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Tue, 15 Apr 2008

Waldorfschule zwischen Mainstream und Avantgarde

Diskussion mit Waldorf-Kritiker Rüdiger Iwan in Hamburg – Schüler sollen zu mehr Eigenverantwortung angeregt werden

Von NNA-Korrespondent Ernst-Ullrich Schultz

HAMBURG (NNA). Es war eine Premiere für die beiden bekannten Akteure der anthroposophischen Szene. Zum ersten Mal trafen sich Sebastian Gronbach, Buchautor und streitbarer info3-Redakteur sowie Rüdiger Iwan, Waldorf-Kritiker und -Praktiker, Autor des Buches „Die neue Waldorfschule – ein Erfolgsmodell wird renoviert“.

Ein überfülltes Auditorium aus Waldorflehrern, Eltern und Bildungsinteressierten erlebte einen spannenden Abend. Nachdem die beiden Gesprächsführer sich gegenseitig vorgestellt hatten, bekam das Publikum eine Aufgabe, nämlich den unmittelbaren nicht bekannten Nachbarn zu fragen, warum er zu dieser Veranstaltung gekommen sei.

Ganz im Sinne der Thesen von Rüdiger Iwan wurde das Publikum so zur Eigenaktivität angeregt. Nach einem etwa zehnminütigen Gemurmel konnten die Zuschauer im ganzen Auditorium berichten, welche Motivationen sie zu dieser Veranstaltung geführt haben.

Bei allem Respekt vor den lauteren Motiven, hier über Waldorfschulfragen zu diskutieren, gab Sebastian Gronbach zu bedenken, in welch privilegierter Stellung man sich befinde angesichts der Tatsache, dass Zweidrittel der Menschheit um das materielle Überleben kämpfen müssten und betonte, wir sollten immer in dem Bewusstsein handeln, einer Avantgarde anzugehören.

Weiterhin griff er die Argumente einiger Zuschauer auf, die sich mutige Zukunftsschritte und neue Impulse für die Waldorfschule wünschten, und meinte, dass er große Schwierigkeiten mit solch hochgesteckten Zielen habe. Zuerst einmal müssten sich die Verantwortlichen einer Waldorfschule die eigenen Schattenseiten anschauen, die Parkplatzgespräche nach Konferenzen zum Beispiel.

Rüdiger Iwan unterstützte diese Ansicht mit dem Hinweis, dass von offizieller Seite ein großes Ideal propagiert werde, welches aber oftmals an der Realität scheitere. Sein neues Buch wurde von einigen Waldorfaktiven gescholten, weil seine Kritik an der heutigen Schulsituation sich zu wenig an einem Leitstern orientiere.

Im Verlauf des Gesprächs machte Rüdiger Iwan aber deutlich, dass man die Intensionen Steiners ernst nehmen sollte, wie er am Beispiel des auch in der Waldorfschule zu fest zementierten Stundenplans erläuterte, den Steiner als „Mördergrube“ der Pädagogik bezeichnete.

Sebastian Gronbach erzählte auf Nachfrage von persönlichen Erfahrungen mit der Waldorfschule, die er bis zur 12.Klasse besucht hatte. Sogar einen seiner Zeugnissprüche wusste er zu rezitieren. Das Abitur machte er jedoch an einem Gymnasium, da die Waldorflehrer seinetwegen zu oft Konferenzen abhalten mussten, wie er erzählte. Ein braver Schüler sei er jedenfalls nicht gewesen.

An die Michælifeiern erinnerte er sich noch und bemerkte dazu, es genüge nicht nur, „symbolisch“ den Drachen zu besiegen. Aufgabe der Verantwortlichen einer Schule sei es, sich dem „sozialen Drachen“ zu stellen. Für ihn reicht es nicht, folgerte Sebastian Gronbach, nur das Schild „Direktor“ abzuschrauben, sondern es gehe darum, illegale Hierarchien aufzuspüren.

Von leidvollen Erfahrungen in der Konferenzarbeit wusste Rüdiger Iwan zu berichten, wenn von vorneherein keine Führung bestimmt werde. Er bietet nun Seminare zur Metæbene in sozialen Zusammenhängen an, in denen Gesprächsführung geübt, zu kritischen Rückmeldungen aufgefordert und Inhalte hinterfragt werden. Dieses Lernfeld findet in manchen Schulen auch in der Beziehung Lehrer Schüler Anwendung, leider kaum in Waldorfschulen.

Ein positiver Vorschlag von Rüdiger Iwan dazu: Viel unnötige Arbeit zu Hause am Schreibtisch könnten sich Lehrer ersparen, wenn sie zum Beispiel die Korrekturen der Klassenarbeiten gemeinsam mit den Schülern vornehmen würden. Das Dozieren der Lehrer habe schon Steiner angeprangert. Die Schüler möchten voneinander lernen. Welch ein Potential an Fähigkeiten stecke in den Kindern, wenn man sie endlich ernst nehmen würde, so Rüdiger Iwan. Deswegen setzt er sich für Schulabschlüsse mittels Portfolio ein, weil dadurch die eigene Aktivität und das Verantwortungsbewusstsein der Schüler gefördert werde.

Vor der abschließenden Diskussion stellte Rüdiger Iwan eine weitere Aufgabe an das Publikum, man möge sich wieder mit dem Nachbarn über die Frage austauschen, was einem heute in der Veranstaltung besonders berührt habe. Nachdem das Gemurmel im Saal wieder verebbt war, kamen Erfahrungen mit der Schule und kritische Anmerkungen insbesondere zum Buch von Rüdiger Iwan zur Sprache. Angemerkt wurde unter anderem von einer Waldorflehrerin, man solle sich bewusst sein, dass man auf sehr hoher Ebene „jammere“ und die Waldorfschule nicht zu negativ sehen solle.

In seinem Schlusswort betonte Sebastian Gronbach, man müsse in der Waldorfschule keine Steiner-Bilder abhängen, sondern Rudolf Steiner als „Katapult“ für eigene Impulse nutzen. Rüdiger Iwan stellte Steiners Kulturimpuls heraus, Arbeit sei immer Arbeit für andere und die Schule kein Selbstzweck, es gehe vielmehr darum, Schule weiter zu „entschulen“ und sie stärker zur Vorbereitung auf das Leben außurichten.

End/nna/eus

Bericht-Nr.: 080415-1DE Datum: 15. April 2008

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