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Sechs Monate, die die Welt drastisch veränderten

Di, 28 Jul 2020 | Von NNA Mitarbeiter

Am 27. Januar wurde in Deutschland der erste COVID-19-Fall festgestellt. NNA bietet eine Bestandsaufnahme wie sich die Pandemie seitdem entwickelt und sich das Leben drastisch verändert hat.


Unter Lockdown um die Ausbreitung des Corona-Virus zu bremsen wurden Altersheime zu Sperrgebieten

Spielplätze standen leer

Dinner zum mitnehmen bei geschlossenen Restaurants und

Fitnesstudio zu Hause.

Und jeder zündete eine Fürbittekerze an.

Langsam kehrt die neue Realitat ein mit Uniseminaren im Freien mit Social Distancing.

Aber zu Ostern gabe es auch eine positive Nachricht.
Fotos: Cornelie Unger-Leistner

Gerade einmal sechs Monate ist es her, dass in Deutschland der erste Fall von COVID-19 diagnostiziert wurde – am 27.1. in Bayern. Sechs Monate, die das Leben in nahezu allen Staaten der Welt in einer Weise verändert hat, wie sich das niemand hätte zuvor vorstellen können. NNA versucht einen Rückblick.

BERLIN/LONDON/ZÜRICH (NNA) – Konnte man den Fall bei dem bayrischen Autozulieferer Webasto im Januar mit zunächst 13 infizierten noch auf die Kontakte mit China beziehen und sich in relativer Sicherheit wiegen, wurden die Menschen in Deutschland rund zwei Wochen später durch den Ausbruch von COVID-19 in Nordrhein-Westfalen aufgerüttelt. Dort hatten sich am 15. Februar in Gangelt/Kreis Heinsberg 300 Menschen bei einer Karnevalssitzung infiziert.

Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das neue Virus inzwischen den Namen Sars-CoV-2 (severe acute respiratory syndrome coronavirus 2) bekommen, die dadurch ausgelöste Krankheit wird als COVID-19 bezeichnet. Am 11. Februar erklärt die WHO die COVID-19-Epidemie offiziell zur Pandemie, d.h. einer länder- und kontinentübergreifenden Infektionskrankheit beim Menschen. Zu diesem Zeitpunkt entwickelt sich Europa zu einem Schwerpunkt von COVID-19 mit 20.000 Erkrankten und 1.000 Todesfällen.

Eine weitere Etappe des Verlaufs in Deutschland bilden dann die Ferien in Bayern und Baden-Württemberg in der letzten Februarwoche, die viele Menschen in diesen beiden Bundesländern traditionellerweise als Skiurlaub verbringen – oft in Österreich. Hier wurde der Wintersportort Ischgl zu dem, was heute im neuen Coronavokuabular „Hotspot“ heißt – ein Ort, an dem sich viele Menschen mit COVID-19 infiziert haben.

Zwei Wochen später, am 10. März waren in Deutschland dann bereits 1.457 Fälle von COVID-19 zu verzeichnen. Auch zu diesem Zeitpunkt dachten noch die meisten Mitbürger, dass Deutschland um strikte Maßnahmen, wie sie mit der Abriegelung ganzer Regionen bzw. der Millionenstadt Wuhan in China ergriffen wurden, herumkommen würde. Heimlich hatte derweil jedoch das eingesetzt, was in der neuen Coronafachsprache, die alle bis zum Sommer gelernt haben würden, „exponentieller Anstieg“ heißt: am 28. März werden in Deutschland bereits 53.340 COVID-19-Infektionen gemeldet.

Nun überschlägt sich die Entwicklung. Zahlreiche Länder reagieren auf die Pandemie mit Grenzschließungen – Tausende von deutschen Touristen sitzen im Ausland fest. Das Auswärtige Amt startet eine beispiellose Rückholaktion, 240.000 Personen werden bis Ende April nach Deutschland zurückgeflogen. Dabei kamen die am Boden stehenden Lufthansajets zum Einsatz, durch die Pandemie kam der Luftverkehr weltweit zum Erliegen.

