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„Das Problem wird nur noch größer, wenn wir es ignorieren“

Do, 25 Feb 2021 | Von NNA Mitarbeiter

Eine Initiative ehemaliger Waldorfschüler fordert mit einem Offenen Brief mehr Abgrenzung gegen rechte Verschwörungsmythen und Coronaleugner an den Schulen. Sie stellten eine Gefahr für die Demokratie dar.


Foto: www.openpetition.de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)

Eine verstärkte Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen und Coronaleugnern innerhalb der Waldorfschulbewegung fordert eine Gruppe ehemaliger Waldorfschüler und -schülerinnen aus ganz Deutschland. In einem offenen Brief wird auch an den Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) appelliert, an den Schulen mehr für dieses Thema zu sensibilisieren. Die Initiative wünscht sich, dass dort „kritisch, offen, wertschätzend und faktenbasiert“ über die Pandemie diskutiert wird. In den Verschwörungserzählungen sieht sie eine Gefahr für die Demokratie. Die Aktion ist mit einer Unterschriftsliste verbunden, die 5.000 Unterschriften erzielen soll. Rund 4.400 Menschen haben schon unterschrieben. NNA hat mit den Initiatoren gesprochen.

BERLIN (NNA) – NNA: Was hat Sie zu diesem Brief veranlasst und was wollen Sie damit erreichen?

Initiative Offener Brief: (IOB) Es gab mehrere Auslöser, die uns zu dem offenen Brief veranlasst haben. Schwer getroffen haben uns z. B. Schmierereien an der Waldorfschule Filstal, die einige von uns besucht haben. Dort wurden u. a. die offene, anti-demokratische Drohung „Wir jagen euch durch alle Gerichtssäle!“ in kaum verhohlener AfD-Anspielung an die Schultüren geschrieben (1). Aber auch Erzählungen von Menschen, die aktuell an Waldorfschulen tätig sind sowie die mediale Berichterstattung zum Thema Waldorf und Corona haben eine Rolle gespielt.

Unser Eindruck war: Es fehlt an Medienkompetenz um den Wahrheitsgehalt etwa von Telegram-Nachrichten richtig einzuordnen und auch an Sensibilität, um einschätzen zu können, aus welcher Ecke solche Informationen häufig kommen.

Das möchten wir dann auch mit dem offenen Brief erreichen: Eine Auseinandersetzung an den Schulen mit dem Thema Verschwörungserzählungen im Rahmen der Pandemie und eine Sensibilisierung dafür, wie gefährlich diese werden können.

Wir möchten auch gerne die Menschen an den Schulen stärken, die sich dafür schon lange einsetzen. Die Pandemie und die damit einhergehende Unsicherheit ist für die Kollegien sicher eine große Belastung. Da mal noch eben nebenbei anstrengende Gespräche mit Kolleg*innen zu führen, die z. B. meinen, der Schul-Mailverteiler wäre eine gute Adresse für die neueste Bodo-Schiffmann-Broschüre – das ist eine zusätzliche Belastung, die viele Lehrer*innen Zeit und Nerven kostet.

NNA: Wie waren bis jetzt die Reaktionen? Wie hat der Bund der Freien Waldorfschulen reagiert?

IOB : Die Reaktionen waren insgesamt sehr positiv. Uns haben viele Menschen geschrieben, dass sie sehr froh über die Initiative sind und ähnliche Sorgen haben wie wir. Natürlich gab es auch Reaktionen, die uns persönlich angegriffen und uns beispielsweise selbständiges Denken abgesprochen oder nicht belegbare oder falsche Behauptungen aufgestellt haben (z. B. Masken und Impfungen wirkten nicht, es gäbe keine Pandemie, alles sei nur ein Vorwand zur Einführung des Faschismus). Teilweise haben wir versucht, darauf zu reagieren und dabei feststellen müssen, wie schwierig das ist.

