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„Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“

Fr, 16 Jun 2017 | Von NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner

Der SEKEM-Gründer und Sozialpionier Ibrahim Abouleish ist im Alter von 80 Jahren verstorben. Mit seiner Vision und seinem Mut hat er viele Menschen inspiriert.


Foto: Sekem

KAIRO/STUTTGART (NNA) – Einer der großen Sozialpioniere unserer Zeit, Dr. Ibrahim Abouleish, ist tot. Wie seine Familie mitteilte, starb der Gründer des ägyptischen SEKEM-Projekts und Träger des alternativen Nobelpreises am 15.  Juni im Alter von 80 Jahren.

Sein Bestreben war stets, ein Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft SEKEM, zum Wohl Ägyptens und der Welt durch das Vorantreiben nachhaltiger Entwicklung zu leisten, heißt es in der Mitteilung zu seinem Tod. Mit seiner Vision und seinem unglaublichen Mut habe er viele Menschen inspiriert: „Heute beten wir für ihn und wir sind ihm dankbar für all das, was er für und mit uns geleistet hat“. Nach islamischem Brauch wird Abouleish unmittelbar am Tag nach seinem Tod beigesetzt.

Ende Mai beging das SEKEM-Projekt in Stuttgart sein 40jähriges Jubiläum in Kreis seiner fördernden Freunde, dort hatte der Sohn Helmy Abouleish – im Projekt die rechte Hand des Vaters – diesen bereits bei den Feierlichkeiten vertreten. Wie wichtig die SEKEM Freunde Deutschland im internationalen Netzwerk der Unterstützer sind, wurde bei der Feierlichkeit hervorgehoben.

Das SEKEM-Projekt steht weltweit als Vorbild für nachhaltige Entwicklung, die gleichermaßen Mensch und Natur gerecht wird. Abouleish, der auch dem Weltzukunftsrat angehörte, war dafür 2003 mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden mit der Begründung, sein Projekt vereine in vorbildlicher Weise kulturelle, soziale und wirtschaftliche Zielsetzungen in einer „Ökonomie der Liebe“.

SEKEM – altägyptisch für „Kraft der Sonne“ – begann 1977 auf einem unwirtlichen Wüstengelände 60 Kilometer nordöstlich von Kairo, das Abouleish mithilfe der Methoden der biodynamischen Landwirtschaft in eine grüne Oase verwandelte.

Im Laufe der Jahre entstand eine Gruppe von Unternehmen und Einrichtungen, darunter auch Schulen und ein medizinisches Zentrum. Die Mittel, die durch Heilpflanzenanbau und den Export von biologisch erzeugter Baumwolle nach Europa erwirtschaftet werden, investiert SEKEM im kulturellen Bereich, als jüngstes Projekt entstand die Heliopolis Universität in Kairo. Insgesamt beschäftigt SEKEM 2.000 Menschen.

Pioniertätigkeit

Schon früh kündigte sich sein späterer Pioniergeist im Lebenslauf von Abouleish an. 1937 im Dorf Mashkul im Nildelta geboren, verließ er Ägypten nach seiner Schulzeit in eigener Regie und ohne den Segen seiner Familie. Im Abschiedsbrief an seinen Vater zeichnete er bereits eine Vision der Schaffung von Arbeitsplätzen, von Infrastruktur und kulturellen Einrichtungen in seiner Heimat, so stellte er sich seine Rückkehr nach Ägypten vor. Mit diesem Brief wollte er Verständnis bei seinem Vater wecken, der den Sohn eigentlich für die Übernahme seiner beiden Firmen in Kairo vorgesehen hatte und ein Studium in Europa als überflüssig ansah.

Aber den jungen Ibrahim zog es mit Macht nach Europa, schon in der Schulzeit hatte die Lektüre von Goethe-Texten in ihm die Sehnsucht nach dem anderen Kontinent und seinem kulturellen Leben geweckt, wie er in der autographisch angelegten Schilderung des SEKEM-Projekts, dem Buch Die SEKEM-Symphonie beschreibt.

