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Auch in Ferienzeiten unermüdlich an der Arbeit

Mi, 10 Feb 2021 | Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Voegele

Das einzige Reisetagebuch von Rudolf Steiner ist im Archivmagazin des Rudolf Steiner Archivs veröffentlicht worden. Es gibt Einblicke in das Privatleben des österreichischen Philosophen.


DORNACH (NNA) – Einblicke in das Privatleben von Rudolf Steiner ermöglicht das einzige Reisetagebuch des österreichischen Philosophen, das in der neuesten Ausgabe des vom Rudolf Steiner Archiv herausgegebenen Archivmagazins jetzt erstmals publiziert worden ist.

Die vollständige Veröffentlichung des einzigen Reisetagebuchs Rudolf Steiners aus dem Jahr 1901 kann als ein echtes Highlight des neuen Archivmagazins angesehen werden. Diese Aufzeichnungen, deren Inhalt bisher nur einigen Steinerforschern bekannt war, sind in einem seiner über 600 Notizbücher enthalten.

Während des Sommers 1901 fuhr Steiner mit seiner Frau Anna von Berlin über Nürnberg nach Österreich, wo er seine Eltern und Geschwister besuchte. Nach seiner Rückkehr führte er das Tagebuch noch eine Zeitlang fort.

 Im Anhang führte er ein Rechnungsbuch, in dem er die täglichen Ausgaben notierte. Dass er damals noch rauchte, belegen die regelmäßigen Ausgaben für Zigarren. Die Zwischenaufenthalte mit ihren Besichtigungen von Museen und Kirchen werden bis ins Einzelne festgehalten. Steiner traf mit seinem Freund Moritz Zitter zusammen und besuchte am Attersee die Familie Specht, bei der er jahrelang Hauslehrer gewesen war.

Charakteristisch für Steiner ist, dass er auch in Ferienzeiten unausgesetzt arbeitete: auf dieser Reise begleiteten ihn die Korrekturfahnen seines Buches Die Mystik und der Entwurf des Gedenkbuches für seinen verstorbenen Freund Jacobowski.

Erwähnenswert auf dieser Reise ist auch seine erstmalige Lektüre von Annie Besants Buch Das esoterische Christentum im September 1901, einige Wochen bevor er in der Theosophischen Bibliothek seine eigene Vortragsreihe „Das Christentum als mystische Tatsache“ begann. Das interpretierte Robin Schmidt als eine inhaltliche Anregung (Robin Schmidt: Rudolf Steiner und die Anfänge der Theosophie. Dornach 2010, S. 136), wobei anzumerken bleibt, dass die deutsche Übersetzung von Besants Buch erst 1903 erschien und Steiners Englischkenntnisse relativ gering waren.

Aufschlussreiche Details

Steiner war damals Gastredner in der Theosophischen Bibliothek, kannte auch bereits seine spätere Mitarbeiterin und zweite Ehefrau Marie von Sivers, war aber weit davon entfernt, sich den Theosophen als Mitglied anzuschließen. Sein geringes Einkommen bezog er lediglich als Dozent an der Arbeiterbildungsschule und als freier Vortragsredner und Schriftsteller. Das Tagebuch bringt aufschlussreiche Details, die gerade für die Übergangszeit vor seiner Hinwendung zur Theosophie aufschlussreich sein können.

Der faksimilierte und transkribierte Text des Tagebuchs ist mit kommentierenden Anmerkungen versehen. Herausgeberinnen sind die Germanistikstudentinnen Claudine Müller und Melina Schellenberg.

Steiner selbst wollte über seine privaten Verhältnisse eher nichts in die Öffentlichkeit gelangen lassen, das ginge diese nichts an, meinte er in seiner Autobiographie.

Auf dem Umschlag des Magazins ist ein etwas unscharfer Schnappschuss aus dem Jahr 1900 abgebildet: Rudolf Steiner steht neben Anna und deren Tochter Minni. In der linken Hand scheint er eine Zigarre zu halten.

In einem Aufsatz im Archivmagazin beleuchtet der Archivleiter und Nietzsche-Spezialist David Marc Hoffmann Steiners einzige Begegnung mit dem umnachteten Philosophen im Jahre 1896, die er in einem Notizbuch festgehalten hat. Im Vergleich mit seinen späteren, mehr distanzierten Aussagen über Nietzsche ergeben sich chronologische, aber auch Deutungsprobleme.

Martina Maria Sam stellt „Rudolf Steiner als Leser“ vor und zieht damit eine Quintessenz ihrer langjährigen Forschungen zur Privatbibliothek Steiners, die sie 2019 in Form eines umfangreichen Katalogs vorgelegt hatte. Seine Lesegewohnheiten werden beschrieben und Lektürespuren (auch in Abbildungen) dargestellt.

Der ehemalige Leiter des Archivs am Goetheanum, Uwe Werner, untersucht „die organisatorische Entwicklung der Anthroposophie im Kontext des Freiheitsimpulses und dem sozialen Leben“. Dabei geht es auch um die Frage, inwieweit demokratische Abstimmungen innerhalb einer geisteswissenschaftlich orientierten Gesellschaft legitim sind.

Neuerscheinungen

Drei Neuerscheinungen werden besprochen: Kai Sagens Buch über Steiners frühe Berliner Jahre und Lorenzo Ravaglis Rudolf Steiners Weg zu Christus. Ein Autorenteam hat einen neuen Bildband zu Steiners Leben und Werk mit annähernd 1000 Abbildungen erstellt, der im Frühjahr 2021 erscheinen wird. Darin sind auch Aussagen zeitgenössischer Kritiker enthalten.

Im zweiten Teil werden von den jeweiligen Herausgebern neue Bände der Steiner-Gesamtausgabe vorgestellt, darunter eine wichtige historische Dokumentation (GA 259), in der der langwierige und spannungsreiche Ablösungsprozess von der Theosophischen Muttergesellschaft auf fast 900 Seiten dokumentiert ist. Erstmals sind die sogenannten „Klassenstunden“ (GA 270) als regulärer GA-Band erhältlich.

Wie üblich, folgen Berichte über Neuzugänge an Archivalien und Ausstellungen. Erwähnenswert ist der Hinweis, dass die digital erfasste Archivbibliothek künftig über den neuen Schweizer Bibliotheksverbund recherchiert werden kann.

END/nna/vog

Literaturhinweis:
Archivmagazin. Beiträge aus dem Rudolf Steiner-Archiv. Nr. 10, Dezember 2020. Schwerpunkt: Zur Biographie Rudolf Steiners. Basel: Rudolf Steiner Verlag, 220 Seiten, 22,80 Euro.

Bericht-Nr.: 210210-01DE Datum: 10. Februar 2021

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Dieser Artikel wurde am 11.02.2021 geändert. Die Jahreszahl im Absatz beginnend „Martina Maria Sam stellt „Rudolf Steiner als Leser“ vor…“ heißt richtig 2019 (nicht 2919).