Um einen wertschätzenden Dialog führen zu können, braucht es ein gemeinsames Verständnis der Wirklichkeit und gegenseitigen Respekt. Das ist allerdings schwierig, wenn das Gegenüber sich eine ganz eigene Realität aufbaut und sich auf wissenschaftliche Studien und Berichte überhaupt nicht mehr einlassen will, weil man hinter allem und jedem eine große Verschwörung wittert und der medialen Berichterstattung nicht mehr traut, wenn sie nicht die eigenen Standpunkte belegt.

Wir waren sehr früh im Kontakt mit dem Bund der freien Waldorfschulen. Unser Eindruck ist, dass der BdFWS das Problem zwar zunächst ein bisschen unterschätzt hat und vermeiden wollte, an den Schulen offene Auseinandersetzungen zum Umgang mit der Pandemie zu befeuern. Nach kurzem Zögern hat der BdFWS dann aber doch eingewilligt, den Brief an alle Schulen zu versenden und versucht nun, das Problem anzugehen. Das hat uns sehr gefreut! Natürlich sind solche Debatten in den Kollegien anstrengend, aber das Problem wird nur größer, wenn wir es ignorieren.

NNA: Die Panorama-Sendung in der ARD vom 11.2. hat ja auch über das Thema berichtet. Ist Ihr Anliegen aufgegriffen worden?

IOB: Wir fanden es schade, dass der Beitrag Verschwörungserzählungen über die Corona-Pandemie und rechte Strömungen nur vage angedeutet hat, denn darin sehen wir die größte Gefahr. Es ist kein Geheimnis, dass beispielsweise Querdenker-Demonstrationen und Falschmeldungen, die in diesem Kontext verbreitet werden, systematisch von rechtsextremen und antidemokratischen Kräften zur Mobilisierung genutzt werden. Wir verstehen aber auch, dass es schwierig ist, diesen Zusammenhang in acht Minuten adäquat darzustellen. Wir sind froh, dass das Thema Aufmerksamkeit erhält, denn das steigert die Wahrscheinlichkeit, dass sich an den Schulen etwas tut.

NNA: In den Medien wird die Kritik geäußert, dass Rudolf Steiner selbst ein Verschwörungserzähler und ein Impfgegner gewesen sei? Wie sehen Sie das?

IOB: Wir sind alle keine Steiner-Expert*innen und haben uns auch nicht tiefergehend mit seinen Schriften befasst. Von daher können wir zu diesem Thema inhaltlich keine qualifizierte Einschätzung abgeben.

Unser oberflächlicher Eindruck der Debatte ist folgender: Die Kritik, die Steiner als Impfgegner und Verschwörungserzähler beschreibt, kommt teilweise ziemlich schrill daher. Sie leistet aber einen wichtigen Beitrag zur Diskussion, Ansgar Martins z.B. oder auch Oliver Rautenberg, der auf Missstände hinweist, die sonst wahrscheinlich nicht öffentlich würden.

Wenn sich Menschen einen ganzheitlichen Ansatz im medizinischen Bereich oder in der Schule wünschen, erscheint uns das erstmal nicht per se problematisch. Schwierig wird es allerdings, wenn sich daraus ein Hang zu widerlegten Behauptungen oder zur Wissenschaftsfeindlichkeit ergibt.

Dass es bei Steiner eine große Anschlussfähigkeit für verschwörungstheoretisches Denken gibt, scheint ebenfalls offensichtlich. Damit muss die Waldorf-Gemeinschaft offen umgehen und dafür sorgen, dass diese Strömungen nicht dominant werden oder bleiben. Die aktuellen Auseinandersetzungen über die Einschätzung der Corona-Pandemie zeigen, dass es hier dringend Nachholbedarf gibt!

Es ist irritierend zu beobachten, wie allergisch viele Anthroposoph*innen reagieren, wenn etwa auf eindeutig rassistische Passagen in Steiners Werk verwiesen wird. Was ist so schlimm daran, dies anzuerkennen und es zum Anlass zu nehmen für eine Debatte darüber, was an Steiners Werk heute noch zeitgemäß ist und was verworfen oder reformiert werden muss?

