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„Auch die Integrative Medizin war in der Pandemie an der Frontlinie“

Di, 04 Mai 2021 | Von NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner

Im 1. Teil unserer Serie zur integrativen Medizin in der Pandemie berichten anthroposophische Ärzte aus Deutschland, der Schweiz, Brasilien und Russland über die Behandlung von Covid-19-Patienten in Kliniken und Praxen.


Kann man mit Heilpflanzen, wie sie im Heilpflanzengarten der Firma Weleda in Schwäbisch Gmünd wachsen, etwas ausrichten im Kampf gegen die Covid-19? Die Berichte auf einem US-Kongress zur integrativen Medizin in der Pandemie zeigen, dass auch Heilpflanzen durchaus ihren Platz in den Behandlungen haben.
Foto: www.weleda.de/magazin/natur/die-weleda-gaerten

Auch das Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe Berlin behandelte schwerkranke Covid-19-Patienten auf seiner Intensivstation.
Foto: https://www.havelhoehe.de

BRÜSSEL/LA JOLLA/KALIFORMIEN (NNA) – Um den Beitrag der integrativen Medizin in der gegenwärtigen Covid-19-Pandemie ging es bei einem viertägigen Kongress der Academy of Integrative Health & Medicin (AIHM) in Kalifornien mit dem Titel „Hope, Resilience and Healing in the Covid-19 Era“ Ende März. Integrative Medizin setzt Heilverfahren und Heilmittel der Komplementärmedizin ein, arbeitet aber auf der Basis der Schulmedizin, d.h. sie integriert beide Verfahren

Rund 1.200 Menschen aus 76 Ländern hatten sich zur Online-Konferenz angemeldet. Der erste Kongresstag war der Anthroposophischen Medizin gewidmet.

„Es ist uns eine große Ehre, dass wir die Eröffnungsveranstaltung des Kongresses beisteuern können“, erklärte Dr. Tido von Schoen-Angerer, Vizepräsident der Internationalen Vereinigung Anthroposophischer Ärztegesellschaften (IVAA). Beteiligt war auch die Medizinische Sektion am Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach/Schweiz. Anthroposophische Ärzte aus Deutschland, der Schweiz, Brasilien und Russland berichteten über ihre Erfahrungen bei der Behandlungen von Covid-19-Patienten in drei Kliniken und zwei Arztpraxen.

„Die Pandemie stellt Gesundheitssysteme rund um den Globus auf den Prüfstand und ermutigt auch dazu, neue Wege in Behandlung und Pflege zu gehen“, schreibt die Academy in der Einladung zum Kongress. Die globale Krise biete auch eine Gelegenheit, sich mit Menschen aus der ganzen Welt auf einer wissenschaftlichen Basis über alternative Ansätze zu Gesundheit und Heilen auszutauschen. Ein Netzwerk könne so entstehen und die Bewegung für eine integrative Medizin weiter voranbringen. Die AIHM arbeitet auch mit der University of California zusammen.

„Covid-19 hat die strukturellen Ungleichheiten auf allen Ebenen der Gesellschaft offen gelegt, die sich negativ auf die Gesundheit auswirken.“ Die Acadamy nehme zu dieser Problematik eine eindeutige Haltung ein, sie wolle „Teil einer globalen Lösung sein, einer Veränderung der gegenwärtigen Paradigmen hin zu einer Heilung, sowohl der Menschen, aber auch des Planeten“. Denn beides gehöre untrennbar zusammen, wie die Beiträge der Konferenz zeigten.

Entsprechend weit gefächert war das Angebot der mehr als 30 Beiträge der Konferenz, es reichte vom Erfahrungsbericht der anthroposophischen Ärzte über Ansätze zur Stärkung der Resilienz gegenüber Covid-19, Ernährung, die sich positiv auf das Immunsystem auswirkt, über die psychischen Folgen der Pandemie oder bis hin zu möglichen Einflüssen der Strahlung der drahtlosen Kommunikation auf Krankheitsverläufe. Geschildert wurde auch der Blick der Ayurvedischen sowie der Funktionalen Medizin auf Covid19, diskutiert wurde Prävention gegen Burnout von Ärzten und Pflegepersonal. Immer wieder ging es auch um die am meisten von der Pandemie betroffenen Bevölkerungsgruppen: People of Colour, Arme und Menschen am Rande der Gesellschaft.

Zu Wort kamen daher auch Vertreterinnen indigener Gemeinschaften in den Reservaten der USA, die von ihrem Kampf gegen die Pandemie berichteten, haben doch alle People of Colour in den USA höhere Infektions- und Todesraten bei Covid19. Die Abschlussrunde der Konferenz brachte schließlich Forscher und Praktiker zusammen zu einem Austausch über interprofessionelle Perspektiven der Pandemie.

„An der Frontline“

Auch die Praktiker der Integrativen Medizin stünden in der Pandemie „an der Frontlinie“ sagte Dr. Tabatha Parker, Geschäftsführende Directorin der Academy bei der Eröffnung der Konferenz. Sie betonte auch, dass die Vertreter der integrativen Medizin die Corona-Maßnahmen der öffentlichen Gesundheitssysteme unterstützen, die holistischen Perspektiven der Integrativen Medizin würden ergänzend dazu eingebracht. Der Anthroposophische Medizin wies Dr. Parker eine führende Rolle in der integrativen Medizin weltweit zu. Sie ist mit nationalen Ärztegesellschaften in 37 Ländern der Erde offiziell vertreten, praktiziert wird noch in weiteren Ländern.

