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Mon, 21 Apr 2008

Wozu verpflichtet Eigentum?

Progressive Stiftungen informierten beim Stiftungstag in Frankfurt über ihre Ziele – Teilhabe an der Zukunftsgestaltung durch Geben für sozialen Wandel

Von NNA-Korrespondentin Edith Willer-Kurtz

FRANKFURT (NNA). Eingeladen waren Menschen, die interessiert sind, einen Teil ihres Vermögens für gesellschaftlichen Wandel einzusetzen: „Biete Wandel - suche Geld“ lautete die Überschrift über den bundesweiten Stiftungstag, der am 11./12.April in Frankfurt stattfand. Auf Initiative der Bewegungsstiftung, der Stiftung Medico international und von Filia, der Frauenstiftung trafen sich Vertreter progressiver Stiftungen aus ganz Deutschland.

Unterstützt wurde die Veranstaltung von Sponsoren wie der Bank Sarasin, Windwärts, der Tageßeitung und Greenpeace Energie.Präsentiert mit Informationsständen haben sich 17 Stiftungen, die ganz unterschiedliche Zwecke mit Projekten, Know how und Unterstützung entsprechend ihren Satzungen fördern.

Verstehe man die Welt als eine Welt, so gehen jeden die Belange des anderen an.

Progressive Philanthropie lehne das Spenden als Hilfe in der größten Not nicht ab, wie etwa Opfern von Naturkatastrophen, Hunger und Krieg zu helfen. Darüber hinaus sollten aber auch die Ursachen der Missstände bekämpft werden. Dabei unterliege das philanthropische Handeln von Vermögenden und Stiftungen weder einer breiten demokratischen Willensbildung noch einer wirkungsvollen institutionalisierten Kontrolle, wurde auf der Tagung erklärt.

Stiftungen haben langfristige Perspektiven, nur die Erträge werden eingesetzt und der Grundsatz bestimmt das Vorgehen. Ein Beispiel: Die Stiftung Trias setzt sich ein für Boden, das Allgemeingut aller Menschen dieser Erde, für Sicherung von Lebensgrundlagen, insbesondere bedürftiger Menschen. Ökologie als Bewahrung der Schöpfung im Alltäglichen wird als weiterer Wert benannt. Vermächtnisse festsetzen, anteilig vererben und die Verwendung von Erlösen vereinbaren, dabei werden unter dem Dach der Stiftung mit fachlicher Beratung die Intentionen der Stifter unterstützt als Hilfestellung für bürgerschaftliches Engagement.

Vieles dazu war auch im Rahmenprogramm in Arbeitsgruppen zu erfahren. Wie finde ich das Förderprojekt, das zu mir passt? Aber auch: Wie fördern Stiftungen? Warum ist nachhaltige Vermögensanlage sinnvoll? Dies waren die Fragen, die in den Arbeitsgruppen unter anderem diskutiert wurden.

Stiftung als „ewige“ Rechtsform ist durch ihre Gemeinnützigkeit verpflichtet, ihre Vermögenserträge unmittelbar gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen, erklärte Rolf Novy Huy von der Stiftung Trias. Die Besucher wurden näher an die Entscheidungsfindung heran geführt. Zustiftungen zwischen 1.000 und 5.000 Euro sind willkommen, erfuhr der Zuhörer und fühlte sich erleichtert, da es nicht gleich ums Ganze ging.

Thomas Gebauer von der Stiftung medico international verstand unter Wandel gesellschaftliche Auseinandersetzung, gefragt seien dazu tragfähige Strategien, um Bestehendes zu überwinden.

An einem Stand fanden sich kleine Linda-Kartoffelsäckchen von der nichtkommerziellen Landwirtschaft „Lokomotive Karlshof“. Auf einem grünen Einlegblatt war dazu zu lesen: „Diese Kartoffeln unterliegen dem Recht zur freien und unentgeltlichen Weitergabe, zur Weiterverarbeitung und zum Verzehr. Als Zutaten sind angeführt: Solidarität, Selbstbestimmte Mitarbeit, Organisation, Pflanzgut, Maschinen, Land. Weitere Informationen beschrieben Produktions- und Anbaubedingungen und alles endete mit den Worten: „…dabei lernen wir uns kennen, haben Spaß, diskutieren und sind immer wieder gefordert, uns gemeinsam zu organisieren.“ Mit dem Beiblatt wollte die Karlshof-Initiative Anregung zur Diskussion bieten und Lust machen auf Aneignung von Wissen und Möglichkeiten zur Gestaltung der eigenen Lebensgrundlagen.

Stiftungen können nicht soziale Politik ersetzen, der Staat habe dazu etliche Aufgaben, hieß es weiter auf der Tagung. Mut und Eigenverantwortung sollten in Zeiten, wo mancherorts die Vorraussetzungen geringer würden, gefördert werden.

