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„Was Corona für unseren Schulalltag bedeutet”

Do, 24 Dez 2020 | Von Caroline Stadnick

Die Lakota-Waldorfschule kämpft mit Schwierigkeiten in einer Zeit, in der sie wegen Corona geschlossen sein muss. Sonderpädagogin Caroline Stadnick berichtet, wie doch alles getan wird, um den Kindern gerecht zu werden.


Obwohl die Lehrpersonen ihr Bestes versuchen, ist es nicht einfach, die Motivation der Kinder beim „Homeschooling“ aufrecht zu erhalten.
Fotos: Lakota Stiftung

Die Lakota-Waldorf-Schule im Pine Ridge Reservat in South Dakota (USA) kämpft mit dem „großen Unterfangen, die Lakota-Waldorfschule sicher durch diese Pandemiezeit zu navigieren“, heißt es im Newsletter der Lakota Stiftung. Sonderpädagogin Caroline Stadnick berichtet.

PINE RIDGE/SOUTH DAKOTA (NNA) – Alle Menschen, welche die Lakota-Waldorf-Schule besucht hatten, erlebten, wie isoliert und auch einzigartig unsere Gemeinde lebt. Das Pine-Ridge-Indianer-Reservat hat seine eigene Regierung und eigene gerichtliche Zuständigkeit. Das bedeutet, dass unser Stammesrat, der Oglala Sioux Tribe (OST), und der Stammespräsident unabhängige, rechts gültige Beschlüsse fassen können, was das Reservat und dessen Bewohner betrifft. Das Pine-Ridge-Reservat untersteht nicht dem Rechtsraum des Staates Süddakota.

Da der Gesundheitszustand der Oglala im Allgemeinen sehr schlecht und die medizinische Versorgung ungenügend ist, gehören wir zu der Hochrisiko-Population. Um das Risiko zu minimieren, mit dem Covid-19- Virus angesteckt zu werden, hat der Oglala-Sioux-Stammesrat (OST) im März eine Shelter-in-Place-Verordnung erlassen, welche Reisetätigkeiten im Reservat beschränkt und alle Bewohner anweist, zu Hause und in Selbstisolation zu bleiben.

Auf den Zufahrtsstraßen zum Reservat gibt es Checkpoints, welche Besuchern den Zutritt zum Reservat verweigern. Zugelassen werden nur essenzielle, geschäftliche Arbeiter wie zum Beispiel die Postangestellten. In dieser Verordnung, die immer noch in Kraft ist, wird auch verfügt, dass alle Bildungsstätten nur Fernunterricht anbieten dürfen, zumindest im ersten Viertel des akademischen Jahrs 2020/21. Die Verordnung sagt außerdem, dass auch für Schulen nur eine beschränkte Reisetätigkeit gestattet ist. Deshalb ist es Schülern nicht erlaubt, für den Unterricht oder für außerschulische Aktivitäten in die Schule zu kommen.

So kann der gesamte Unterricht nur virtuell mit Distance Learning statt finden oder indem wir ihnen das Schulmaterial in Paketform überbringen. Während dieser Zeit der Selbstisolation machen wir Lehrkräfte uns natürlich Sorgen über den mentalen und physischen Gesundheitszustand unserer Schülerinnen und Schüler. Wir bemühen uns darum, ihnen trotz dieser speziellen Situation die kleinen Freuden und Annehmlichkeiten des Lebens zu erhalten.

Kein Ende in Sicht

Leider sind wir nicht in der Lage, uns mit unseren Schülerinnen und Schülern persönlich auszutauschen und ihnen in ihrer Entwicklung eine Unterstützung zu sein, so wie wir es normalerweise tun würden. Seit September steigt die Covid-19-Ansteckungsrate hier im Reservat täglich um etwa 20 Prozent und ein Ende ist nicht in Sicht. Normalerweise basiert unsere Ausbildungsarbeit auf der Waldorf-Pädagogik – eingebunden in Sprache und Kultur der Lakota.