NNA: Droht der Waldorfschulbewegung durch die Corona-Krise und eine Spaltung?

IOB : Wir leben in Zeiten großer politischer Unsicherheit. Dass die Auseinandersetzungen darüber nicht vor den Schulen halt machen, erscheint erstmal nicht verwunderlich. In solchen Zeiten haben Verschwörungserzählungen verstärkt Zulauf. Wir dürfen nicht ignorieren, dass diese an Waldorfschulen auf fruchtbaren Boden fallen. Das Problem besteht sicher nicht erst seit Corona. Da die Pandemie und ihre Bekämpfung nun allerdings starken Einfluss auf unser Leben nehmen, werden diese Differenzen jetzt viel sichtbarer:

Früher waren alternative Erzählungen zu Impfungen und einer angeblichen Schädlichkeit derselben leicht zu ignorieren – jetzt hat die Frage plötzlich einen viel größeren Stellenwert, wer medizinischen Studien welchen Glauben schenkt. Wahrscheinlich ist auch das ein Grund für die besonders großen Verwerfungen innerhalb der Schulen. Allerdings können diese Auseinandersetzungen auch eine große Chance sein, um frischen Wind an die Schulen zu bringen und sich als Waldorf-Gemeinschaft neu zu verorten.

NNA: Sie sprechen in Ihrem Brief von einem wissenschaftlichen Konsens zu Covid 19. Was halten Sie von der - auch von Politikern erhobenen - Forderung, auch Wissenschaftler anderer Meinungen bzw. anderer Fakultäten und nicht nur Mediziner in die Beratungsgremien der Bundesregierung einzuladen?

IOB: Die Forderung, Politikberatung interdisziplinär zu gestalten, halten wir für absolut richtig und wichtig! Obwohl es hier im Detail noch Verbesserungsvorschläge gibt, passiert das allerdings auch schon, beispielsweise in der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina. Wir wollen auch betonen, dass gerade Virolog*innen und Epidemiolog*innen in einer globalen Pandemie berechtigterweise eine wichtige Rolle in der öffentlichen Debatte spielen.

Im offenen Brief sprechen wir von einem wissenschaftlichen Konsens, weil es diesen aus medizinisch-epidemiologischer Sicht nun mal gibt. In anonym begutachteten, wissenschaftlichen Zeitschriften gibt es keine Zweifel daran, dass wir uns in einer globalen Pandemie befinden und dass es hilft, Maske zu tragen, Abstand zu halten und Impfungen durchzuführen, um diese Pandemie einzudämmen.

IOB: Wie steht Ihre Initiative zu einer Impfpflicht und zu einer möglichen Ausschließung Nichtgeimpfter von gesellschaftlicher Teilhabe?

Die Frage nach einer Impfpflicht halten wir für eine Scheindebatte: wir kennen keine ernstzunehmenden Stimmen, die eine allgemeine Impfpflicht fordern. Wir sehen aber auch derzeit keinen Grund, die Sicherheit und Wirksamkeit der Impfstoffe zu bezweifeln, welche die Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) zugelassen hat. Damit die Frage „Wie hältst Du’s mit der Corona-Impfung?” nicht zur nächsten Gretchenfrage an Waldorfschulen wird, ist ein konstruktiver und faktenbasierter Dialog unabdingbar (2). Deshalb gilt auch hier: eine Debatte dazu ist richtig und wichtig, aber Verschwörungserzählungen über die vermeintliche Gefährlichkeit von Impfungen, die ja bereits Hochkonjunktur haben, sind fehl am Platz und machen einen konstruktiven Dialog unmöglich.

Der Umgang mit Geimpften und die Einschränkung ihrer Grundrechte ist schwierig und die Debatte dazu ist gerade erst angelaufen. Grundsätzlich gilt aber: Grundrechte dürfen nur eingeschränkt werden, wenn es dafür gute Gründe gibt. Der Verfassungsblog hat die Problematik jüngst gut und differenziert zusammengefasst und im Podcast Lage der Nation wird diese ebenfalls diskutiert.