Berichte der anthroposophischen Ärzte Dr. Friedemann Schad (Klinik Havelhöhe Berlin), Dr. Pieter Wildervanck (Klinik Arlesheim, Schweiz) und Dr. Thomas Breitkreuz, Paracelsus-Krankenhaus, Bad Liebenzell bildeten den Auftakt. Im Mittelpunkt der Ausführungen stand der Beitrag, den komplementärmedizinische Behandlungen in der Pandemie leisten können.

Die drei Ärzte hoben dabei die gute Zusammenarbeit mit den anderen Kliniken der Region hervor. Alle drei Kliniken waren in Deutschland und der Schweiz in die lokale Versorgung der Covid-19-Patienen eingebunden. Die Rolle der Kliniken war unterschiedlich, während die größere Havelhöhe (400 Betten, 957 Mitarbeiter, 13.000 Patienten pro Jahr) auch 52 Patienten intensivmedizinisch behandelte, wurden den anderen beiden kleineren Kliniken diejenigen Patienten zugewiesen, die eine solche Behandlung nicht benötigten oder sie auch nicht wollten. Insgesamt wurden rund 400 Covid-19-Patienten an den drei Kliniken behandelt.

„Wir haben von den Berichten der chinesischen Kollegen gelernt, dass es so etwas wie ein ‚goldenes Fenster‘ im Verlauf der Krankheit gibt“, berichtete Dr. Breitkreuz. In diesem ersten Stadium sei es sinnvoll, die Widerstandskräfte des Patienten soweit zu stärken, dass es zu den späteren, schlimmeren Stadien erst gar nicht komme. Auch im zweiten Stadium, bei entstehenden Lungenentzündungen, konnten die anthroposophischen Ärzte auf Erfahrungen zurückgreifen, die sie mit diesen Medikamenten in der Behandlung durch Viren verursachter Lungenentzündungen schon vor Covid-19 gesammelt hatten.

Deutlich wurde in den Schilderungen der Ärzte, dass die anthroposophischen Heilmittel die Selbstheilungskräfte anregen sollen, zum Einsatz kamen außerdem pflegerische Anwendungen, die ebenfalls in diese Richtung wirken, wie Wickel und Kompressen mit pflanzlichen Substanzen.

Die Rolle des Fiebers wurde je nach Stadium verschieden beurteilt, dem zu Beginn der Erkrankung eine eher positive Rolle bei ihrer Überwindung zukomme. Dagegen gebe es in späteren Stadien auch ein auszehrendes, die Kräfte abbauendes Fieber, wurde betont. Wichtig sei die Erstellung von standardisierten Behandlungsprotokollen gewesen, darüber haben sich die beteiligten Kliniken auch ausgetauscht. Sonst werde eher jeder Patient individuell angeschaut, aber bei Covid-19 seien auch die Stadien wichtig und die entsprechend dazu passenden Medikamente. Eine Darstellung der Behandlungen findet sich hier.

Dr. Schad wies auch auf eine Studie aus Kanada hin, die die Wirksamkeit des pflanzlichen Arzneimittels Colchicin bei Covid-19 belegt.

Dramatik der Pandemie

Wieviel Dramatik die Pandemie in anderen Ländern der Welt in sich birgt, war in den Berichten aus Brasilien und Russland zu spüren. Dr. Sheila Grande aus Rio de Janeiro hat in ihrer Hausarztpraxis 357 Covid-19-Patienten behandelt. Eine Chance auf Krankenhausaufenthalte sei dort eher nicht gegeben, die Diagnose Covid-19 stürze die Menschen von daher auch in Ängste und tiefe Verzweiflung.

So seien die Hausärzte gefordert, sie habe von Februar bis Juni 2020 nachts nur zwischen drei und vier Stunden geschlafen, um die Versorgung zu gewährleisten, berichtete sie. Sei ein Familienmitglied erkrankt, habe sie die ganze Familie vorbeugend behandelt, Isolierung der Kranken sei meist aufgrund der beengen Wohnverhältnisse nicht möglich. Auch Dr. Grande setzte die stärkenden Heilmitteln der anthroposophischen Medizin ein, sie schilderte den Fall einer 87jährigen Frau mit multiplen Vorerkrankungen, die Covid-19 überlebt hat.

Die Ärztin wies auf die extrem hohe Todesrate in Brasilien hin, das z.B. zwischen dem 7. -14. März 20 Prozent der Toten in der Pandemie weltweit zu beklagen hatte. Außerdem habe die Pandemie im Amazonasgebiet ihren Ausgang genommen mit dem Hotspot Manaus, wo auch die Luftverschmutzung durch die Rodungen des Urwaldes die Bevölkerung gesundheitlich belastet.

Dr. Denis Koshechkin schilderte seine Erfahrungen in einer Klinik in St. Petersburg, die 5.900 Patienten pro Jahr versorgt. Irgendwann seien „alle Patienten der Klinik Covid-Patienten gewesen“, berichtete er. Er stellte ebenfalls eine Fallstudie einer Patientin vor, die er mit einer Behandlung durch die stärkenden Heilmittel gut durch die Pandemie gebracht hatte trotz einer Krebsvorerkrankung.

Longcovid

Zum Schluss dieses Tages berichtete der Neurologe Dr. Robert Fitger aus der Arlesheimer Klinik noch über die sogenannten Longcovid-Symptome, die noch wenig erforscht sind, und die offenbar monatelang anhalten können. Dazu gehören Erschöpfung , Depression, Konzentrationsstörungen, Schwindel, Herzrhytmusstörungen und Haarausfall. Auch Patienten mit milden Covid-19-Verläufen seien davon betroffen, Frauen eher als Männer. Dr. Fitger stellte ein integratives Behandlungskonzept bei Longcovid vor. Für eine Bewertung müsse noch mehr geforscht werden, betonte er.

END/nna/ung

Bericht-Nr.: 210504-03DE Datum: 4. Mai 2021

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