Durch persönliche Kontakte verschlug es ihn nach Österreich, in Graz begann er ein Studium der Chemie, das er mit der Promotion abschloss. Er heiratete dort noch als Student seine österreichische Frau Gudrun und gründete in jungen Jahren eine Familie. Die Enteignung der Firmen seines Vaters durch das Nasser-Regime, das eine sozialistische Gesellschaftsordnung in Ägypten anstrebte, durchkreuzte die Pläne des Vaters, der seinen Sohn immer noch lieber in der eigenen Firma gesehen hätte. So blieb Ibrahim Abouleish in Österreich und machte dort Karriere. Bis zu seinem 40. Lebensjahr war er an leitender Stelle im Forschungsbereich der pharmazeutischen Industrie tätig.

Seinem Heimatland Ägypten und dessen wechselvollem Schicksal fühlte sich Abouleish jedoch immer verbunden. Kontakte zu führenden Politikern brachten ihn schließlich dazu, doch wieder zurückzukehren – mit eigenen Zielen, die der Vision aus seiner Jugendzeit entsprachen. Vor allem der nicht endende Krieg in Nahen Osten veranlasste ihn schließlich zu handeln: „Eine nachhaltige Lösung würde jedoch darin bestehen, den Menschen Bildung und Arbeit zu geben. Hier lag ein starkes Motiv für meine Rückkehr nach Ägypten“, schreibt er in seinem Buch.

Synthese

Abouleish brachte zukunftsweisende Ideen mit zurück an den Nil, denn in Österreich war er auf das Werk von Rudolf Steiner aufmerksam geworden. Beeindruckt hatten ihn vor allem Steiners Philosophie der Freiheit, die biodynamische Landwirtschaft und die Idee des freien Schulwesens. Außerdem berichtet er in seiner Lebensschilderung, wie für ihn der geistige Strom des Orients, in dem er aufgewachsen war, in seinen Jahren in Österreich mit der europäischen Kultur zu einer Synthese verschmolzen war: „Nun erlebte ich zunehmend Augenblicke, in denen sich diese zwei Strömungen in meiner Seele verbanden und in denen ich weder Europäer, noch Ägypter war.“ Händels Messias zum Beispiel habe er „mit muslimischen Ohren“ als Lob Allahs gehört. Die Vereinigung der beiden Kulturströme habe er als „herrliches Freiheitsgefühl“ , als „höchstes Glück“ und „höchste Freude“ erlebt.

Überall in der europäischen Kultur habe er Elemente entdeckt, die ihm wie die Verwirklichung der islamischen Ideale erschienen seien. Die Moralität, die ihm sein islamischer Glaube mitgegeben habe, habe ihn auch vor vielen widrigen Einflüssen beschützt, betont Abouleish, der sich auch zeitlebens für eine Verständigung zwischen den Religionen eingesetzt hat. Den Anfang hatte er mit seiner eigenen Ehe gemacht, bei der er als Moslem eine katholische Trauung akzeptiert hatte. Seminare im SEKEM-Projekt sollten ebenfalls zum gegenseitigen Verständnis der Religionen beitragen.

Abouleish sieht im Islam Entwicklungsbedarf, obwohl seit Jahrhunderten z.B. an der Al Azhar Universität in Kairo zu religionsphilosophischen Fragen geforscht werde, fehlten die Auswirkungen dieser geistigen Bemühungen auf das praktische Leben. Dieses sei im Islam „stark konservativ“. Immer noch werde in vielen Lebensbereichen als Orientierung das angeführt, was der Prophet im 7. Jahrhundert angegeben habe, einer Zeit ohne Industrie, Wirtschaftsleben und Technisierung. Als Konsequenz sieht Abouleish eine mangelnde Innovation im Rechts- und Wirtschaftsleben und auch ein Widerstreit in der Seele des einzelnen Moslem.

