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Anthroposophische Gesellschaft im Aufbruch
Von der Mission zum Experiment Von NNA-Korrespondent Lorenzo Ravagli MÜNCHEN (NNA). Rund 600 Menschen haben an der Tagung „Durchbrüche in die ätherische Welt“ der Anthroposophischen Gesellschaft Deutschland teilgenommen, die vom 18. bis 21. Juni zum Thema in München stattfand. Mitten im ehemaligen Künstlerviertel Schwabing, das zu Beginn des 20. Jahrhunderts Schauplatz einer modernistischen Avantgarde war, versammelten sich Mitglieder der Gesellschaft und Gäste als Zeugen und Akteure eines bedeutsamen Umbruchs in der Geschichte dieser Gesellschaft. Hartwig Schiller, der Generalsekretär, wies bei der Veranstaltung darauf hin, dass der Umschwung, in dem sich die gegenwärtige Menschheit in sozialer, wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht befinde, auch zu einem Wandel des Selbstverständnisses der anthroposophischen Gesellschaft führe. Während sie in den letzten Jahren vor allem mit sich selbst beschäftigt war, wird sie sich nun verstärkt den sozialen und kulturellen Werkstätten der Zukunft zuwenden. Zu diesen gehörten, so betonte Schiller zu Recht, auch die Wissenschaften des Lebens. Denn das massive Eindringen von Verwertungstechnologien in die Sphäre des Lebendigen wirft die Frage nach den damit verbundenen ökologischen und sozialen Gefahren auf. Die zunehmende Privatisierung allgemeiner biologischer Ressourcen, deren extremster Ausdruck die Patentierung von Leben ist, macht die Entwicklung einer Wissenschaft dringlich, die sich nicht nur aus der Abhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen befreit, sondern zugleich ein neues Verständnis des sozialen Lebens der Menschheit begründet. Die wissenschaftliche Erkenntnis, dies unterstrich unter anderem Wolf-Ulrich Klünker, Mitglied des Vorstandes der deutschen anthroposophischen Gesellschaft, formt die Wirklichkeit, die sie zu erkennen behauptet. Von den Erkenntnismethoden hängt nicht nur ab, was erkannt wird, sondern auch, wie die Wirklichkeit aussehen wird, in der wir in Zukunft leben. Zu groß ist die Verantwortung der Menschheit gegenüber der Natur, gegenüber sich selbst, um sie allein der Wissenschaftstechnokratie zu überlassen. Die Ausklammerung des erkennenden Subjektes aus dem Erkenntnisprozess führt in eine soziale Lebenswirklichkeit, in der das menschliche Subjekt seine Bedeutung verliert. Eine Gesellschaft, in der das menschliche Subjekt eine vernachlässigbare Größe darstellt, ist aber keine humane Gesellschaft mehr. Die Wiedereinholung des erkennenden Subjektes, seine Wiedereinsetzung in das Zentrum der Wissenschaften, eröffnet eine weitreichende Perspektive, die geradezu religiöse Dimensionen hat. Der Mensch als Erkenntnissubjekt und als soziales Subjekt wird zu einem Generator einer neuen Wirklichkeit, die entweder menschenförmig ist oder nicht. Alles hängt in Zukunft von diesem neuen Selbstverständnis des Menschen ab. Diese Suche nach Alternativen zu den herrschenden Wissensformen führt auch, wie Florian Roder vom Münchner Arbeits-zentrum hervorhob, zu einem radikal neuen Verständnis der Geschichte. Das neuzeitliche, abendländische Bewusstsein, das aus der Zurückdrängung spiritueller Wissensformen der Vergangenheit entstanden ist, erscheint demnach als Durchgangsstufe einer Entwicklung, die in ein neues, spirituelles Weltverständnis führt. In diesem steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt, der durch einen experimentierenden Umgang mit seinen Alltagserfahrungen deren spirituelle Dimensionen freizulegen vermag. Diese spirituelle Erfahrung wird die Grundlage für eine Erneuerung des sozialen Lebens sein, für die Solidarität kein Abstraktum, sondern eine Lebensnotwendigkeit ist. Eine anthroposophische Gesellschaft, die sich in den Dienst der Verwirklichung dieses Ideals der allgemeinen Menschheit stellt, so Hartwig Schiller in seinem Schlussplädoyer, steht im Zentrum der geschichtlichen Umbrüche der Gegenwart. Sie besitzt keine Patentrezepte oder ein abgeschlossenes Wissen über die richtigen Wege zu seiner Verwirklichung. Ihr kommt jedoch dann eine besondere Rolle zu, wenn sie das in ihr angelegte Bewusstsein von der unabsehbaren Bedeutung des Menschlichen in all seinen Äußerungen vernehmlich zum Ausdruck bringt. Die Münchner Tagung war nicht nur von gedanklicher Reflexion geprägt, auch die Künste spielten in ihr eine herausragende Rolle. Münchner und Dornacher Eurythmisten, Musiker und Schauspieler machten erlebbar, dass nicht nur der wissenschaftliche Diskurs, sondern auch die Kunst eine legitime Ausdrucksform spirituellen Lebens ist. Durch manche Darbietungen konnte man sich an die Zeit der Münchner Avantgarde erinnert fühlen, nicht weil sie diese zitiert hätten, sondern weil in ihnen derselbe zeitlose kreative Geist wehte, der vor hundert Jahren Schwabing zu einem Anziehungspunkt für den Nonkonformismus werden ließ. END/nna/lbr Bericht-Nr.: 090624-02DE Datum: 24. Juni 2009 © 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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