NNA: Ist Kritik an einzelnen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung schon als „rechts" einzuordnen?

IOB: Selbstverständlich nicht, das haben wir auch zu keinem Zeitpunkt gesagt. Im Gegenteil: Kritik an konkreten Maßnahmen ist wichtig und richtig, wir müssen uns nur darauf einigen, faktenbasiert zu diskutieren und sachlich zu kritisieren.

Der von Ihnen genannte Vorwurf folgt allerdings einer klaren Strategie und dient dazu, sich als Opfer darzustellen und das Narrativ zu bedienen, man dürfe nichts mehr sagen und werde sofort angegriffen. Dahinter steckt aber der Wunsch, dass durch Meinungsfreiheit alle Aussagen nicht nur möglich sein sollten, sondern auch widerspruchsfrei bleiben. Das wiederum stimmt natürlich nicht – im Gegenteil: Meinungsfreiheit bedeutet auch, Widerspruch zu ertragen und sich auch vorwerfen zu lassen, dass eine Aussage z.B. keine faktische, nachprüfbare Grundlage hat.

Es muss auch möglich sein, die Gefahr zu benennen, dass die Anti-Corona-Demonstrationen von rechtsextremen Kräften systematisch zur Mobilisierung genutzt werden und dass dabei „alternative Wahrheiten” und die Diskreditierung der medialen Berichterstattung gezielt als Instrument genutzt werden.

NNA: Was soll weiter geschehen, wenn 5.000 Unterschriften erreicht sind?

IOB: Die Frage, wie an Waldorfschulen mit der Thematik umgegangen wird, bleibt aktuell. In den kommenden Monaten werden wir als Gesellschaft (weiterhin) Debatten führen, wann welche Lockerungen angemessen sind. Dafür ist es essentiell, dass wir die Debatte auf einer wissenschaftlichen Grundlage führen. Und wenn der Gesamtbevölkerung eine Impfung angeboten wird, werden wir uns verstärkt mit Falschinformationen zu Impfungen beschäftigen müssen. Wir können das bereits heute beobachten.

Da sollten sich Waldorfschulen nicht aus der Debatte heraushalten. Wir wünschen uns, dass an Waldorfschulen kritisch, offen, wertschätzend und faktenbasiert diskutiert wird. Dafür dürfen wir uns nicht hinter falscher Offenheit für „alternative Fakten” oder anderen Falschinformationen verstecken. Für solch eine faktenbasierte und wertschätzende Debatte an Waldorfschulen werden wir uns auch weiter einsetzen.

END/nna/vog

Das Interview führte NNA-Korrespondent Wolfgang G. Voegele via Email.
Für die Initiative „Offener Brief“ antworteten I. Bantel, T. Busch, F. Hauke und M. Weinmann.

Hinweise:
(1) Wein, Eberhard (2020): Maskenpflicht an Waldorfschule in Göppingen. Eltern drohen Schulleitung: „Wir jagen euch durch alle Gerichtssäle!“, Stuttgarter Zeitung vom 21.10.2020, http://bit.ly/StuttgZeitung_FWS_Corona.
(2) Für weitere Informationen: siehe Informationsseite des Paul-Ehrlich-Instituts (https://www.pei.de/DE/service/faq/coronavirus/faq-coronavirus-node.html).
(3) Lindner, Josef F. (2020): „Privilegien“ für einige oder Lockdown für alle? Coronaimpfung – offene Verfassungsrechtsfragen, Verfassungsblog, 29. Dezember 2020, https://verfassungsblog.de/privilegien-oder-lockdown.
(4) Banse, Philip & Buermeyer, Ulf (2021): Lage der Nation 225, Podcast Lage der Nation vom 21.01.2021, https://lagedernation.org/2021/01/21/ldn225-bidens-inauguration-zero-covid-regeln-fuer-geimpfte-hochschulpruefungen-cdu-vorsitzender-laschet-fall-nawalny/?t=45%3A23, ab 45:23.

Bericht-Nr.: 210225-02DE Datum: 25. Februar 2021

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