern muttersprachlichen Unterricht ermöglichen, wie es z.B. in Skandinavien bereits verpflichtend ist. Außerdem sollen transkulturelle Unterrichtsinhalte verstärkt mithilfe von Fachkollegen entwickelt werden und eine sozialpädagogische Unterstützung für die Schüler und Schülerinnen auch nach Verlassen von Schule und Berufsbildungswerks verstärkt werden. Die neu eingerichtete Schneiderei lässt nun auch geflüchteten Mädchen einen längeren Aufenthalt gewähren.

END/nna/ung

Quelle: Bericht über die internationalen Klassen der Freien Waldorfschule Kassel.

Bericht-Nr.: 200210-03DE Datum: 10 Februar 2020

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