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Kommunikation, Transparenz und Vertrauen: Wie eine erfolgreiche Pandemiebekämpfung in Neuseeland gelingen konnte

Do, 24 Dez 2020 | Von NNA-Korrespondentin Vee Noble

Neusseland gilt als eine der Erfolgsgeschichten weltweit in der Corona-Pandemie. Hier blickt NNA-Korrespondentin Vee Noble auf aus neusseländischer Perspektive auf ein Jahr mit dem Virus zurück.


Premierministerin Jacinda Ahern und

der Direktor der Gesundheitsbehörde Dr. Ashley Bloomfield genossen von Anfang an das Vertrauen der Bevölkerung.
Fotos: www.govt.nz

WELLINGTON (NNA) – Neuseeland registrierte seinen ersten Covid19-Fall am 28.Februar 2020. Die kleine Nation im Pazifik war – wie der Rest der Welt – auf diese Pandemie in keiner Weise vorbereitet. Trotzdem gilt Neuseeland bei der WHO, bei Bloomberg und bei vielen internationalen Staatschefs als Nummer eins bei der Bewältigung der Pandemie und beim Kampf gegen das Virus. Einen besseren Platz zum Leben in diesem Corona-Jahr konnte man sich nicht vorstellen.

Aber wie hat das Land es geschafft, dass es seit Oktober keine Übertragungen des Virus mehr gegeben hat und jetzt auf ein Weihnachten und einen Sommer ohne Einschränkungen zugeht?

Die Antwort auf diese Frage liegt in den Neuseeländern und ihrer weltbekannten Haltung  „Sie wird’s schon richtig machen“, die den stets optimistischen Zug der „Kiwis“ zeigt, sich an herausfordernde Situationen anzupassen und mit allem, was zur Hand ist, zu improvisieren – mit dem Ziel, in einer schwierigen Umgebung zu überleben. Hinzukommt ein Vertrauen der Bevölkerung in die Regierung und alles zusammen ergibt die Formel für ein positives Zusammenwirken der neuseeländischen Gesellschaft.

Von Anfang an hatten Premierministerin Jacinda Ardern, Behördenvertreter und Gesundheitsexperten dieses Vertrauen verdient, denn es war klar, in der Pandemie war kein Platz für politische Auseinandersetzungen, an erster Stelle mussten die Gesundheit und das Wohl der Nation stehen. Die überzeugende, klare Kommunikation und eine Transparenz, von der andere Regierungen sich eine Scheibe abschneiden können, intensivierten diese Vertrauensbasis. Jeden Tag stellte sich Ardern der Bevölkerung im Fernsehen, erklärte ihre Entscheidungen und antwortete auf Fragen.

Ihr Bewusstsein für die Bedürfnisse der Menschen zeigte sich z.B. in der Ankündigung, dass jeder seinen Lohn erstattet bekommen würde, der nicht in der Lage war, während der Pandemie zu arbeiten und in Hilfen für kleine Betriebe. Ihre Anteilnahme für all diejenigen, die jetzt nicht heiraten konnten oder nicht an einem Begräbnis teilnehmen, die mit ihren kranken oder sterbenden Partnern zu Hause saßen oder auf die Geburt eines Kindes während des Lockdown warteten war grenzenlos, als die Einschränkungen der Regierung alle trafen. An ihrer Seite befand sich der Generaldirektor der Gesundheitsbehörde, Dr. Ashley Bloomfield, der vor Covid-19 eher unbekannt war, jetzt aber zum Held der Nation wurde für seinen Umgang mit der Pandemie.

Schnelles Handeln

Jacinda Ardern und ihre Regierung handelten schnell, um den Virus zu stoppen und vom 16. März an mussten alle einreisenden Besucher und heimkehrenden Bürger in eine 14-tägige Quarantäne. Zum 20. März schloss das Land seine Grenzen völlig. Zehn Tage später – mit nur 102 bestätigten Covid-19-Fällen und einer 48stündigen Vorankündigung für alle Bewohner ging das Land in einen kompletten Lockdown – ausgenommen wichtige Dienstleistungen und Arbeiten. Fünf Millionen Menschen blieben zu Hause und in ihrem familiären Kreis ohne Kontakte zu anderen mit Ausnahme eines täglichen Spaziergangs in der Nachbarschaft als Hauptmaßnahme des Social Distancing. Dies war Warnstufe vier- der höchste Level eines Warnsystems und es blieb in Kraft bis zum 27. April, dann ging das Land über zu Level drei, auf dem einige Einschränkungen gelockert wurden.