Einsatzmöglichkeiten gibt es viele, an diesem Stiftungstag konnte der Besucher Einzelheiten kennen lernen. Zum Beispiel von der Jugendbegegnungsstätte Afacan 80 km nördlich von Izmir, wo junge Menschen sich treffen, austauschen, gemeinsam gestalten, feiern und voneinander lernen. Unterstützt wird diese interkulturelle Begegnung durch „UMVERTEILEN“ , einer Stiftung für eine solidarische Welt mit deutsch-türkische Projekten.

Die Vorstellung der Stiftung Interkultur nimmt neue Perspektiven aus Theorie und Praxis der weltweiten Migration auf. Ihr Ziel ist, interkulturelle Gartenprojekte zu fördern, zu vernetzen und zu beraten. Verlorengegangene Bindungen und Zusammenhänge behutsam wiederherstellen und den MigrantInnen die Möglichkeit geben, ähnlich wie beim Wurzelschlagen von Pflanzen, „neuen Boden unter den Füßen zu gewinnen“. Die Soziologin Christa Müller berichtete von diesen Interkulturellen Gärten, sie hat darüber auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Wurzeln schlagen in der Fremde“. Bei der „Anstiftung“, der gemeinnützigen Forschungsgesellschaft geht es darum, „wovon Menschen leben“, Schwerpunkte liegen auf Gestaltung der Arbeit, auf Engagement und auf Muse jenseits des Marktes, denn: „Wir benötigen die Wertschätzung der anderen Ökonomie, wir benötigen die Wertschätzung der Subsistenz, wenn nicht allein das Marktgeschehen die Gesellschaft bestimmen soll.“

So zeigte sich, dass es nicht nur den Reichen überlassen bleiben kann, für die Behebung gesellschaftlicher Missstände zu geben, sondern dass es auch für den Normalbürger eine innere Einstellung sein kann, sich mit Bewusstsein verantwortlich zu fühlen für das Leben auf diesem Planeten und auch danach zu handeln.

Filia fördert Projekte und Organisationen, die Frauen und Mädchen unmittelbar darin stärken, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und ihre Rechte durchzusetzen. Filia fördert gezielt und nachhaltig. Die Hälfte ihrer Fördermittel setzt sie in Mittel- und Osteuropa ein, ein Viertel in Deutschland und ein Viertel in wirtschaftlich benachteiligten Ländern außerhalb Europas.

Der Beitrag kann sein: eine Spende, die direkt an die Frauenarbeit fließt, mit einer Zustiftung, die filia nachhaltig wachsen lässt, mit einem Beitritt zum Förderkreis, der die professionelle Arbeit des Büros absichert oder mit ehrenamtlichen Engagement, so steht es im Infoblatt von filia.

Eine Tagungsbesucherin fasste ihre Erfahrungen so zusammen, jetzt habe sie die Handlungsinhalte der Stiftungen kennengelernt und könne durch ihre Zustiftung fördern, was ihr am Herzen liege, ohne dass sie eine eigene Stiftung für ihre Erbschaft verwalten müsse.

„Stiftungen haben neben der privilegierten Situation im Vergleich zu anderen Institutionen die selbst gewählte Verpflichtung, über die Vergabe von Förderungen auch innovative Problemlösungen auf gleicher Augenhöhe mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zu entwickeln“, betonte Thomas Gebauer.

Prof. Friedhelm Hengsbach vom Nell-Breuning-Institut hatte in seinem Impulsvortrag die Eingangsfrage zur Tagung gestellt: „Eigentum verpflichtet - weshalb und wozu?“ und erläuterte im christlichen, sozialkritischen Sinn das Thema. Aber auch die Befriedigung, die darin liegt, wurde deutlich „…ein Hauch alltäglicher Siege – ohne Triumphgeschrei, läßt die Hoffnung auf eine gerechte, friedliche und umweltverträgliche Gesellschaft nicht sterben".

Der Lebenssinn „für andere zu sorgen“ wurde in Frankfurt plausibel, anregend und verlockte zum Anstiften und Zustiften.

End/nna/wil

Links: www.amadeu-Antonio-Stiftung.de, www.bewegungsstiftung.de, www.filia-frauenstiftung.de, www.tdh-stiftung.de, www.hms-stiftung.de, www.gegenseitig.de, www.stiftung-do.org, www.stiftung-medico.de, www.proasyl.de, www.stiftung-trias.de, www.stiftungzukunft.de, www.umverteilen.de, www.stiftung-zurückgeben.de, www.anstiften-ertomis.de, www.taz.de/zeitung/taznews-verlag/panterpreis, www.frauenrechte.de, www.greenpeace.de/ueber_uns/umweltstiftung_greenpeace    Bericht-Nr.: 080421-01DE Datum: 21. April 2008

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