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Wed, 28 May 2008

„Die psychische Belastung ist fast nicht zu bewältigen“

Lehrer der Waldorfschule Chengdu berichten über Hilfsaktion im Erdbebengebiet in Sichuan - Schulbusse fahren fürs Rote Kreuz

CHENGDU (NNA). In Sichuan, in der Stadt Chengdu liegt die einzige Waldorfschule in China. Die Schulgemeinschaft stellte in den Tagen nach dem Erdbeben unmittelbar Berichte über die Situation auf ihre Website. Sie vermitteln ein Bild vom Alltag und den seelischen Belastungen der Menschen in Chengdu. Übersetzt hat sie die deutsche Sinologin Astrid Schröter, die seit knapp einem Jahr an der Waldorfschule unterrichtet.

Waldorflehrerin Zhang Li schreibt ihren Bericht am sechsten Tag nach dem Erdbeben. „Es geschieht aber so viel in diesen Tagen, dass wir das Gefühl haben, es müsste schon ein Monat vergangen sein. Obwohl sich die Regenwolken am Himmel verzogen haben und obwohl inzwischen internationale Rettungsteams in den betroffenen Gebieten sind, bleibt doch ein beklemmendes Gefühl im Herzen zurück. Die psychologische Betreuung der Geretteten und der Angehörigen der Opfer scheint fast nicht zu bewältigen, so groß ist der Bedarf.“

Einige der Waldorflehrer sind in einem Krankenhaus in Chengdu, um schwerstverwundete Kinder zu betreuen, die mit dem Helikopter eingeflogen wurden. Diese Kinder haben keinerlei Nachricht von ihren Eltern, manche von ihnen sind möglicherweise schon Waisenkinder.

Zhang Li berichtet weiter: „Ein 12-jähriges Mädchen hat aus eigener Kraft einen Weg gefunden, aus den Trümmern heraußukriechen. Aber ihr linkes Bein wurde dabei so schwer verletzt, dass es amputiert werden musste. Sie ist immer noch wie außer sich, manchmal weint sie bitterlich, manchmal schreit sie. Ihr Name wird so ausgesprochen wie der Name eines unserer Kinder aus der 6. Klasse, wenn auch die chinesischen Schriftzeichen andere sind. Mit der Hilfe unseres Lehrers Li Zewu hat sie sich etwas beruhigt. Als unsere Lehrerin Yang Rong sich um sie kümmerte, sagte das Mädchen mit einem Mal zu ihr: “Mama, Mama, darf ich Dir einen Kuss geben?” Allen Umstehenden standen die Tränen in den Augen. 

 Andere drei- und fünfjährige Kinder werden von unseren Kindergärtnerinnen Xiao Gao, Mengmeng, Xiao Yan und Su Chen betreut. Die Kinder sind schwer verletzt, sie rufen ununterbrochen nach ihrer Mutter.“

Andere Waldorflehrer unterstützen die Krankenhausleitung bei der Anleitung der ungelernten freiwilligen Helfer. Zhang Li: „Wir versuchen, auf diese Weise ein System einzuführen, so dass die Kinder nicht alle paar Stunden von neuen Freiwilligen betreut werden, sondern langfristig die selben Menschen um sich haben können“.

Für die Helfer stellt die Situation eine ungeheure Kraftprobe dar: „Aber auch wir brauchen Ruhe und Abstand, so dass wir die 24 Stunden des Tages in einen festen Betreuungsrhythmus gegliedert haben, der uns und den Kindern hilft. Außerdem sind im Krankenhaus sehr viele Freiwillige, die keinerlei Erfahrung haben“, schreibt Zhang Li.

Im Kollegium der Waldorfschule habe man daher Regeln besprochen die es einzuhalten gelte, wenn man als Freiwilliger anderen helfen wolle, ohne selbst hilfsbedürftig zu werden.

„Höre auf Deinen Körper, wann Du Pause machen musst“, gehört dazu genau wie „Nimm Dir mindestens einmal am Tag die Zeit, richtig ausgiebig mit Deinen Kollegen Quatsch zu machen und herzhaft zu lachen.“ Und man solle auch nicht denken, dass man alle Probleme alleine lösen könne.

Die beiden Schulbusse der Waldorfschule sind mit den Fahrern für das Rote Kreuz unterwegs in das Katastrophengebiet und bringen Decken, Lebensmittel und Kleidung dorthin. Viele Eltern der Schule hätten für die Hilfstransporte des Roten Kreuzes Geld gespendet.

Und so ist die Lage auf dem Schulgelände: „Die Kollegen telefonieren oft mit den Eltern und besprechen mit ihnen, was sie zu Hause mit den Kindern Sinnvolles machen können. Unsere Kollegen Hongyu, Xinhua, Astrid Schroeter (Xu Xinghan), Xu Tian und unsere Küchenhilfen sind als Ansprechpartner auf dem Schulgelände und im Büro, beantworten Telefonate, kümmern sich um die Homepage, geben Interviews, aktualisieren unsere Übersichtskarte des Katastrophengebietes, damit wir wissen, welche Strassen wieder geöffnet sind, und beschäftigen die wenigen Kinder, die tagsüber hier sind, weil die Eltern es nicht anders einrichten können.“

Zwei Tage später fährt Zhang Li fort mit ihrer Schilderung: „Eigentlich möchte ich heute etwas ausführlicher über unsere Situation berichten, aber vor wenigen Minuten kam im Fernsehen und im Radio wieder eine Warnung, dass ein heftiges Nachbeben erwartet wird, so dass ich unsere Situation nur kurz darstellen kann. Chengdu ist in diesen Tagen sehr chaotisch, überall stehen Autos mitten auf den Strassen, in denen die Menschen wohnen, und alle einigermaßen freien Plätze sind voller Zelte.