 Für uns Lehrkräfte bringt der verordnete Fernunterricht aber große Schwierigkeiten mit sich. Da wir uns mit unseren Schülerinnen und Schülern nicht austauschen können, fehlt uns das Feedback und wir können unser pädagogisches Handeln kaum ihren individuellen Bedürfnissen anpassen. Stattdessen sind wir gezwungen, via Computer, Telefon, Arbeitsblätter und Zoom-Konferenzen zu kommunizieren, alles Praktiken, die eigentlich unseren Grundwerten als Waldorf-Lehrkräfte zuwiderlaufen.

Die Unterrichtsinhalte vermitteln wir auf verschiedenen Wegen. So haben wir einen „Multi-Methoden-Lehrplan“ erarbeitet mit Online-Unterricht, wöchentlichen Hausaufgaben-Paketen, Youtube-Videos und Mathematik-Websites. Das ist das Beste, was wir in dieser Situation im Moment tun können.

Und wie geht es den Kindern mit all den Veränderungen? Die meisten fühlen sich alleine und verwirrt, kaum motiviert, Hausaufgaben zu erledigen oder am Zoom-Unterricht teilzunehmen. Dazu fehlt ihnen der strukturierte Alltag mit rhythmischer Vielfalt, wie sie es in der Schule erleben. Sie vermissen ihre „Gspänli“ (Kameraden) und das Spielen mit Freundinnen und Freunden.

Viele Eltern arbeiten tagsüber und haben wenig Zeit, ihnen beim „Homeschooling“ zu helfen – die meisten Eltern fühlen sich damit überfordert.

Glücklicherweise können wir allen Schülerinnen und Schülern immer noch ihr tägliches Lunch-Paket zubereiten, welches ihnen der Schulbusfahrer nach Hause bringt. Dabei nutzen die Lehrkräfte eine Grauzone in der Verordnung. Sie fahren mit dem Busfahrer mit und können so ein paar persönliche Worte mit den Kindern wechseln und die Vertrauensbeziehung mit ihnen pflegen. Sobald das Erziehungskomitee des Stammesrats unseren Wiedereröffnungsplan akzeptiert, wird auch wieder ein persönlicher Austausch mit ihnen möglich sein. Speziell wichtig wird dann der Wiederaufbau ihrer körperlichen und mentalen Gesundheit sein.

Dafür haben wir ein umfassendes Programm entwickelt mit Angeboten in Kunsttherapie, Lernhilfe und mit sozialen Aktivitäten – ein Programm, das allen Schülerinnen und Schülern individuell zugutekommen soll, gleichzeitig aber die Corona-Richtlinien respektiert.

Wellness-Pakete

Mithilfe von Mitteln aus dem Covid-Notfall-Fonds des „First Nations Development Institutes“ und der „Santa Fe Tobacco Company Stiftung“ waren wir in der Lage, all unsere Schülerinnen und Schüler mit dem notwendigen Schulmaterial auszustatten. Dazu gehören Bücher, Schreibmaterial und alles, was die Kinder brauchen, um sich zu Hause einen Arbeitsplatz einzurichten. Viele Kinder haben zu Hause keine Schreibstifte oder Papier, so tun wir alles, um ihnen das Lernen etwas leichter zu machen.

Auch haben wir ein «Wellness-Paket» für alle Kinder zusammengestellt, welches ihnen hilft, in der Zeit der Isolation über die Runden zu kommen. Dazu gehören unter anderem biologische Handseife, ein Pflanzset mit Samen und Torf zum selber Aussäen, ein Springseil, ein Spielball (hackeysack), eine Heißwasser-Flasche und vieles mehr.

Wenn unsere Hände auch gebunden sind in dieser Zeit der Isolation, bemühen wir uns dennoch, unseren Schülerinnen und Schülern ein ganzheitliches Schulerlebnis zu vermitteln. Gleichzeitig bereiten wir uns auf die Zeit der Wiedereröffnung vor, in welcher wir dann die Möglichkeit haben werden, alle akademischen und sozialen Defizite der Quarantäne-Zeit wieder aufzuholen.

END/nna/nh

Bericht-Nr.: 201224-01DE Datum: 24. Dezember 2020

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