Es wäre falsch, zu behaupten, dass das Virus durch diesen vierwöchigen Lockdown ausgeschaltet worden ist, Reisende aus Übersee schleppten es wieder ein und zwei weitere Ausbrüche zeigten, dass Grenzübertritte problematisch waren. Als jedoch Probleme auftauchten, wie z.B. die nicht ausreichende Nachverfolgung der Kontakte in einem frühen Stadium des März-Ausbruchs und oder ein Mangel an persönlicher Schutzausrüstung, wurden Prüfungen durchgeführt und das Problem gelöst.

Ergebnis der Prüfungen war z.B. ein effizientes Contact-Tracing mit der Covid Tracer App, später auch mit Bluetooth-Erkennung als wichtigem Bestandteil, anhaltende Corona-Tests (sogar jetzt, da es keine Infektionsfälle mehr gibt im Land), außerdem Genomsequenz-Tests, um Viruscluster zu identifizieren. Außerdem gab es viele organisierte Isolierungs- bzw. Quarantänehotels im ganzen Land, die von der Armee kontrolliert worden sind.

Gemeinschaftsgeist

Am Anfang kam es auch zu Hamster- und Panikkäufen, als die Menschen die Supermarktregale leerkauften und mehr mitnahmen, als sie brauchten. Toilettenpapier zu finden wurde zum Ziel jedes Einkaufs und Gegenstand von vielen Toilettenwitzen. Aber dann wendete sich das Blatt und es folgten Geschichten von Unterstützung für die Älteren oder auch Lebensmittel am Briefkasten für Menschen, die in Not geraten waren. Gartengemüse wurde geteilt, Kontakt mit Risikopersonen über Telefon hergestellt, Freunde und Familien verbanden sich auf eine neue Art über Zoom. „Es kam mir vor wie eine Rückkehr zu den Kriegsjahren“, berichtet ein älterer Bewohner, „als ein wunderbarer Gemeinschaftsgeist herrschte und wir uns alle gegenseitig unterstützt haben und wir zogen alle an einem Strang, um den Feind zu bekämpfen – nur dieses Mal war es Covid-19.“

Dr. Ashley Bloomfield, der Direktor der Gesundheitsbehörde, erklärte der Bevölkerung in seinen täglichen Fernsehauftritten: „Covid ist das Problem, die Menschen sind die Lösung“. Premierministerin Ardern betonte von Anfang an: „Wir sind ein Team von fünf Millionen, die sich gegenseitig unterstützen müssen und das ganze durchstehen.“ Die „Kiwis“ hörten auf beide.

Die schnelle Schließung der Grenzen, die auch im Dezember noch andauert (zu Beginn des nächsten Jahres soll die Grenze nach Australien und zu einigen Pazifik-Inseln geöffnet werden) war das Startsignal für die Bekämpfung der Pandemie, aber der Kampf geht weiter in Neuseeland, das sicherstellen will, dass das Virus nicht wieder aufflackert. Mit diesem Ziel begann die Regierung eine neue Kampagne „Der Sommer darf nicht gestoppt werden“ und wies die Bürger darauf hin, dass der Sommer bald zum Stillstand kommen würde, wenn die grundsätzlichen Vorsichtsmaßnahmen außer Acht gelassen würden.

Zum Zeitpunkt dieses Texts gibt es 1736 bestätigte Covid-19-Fälle, von denen viele in den verwalteten Quarantänebereichen aufgetreten sind. 25 Tote sind zu beklagen, die meisten in Altersheimen. Diese Zahlen mögen klein sein im Verhältnis zu anderen Ländern und Beobachter meinten, es sei leicht für eine Inselnation, sich abzuschirmen, aber das ignoriert, wie hart jeder Neuseeländer in diesem Jahr kämpfen musste. Die Regierung unterstützt weiterhin die Wirtschaft, die sich erholt. Aber viele Arbeitsplätze gingen verloren, Geschäfte mussten schließen oder kämpfen darum, sich am Markt zu halten. Aber Neuseeland hat eine einzigartige Liste von Errungenschaften, bei denen das Land international erster war: beim Frauenwahlrecht 1893, beim der Einführung des Acht-Stunden-Tags 1899 z.B. Nun sieht es so aus, als wenn es das erste Covid-19-freie Land werden könnte.

END/nna/jh

Bericht-Nr.: 201224-02DE Datum: 24. Dezember 2020

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