Etliche unserer Lehrer und Eltern sind in die Schule zurückgekehrt und wohnen hier in Zelten. Wir erleben gerade eine sehr schwere Zeit. Viele Menschen sind unendlich traurig, verzweifelt, übermüdet, hoffnungslos. Es ist eine große innere Herausforderung, vor der wir stehen.“

Die Waldorflehrer Li Zewu und Zhang Li haben inzwischen an einer Konferenz des staatlichen Erziehungsministeriums in Peking zur psychologischen Betreuung der Überlebenden des Erdbebens teilgenommen. Es sei darum gegangen, berichtet Zhang Li, mit welchen Methoden vor allem Kindern im Katastrophengebiet geholfen werden könne. Es sei etwas Besonderes, dass die Waldorfschule auf diese Veranstaltung hingewiesen worden sei, dies liege daran, dass die Waldorfpädagogik bei den Psychologen in Chengdu große Anerkennung erfahre, meint Zhang Li.

Etwa ein Dutzend Lehrer nahmen dann an den Aktivitäten, die auf der Konferenz beschlossen worden waren, als Freiwillige teil. Zhang Li berichtet weiter:

„Wir waren in Mianyang nördlich von Chengdu. Dort wohnen etwa dreihundert Kinder in Zelten, eine Schule wurde in Zelten eingerichtet, zahllose Kinder, Eltern und Journalisten sind dort versammelt. Ständig werden verletzte Kinder aus den betroffenen Gebieten eingeflogen. Wir überlegten, wie wir den Kindern helfen könnten. Unsere unerschrockenen und erfahrenen Lehrer machten dann mit vielen Kindern draußen Kreisspiele, Klatschspiele, Spiele zum Kennenlernen.

Weil es aber so laut war, dass man seine eigene Stimme nicht verstehen konnte, machten wir Waldorflehrer vor allem Spiele, bei denen man mit Gesten alles erklären kann und es nur nachmachen muss. Wir malten auch mit den Kindern. All das war eine große Herausforderung. Viele Kinder machten einen frohen Eindruck bei den Spielen, manche lachten. Aber es gab auch Kinder, die sich zurückzogen und in sich gekehrt blieben. Viele Kinder wussten noch nicht, ob ihre Eltern noch am Leben waren. Mit den Jugendlichen organisierten wir auch Gesprächsgruppen. Für uns bleibt die Frage, was diese Kinder im Moment am Wichtigsten brauchen.“

Nach Auffassung vieler Psychologen seien die Kinder noch im ersten Stadium nach einem Schock. Als erstes bräuchten sie eine geregelte Umgebung und einen festen Rhythmus, in dem sie sich sicher fühlen. Nachdem sie neue Kleidung, Schulsachen, Blumen und Geschenke bekommen hätten, sei nun eine langfristige seelische Betreuung sehr wichtig und auch die Fürsorge für diejenigen, die ihre Verwandten verloren haben.

Viele Menschen in China aus vielen Bereichen und aus den staatlichen Ministerien arbeiteten an dieser Aufgabe. Auch für Zhang Li war diese Zusammenarbeit eine ergreifende Erfahrung. Sie schreibt:

„Ich habe normalerweise kein besonderes Interesse an Politik und eine eher alltägliche Haltung gegenüber der Regierung. Aber zur Zeit fallen mir die außergewöhnlich großen und menschlichen Anstrengungen der Regierung auf. Das berührt mich sehr. Ich fühle, wie durch diese Katastrophe die besten, die wahrhaftigsten und positivsten Seiten der Menschen hervortreten.

Obwohl der Preis dafür unbeschreiblich groß ist, die Lebensopfer in Zahlen nicht mehr zu fassen sind, hoffe ich, dass die Seelen der Verunglückten im Himmel die große Liebe spüren können, die in dieser Zeit überall hervortritt. Wenn sie das erleben können, mögen sie sich darin geborgen fühlen.“

Jeden Morgen versammelt sich das Kollegium. „Wir machen Eurythmie und tauschen unsere Gedanken aus, um Kraft zu schöpfen für den Tag. Dann setzen wir eine Prioritätenliste auf und planen die nächsten Schritte“, schreibt Zhang Li.

In einem weiteren Bericht auf ihrer Website bedankt sich die Schulgemeinschaft der Waldorfschule Chengdu für die Unterstützung, die sie seit der Katastrophe durch Freunde aus der ganzen Welt erfahren hat.

Am notwendigsten sei aber die Hilfe für die am meisten betroffenen Erwachsenen und Kinder. „Als Lehrer der Waldorfschule tun wir alles, was in unseren Kräften steht, um den Kindern aus den betroffenen Gebieten zu helfen und sie fürsorglich zu betreuen. Im Huaxi-Krankenhaus in Chengdu und in Mianyang nahe des Katastrophengebietes haben wir die Tränen, das Lachen der Kinder erlebt ebenso wie die uneingeschränkte selbstlose Hilfe der Krankenpfleger, Ärzte und Lehrer.“

Zum Schluss weist die Schulgemeinschaft in Chengdu in ihrem Text noch auf die Verbindungen und Verwandlungen hin, die durch die Liebe zwischen den Menschen im Katastrophengebiet entstehen: „Sie erscheinen als unerschöpflicher, leuchtender Strom, der in uns einzieht, uns erwärmt und uns Frieden bringt.“

End/nna/ung

Link: http://www.waldorfchina.org

Spendenkonto der Waldorfschule Chengdu: Empfänger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e. V., Kontonummer: 39800704, BLZ: 600 100 70, Deutsche Postbank AG

Weitere Spenden: www.drk.de; www.misereor.de; DRK-Spendenkonto: Konto: 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00

Bericht-Nr.: 080528-02DE Datum: 28. Mai 2008

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