„Flatten the curve“

Am 17. März hatte das Robert-Koch-Institut angesichts des exponentiellen Wachstums der Erkranktenzahlen bereits seine Risikoeinschätzung geändert und das gesundheitliche Risiko für die deutsche Bevölkerung als „hoch“ eingestuft. Ein neuer Begriff wurde in die Diskussion gebracht: „Flatten the curve“ – diesen Anstieg zum Erliegen bringen, bevor das Gesundheitssystem auch in Deutschland überfordert wird mit den 20% schweren Fälle von COVID-19, die auf Intensivstationen behandelt werden müssten. Wie es sich anfühlt, wenn das passiert, konnten die Deutschen in den Nachrichten aus Italien beobachten.

Die Bundesregierung reagiert auf diese neue Lage – wie die meisten anderen europäischen Länder – dann zügig mit einer Reihe von Maßnahmen, die das öffentliche Leben einschränken, um so die Verbreitung von COVID-19 zu verlangsamen. Ab dem 16. März werden gemäß einer Vereinbarung von Bund und Ländern Museen, Bars, Kinos, Klubs und Schwimmbäder überall in Deutschland geschlossen. Mit dem Lockdown am 23. März werden auch die meisten Geschäfte geschlossen – bis auf Supermärkte und Baumärkte. Die Bundesbürger werden aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben, viele Firmen verlagern ihre Arbeit ins Homeoffice. Auch die Schulen machen dicht, der Unterricht soll digital oder mit Material, das per Post oder Email kommt, zu Hause von den Eltern betreut werden.

Die Hochschulen stellen auf Online-Lehrveranstaltungen um. Ansammlungen von Menschengruppen in der Öffentlichkeit werden untersagt, zwei Personen können sich treffen, aber sie dürfen nur zwei Haushalten entstammen.

Eine kontroverse Diskussion darüber kommt in Gang, inwieweit verbindliches Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes dazu beitragen kann, COVID-19 einzudämmen. Während noch das Robert-Koch-Institut und auch die WHO den Nutzen anzweifeln – möglicherweise auch wegen der nicht ausreichenden Verfügbarkeit der Masken- prescht die ostdeutsche Stadt Jena vor. Am 6. April macht die Stadt das Tragen der Maske zur Pflicht, die Bürger und Bürgerinnen werden aufgefordert, selbst Masken herzustellen, um ein ausreichendes Angebot sicherzustellen. Andere Städte ziehen nach, während andernorts das Maskentragen als übertrieben eingestuft wird. Aber Jena gelingt es dadurch, seine Infektionszahlen nahezu auf Null zu drücken. Eine Studie der Universität Mainz bestätig im Juni diesen Erfolg.

Ende Mai werden die Maßnahmen gelockert – der Druck der zum Teil stillgelegten Wirtschaft und auch der gestressten Eltern auf die Bundesregierung wird immer stärker. Die Bundesländer gehen dabei mit unterschiedlichem Tempo vor – je nach Betroffenheit. Am Ende beschließen Bund und Länder, die Verantwortlichkeit für Coronamaßnahmen zu regionalisieren und so der unterschiedlichen Lage Rechnung zu tragen. Sie legen sich aber auf eine gemeinsame Grenze fest, die Handlungsbedarf anzeigen soll: 50 Erkrankungen auf 100.000 Einwohner ist das Limit.

Ausgesetzt bleiben aber auch weiterhin Großveranstaltungen und in den wiedereröffneten Restaurants und Hotels greifen eine ganze Reihe von Hygienemaßnahmen sowie die Erfassung der Kontaktdaten der Gäste, um potenzielle Infektionen nachzuverfolgen. Im Juli wird dann nach längeren Verhandlungen auf EU-Ebene die Reisewarnung für die EU-Länder aufgehoben, die Bundesbürger hoffen, die Ferien doch noch wie gewohnt in einem ihrer Lieblingsurlaubsländer verbringen zu können. Aber auch der Urlaub in Deutschland ist plötzlich ganz en vogue.