 „Doch ich stand immer wieder erschüttert vor der Spaltung des inneren, religiös empfindenden Menschen einerseits, der aus sich und seiner Religion heraus nie dem Boden, den Pflanzen , den Tieren oder seinem Mitmenschen schaden würde – und dem anderen Menschen andererseits, der in der Arbeitswelt steht.“ Dort habe er seine muslimischen Glaubensbrüder „nicht wahrhaftig an die Inhalte ihre Religion anknüpfend“ erlebt. Mit Boden, Geld – ja mit den eigenen Kindern – würde so umgegangen, wie wenn sie einem für alle Ewigkeiten gehörten, mahnt Abouleish in seinem Buch. (S.49/50).

Entscheidender Beitrag

Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners machte Abouleish die Entdeckung, dass geistige Inhalte sehr wohl in praktische Arbeitsfelder einfließen und dort äußerst nachhaltig wirken können. Bei seinen Reisen nach Ägypten empfand Abouleish jedesmal den Entwicklungsbedarf und litt unter der tiefen Hoffnungslosigkeit, die er bei der Bevölkerung erlebte. „Durch die Beschäftigung mit der Geisteswissenschaft ahnte ich einen Weg, der sie aus ihrem Elend herausführen könnte“.

Leicht ist dem in Europa wirtschaftlich erfolgreichen Chemiker Abouleish der Abschied dann doch nicht gefallen, als er sich entschieden hatte, nach Ägypten zurückzukehren. „Auf dem Schiff zerriss mein Herz...“ Wie sehr würde er die Kultur vermissen, die Gespräche mit den europäischen Freunden und die philosophischen Lesungen! Auf der anderen Seite habe er jedoch gefühlt, dass er aufgrund seiner Lernfähigkeit, seiner Schaffenskraft und seinem sozialen Können in der Lage sein würde, in Ägypten Entscheidendes beizutragen. Diese Begabungen, so schreibt er, wollten „wie Samen in die Erde Ägyptens versenkte werden, um dort zu neuem Keimen, Wachsen und Gestalten zu verhelfen“.

40 Jahre später ist aus dem Wüstensand ein vorbildliches Projekt hervorgegangen – für Ibrahim Abouleish ein Beispiel für Entwicklung auch an anderen Orten: „Dieses Bild einer Oase inmitten einer lebensfeindlichen Umgebung ist für mich wie ein Auferstehungsmotiv in der Frühe nach einer langen Wanderung durch die nächtliche Wüste. Es stand modellhaft vor mir, noch bevor die konkrete Arbeit in Ägypten begann. Und doch wollte ich eigentlich mehr: Ich wollte, dass sich die ganze Welt entwickelt“.

Abouleish ist im Fastenmonat Ramadan verstorben. Seine muslimische Religion war für ihn eine entscheidende Kraftquelle, wie auch aus einem Spruch hervorgeht, den er auf die Mauer seiner Grabstätte in SEKEM hat schreiben lassen. Er hatte sie schon zu Lebzeiten errichten lassen und auf der östlichen Mauer ist dort zu lesen:

„Wenn ich sterbe, oh Herr,
werde ich zu Dir zurückkehren.
Ich säte die Samen in Deinem Namen,
und von Dir kommt die Ernte.
Ich entzündete diese Kerze,
oh Herr, bewahre ihr Licht vor den Finsternissen der Welt.“

END/nna/ung

Literaturhinweis:
Abouleish, Ibrahim, Die SEKEM-Symphonie: Nachhaltige Entwicklung für Ägypten in weltweiter Vernetzung. Überarbeitete und stark erweiterte Neuauflage, Info3-Verlag, Frankfurt 2015, ISBN 978- 3 – 95779-027-9

Bericht-Nr.: 170616-01DE Datum: 16. Juni 2017

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