Verschwörungstheorien aller Schattierungen

Bis heute gibt es Zeitgenossen, die die ganze Corona-Pandemie als „von den Medien aufgebauscht“ und von undurchsichtigen Kräften gesteuert betrachten und die getroffenen Maßnahmen als unnötig betrachten. Diesen Thesen gemäß, die vor allem über Youtube-Vorträge und in den Sozialen Medien verbreitet werden, steckt eine Strategie von Pharmakonzerne und Lobbyisten dahinter, die darauf aus sind, mit den zu entwickelnden Impfstoffen gegen COVID-19 ein großes Geschäft zu machen – allen voran Bill Gates und seine Gates Foundation.

Verschwörungstheorien aller Schattierungen dazu kursieren bis heute – ungeachtet des dramatischen tatsächlichen Verlaufs der globalen Pandemie. Immer wieder wird behauptet, bei COVID-19 handele es sich um eine Erkrankung, deren Ausbreitung und Verlauf mit der alljährlichen Influenzawelle verglichen werden könne.

Dieser Auffassung schlossen sich auch Regierungschefs an wie zunächst US-Präsident Donald Trump, der britische Regierungschef Boris Johnson und Brasiliens Präsident Jair Bolsenaro. Während die europäischen Länder mit Ausnahme von Schweden angesichts des exponentiellen Anstiegs der an COVID-19 Erkrankten ab Mitte März drastische Maßnahmen verhängten wie Ausgangssperren und ein Herunterfahren eines Großteils des Wirtschaftslebens, so zögerten Johnson, Trump und Bolsenaro mit derartigen Eingriffen, von deren Notwendigkeit sie sich auch durch wissenschaftlich-medizinischen Berater nicht überzeugen ließen. Alle drei Länder gehören inzwischen zu den am meisten von der Pandemie betroffenen Gebieten, Großbritannien hat die meisten Todesopfer in Europa zu beklagen.

Auch die Teilnehmer der sog. Hygienedemos, zu denen sich im Mai und Juni in Berlin und Stuttgart eine Vielzahl von Menschen trafen, nachdem die Coronamaßnahmen in Deutschland wieder gelockert worden waren, folgten dieser Argumentationslinie – es sei nicht gerechtfertigt gewesen, derart weitreichende Maßnahmen zu ergreifen zugunsten intransparenter Interessen.

Angeblich ging es den Demonstranten um die Wahrung der Persönlichkeitsrechte – verschiedene Organisationen der Zivilgesellschaft distanzierten sich jedoch schnell von diesen Aktivitäten, da die Proteste offenkundig auch von der rechtsextremen Szene organisiert worden waren. Sie erhoffte sich, durch Kritik an den Coronamaßnahmen Unmut gegenüber der Regierung zu schüren, der sich dann für sie bei den nächsten Wahlen auszahlen könnte. Wirklich erfolgreich war die rechte Szene damit jedoch nicht, wie sich immer wieder in Umfragen zeigte: Die überwiegende Mehrheit der Bundesbürger befürwortet den Coronakurs der Bundesregierung. (siehe z.B. Politbarometer des ZDF).

Übersterblichkeit

Das Argument der Coronaskeptiker, die Gefahren, die von COVID-19 drohten, seien nicht wesentlich höher als bei Influenza, ist inzwischen durch die Statistiken zur Übersterblichkeit ad absurdum geführt worden. Eine Übersicht auf der BBC-Homepage stellt diese Daten zusammen. Sie zeigen, wieviel Menschen von März bis Mai in den jeweiligen Ländern mehr verstorben sind aufgrund der Pandemie als in anderen Jahren.

Lediglich Norwegen (1%), Dänemark und Deutschland (4%) weisen einstellige Werte auf, gefolgt von der Schweiz (10%) und Österreich (11%). In denen von COVID-19 am meisten betroffenen europäischen Ländern starben wesentlich mehr Menschen als sonst: Spanien 50%, Großbritannien 43%, Belgien 37%, Niederlande 30%, Frankreich 25% und Portugal 15%. Schweden, das mit seiner Coronapolitik einen Sonderweg ohne Lockdown beschritten hat, weist in dieser Statistik eine Übersterblichkeit von 24% auf. Außerhalb von Europa finden sich noch wesentlich höhere Werte wie z.B in Peru mit 87% oder Ecuador mit 108%.

Der schwedische Sonderweg – von den Coronaskeptikern stets als Beispiel angeführt, dass die Maßnahmen in Deutschland nicht notwendig waren, wird im Land selbst inzwischen stark kritisiert. So warnen schwedische Mediziner in einem Gastbeitrag für USA today Länder gerade eindringlich davor, sich den „schwedischen Weg“ als Beispiel zu nehmen, wie es Demonstranten in den USA auf Schildern gefordert hatten. Sie verweisen auf die hohe Todesrate in Schweden, die mit 556 Toten pro einer Million Einwohner sogar noch höher sei als in den USA mit 425 Verstorbenen.

Der Sonderweg Schwedens habe zu „Tod, Trauer und Leid“ geführt. Schweden hatte Schulen und Kindergärten nicht geschlossen, keine Maskenpflicht verordnet und auch Familienmitglieder von Infizierten sollten weiterhin in die Schule und zur Arbeit gehen. Offensichtlich habe die Regierung gehofft, damit die sog. Herdenimmunität zu erreichen, eine Vielzahl von Menschen, die die Krankheit hinter sich hätten. Dies treffe aber auch jetzt nur für 10% der Bevölkerung zu, schreiben die Wissenschaftler. Es gäbe auch keine Hinweise darauf, dass wenigstens die schwedische Wirtschaft durch diesen Sonderweg besser durch die Krise gekommen sei: „Im Moment haben wir ein Exempel für den Rest der Welt statuiert, wie man nicht mit einer tödlichen, ansteckenden Krankheit umgehen sollte.“

Ein halbes Jahr nach dem ersten Ausbruch von COVID-19 in Deutschland sind weltweit 16.264.048 Menschen erkrankt und 648.966 verstorben. Während die Zahl der täglich neu registrierten Erkrankungen in den meisten Ländern Europas zurückgeht, ist sie in Amerika und Asien im Steigen begriffen. Die am stärksten betroffenen Länder sind derzeit die USA, Brasilien, Indien, Russland, Südafrika, Mexiko, Peru, Chile und Großbritannien. (Link:

Besorgt blicken Virologen in allen europäischen Ländern jedoch auf neue Ausbrüche von COVID-19, die entweder in bestimmten Branchen wie der Fleischindustrie oder auch der Landwirtschaft entstanden sind sowie auf die Urlaubsreisen innerhalb von Europa oder auch in Risikogebiete, in denen höhere COVID-19-Erkrankungsraten anzutreffen sind wie die Türkei oder Ägypten. Auch in Deutschland stieg die Zahl der Neuinfektionen vor diesem Hintergrund Ende Juli von ca 500 pro Tag durchschnittlich wieder auf über 800 an.

Österreich verschärfte die Pflicht zum Tragen der Schutzmasken wieder, die zurückgenommen worden war, als es im beliebten Urlaubsgebiet am Wolfgangsee jetzt zu neuen COVID-19 Ausbrüchen kam – Praktikanten in elf Tourismusbetrieben hatten sich infiziert. Spanien machte eine Erfahrung mit Hunderten von feiernden Touristen auf Mallorca und verschärfte ebenfalls die Pflicht zum Maskentragen wieder und schloss Bars für die nächsten zwei Monate. Eine Urlauberfamilie aus Mallorca wurden in Deutschland positiv getestet – so die letzte Meldung.

Ein halbes Jahr nach dem ersten COVID-19-Fall in Deutschland: alles in allem zeigt sich, dass es ein zwar verständlicher, aber unrealistischer Traum ist, das Leben könne bald wieder in normale Bahnen wie vor den „Coronazeiten“ zurückfinden und mit dem neuartigen Sars-Co-V2-Virus könne man sich arrangieren wie mit den Influenzaviren in jedem normalen Winter.

END/nna/nh

Bericht-Nr.: 200729-01DE Datum: 28. Juli 2020

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