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Kleidung im Dienst der Entwicklung des Bewusstseins
Kulturtagung am Goetheanum machte Zusammenhänge zwischen dem Ich und seinen Hüllen deutlich Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Voegele DORNACH (NNA). „Die Hüllen und das Ich. Wandlungen der Seele als Grundlage der Kulturepochen“ war der Titel einer Tagung im Oktober im Dornach. Als Referenten hatte die Sektion für Schöne Wissenschaften die Kulturanthropologin Heide Nixdorff, von 1986 bis 2005 Professorin für Kulturgeschichte der Textilien an der Universität Dortmund, und den Physiker und Schriftsteller Leonhard Speckner gewinnen können. Auch jenen Zuhörern, die mit dem Thema „Bekleidung“ schon etwas vertraut waren, boten die beiden Referenten viel Neues und Nachdenkenswertes, ihre interessante Ausführungen ergänzten sich vorzüglich. Neben den etwa hundert aufmerksam und teilweise begeistert mitgehenden Zuhörerinnen bildeten Männer übrigens - vermutlich bedingt durch die Thematik - eine Minderheit. In sieben Vorträgen, teilweise von eindrucksvollen Kostüm-Demonstrationen auf der Bühne und von Diaprojektionen begleitet, entstand ein lebendiges Bild der Beziehung zwischen den Wesensgliedern des Menschen, seinen leiblich-seelischen Hüllen und seinen Kleider-Hüllen. Die Kulturepochen Ägyptens, Griechenlands und des neuzeitlichen Mitteleuropa wurden aus geistesgeschichtlicher und menschenkundlicher Sicht durchleuchtet. Bestimmte Kleidungsformen dienten der Abbildung, der Förderung oder der Verhinderung seelisch-geistige Entwicklungen. Besondere Beachtung fand das Verhältnis der textilen Hüllen zu den in der Anthroposophie Rudolf Steiners dargestellten Wesensgliedern, der Empfindungsseele, der Verstandes- und Gemütsseele und der modernen Bewusstseinsseele. Die Veranstaltung machte deutlich, wie sich in der Bekleidung menschliches Bewusstsein spiegelt oder gegebenenfalls auch verhüllt. Von Anfang an seien Kleiderhüllen nicht nur Bedeckung gewesen, sondern Projektionsfläche: man ziehe im besten Fall etwas an, um selbst so zu werden. Anthroposophie versöhne die gegensätzlichen Auffassungen: im Osten Geist als Widersacher der (sinnlichen, materieverhafteten) Seele; im Westen ein materialistisches Menschenbild, das keinen Ich-Kern mehr, nur noch Hüllen kenne. Speckner wies darauf hin, dass sich das Verhältnis zwischen Kern und Hülle ständig wandle. Anknüpfend an Steiners Buch „Theosophie“ zeigte er, wie der Mensch als geistiges Wesen seine Hüllen erobert und allmählich seinem Wesen einfügt: „Das Ich erhält Wesen und Bedeutung von dem, womit es verbunden ist.“ Der Kern werde im Lauf der Zeit Hülle und umgekehrt. Das könne anhand der aufeinanderfolgenden Kulturepochen exemplarisch dargestellt werden. So sahen etwa die Ägypter, auch nach Meinung des bekannten Religions- und Kulturwissenschaftlers Jan Assmann, in ihrer strengen „bewegungskorrigierenden, würdigen“ Kleidung ein begleitendes Mittel, um die sonstige Erziehung zur Tugend des „Aufeinanderhörens“, das die Unsterblichkeit garantieren sollte, zu unterstützen. Aus anthroposophischer Perspektive handelte es sich dabei um die Zügelung des Astralleibes, des Sitzes von persönlichen Trieben und Begierden, während in der griechisch-römischen Kultur die Umbildung des Ätherleibes, des Lebenskräfteleibes, im Vordergrund gestanden habe. Die Kleidung habe – wie alle Ausprägungen von Gesellschaften – ihren Urgrund in den jeweiligen Mysterien, die den geistigen Hintergrund aller Kulturen bilden. Einsichtsvolle Menschen („Eingeweihte“) hätten die Kulturen gestiftet, wie es in überlieferten Mythen angedeutet ist und so organisiert, dass jeweils ein Wesensglied des Menschen besonders ausgebildet werden konnte. Speckner verwies hierzu auf die Forschungen des Ägyptologen Frank Teichmann. Die vielfältigen Formen der Bekleidung und Mode im Lauf der Geschichte seien demnach nicht beliebig oder zufällig, sondern zielvoll gelenkt im Dienste einer bestimmten Entwicklung. Wie könnte die Bekleidung im heutigen Zeitalter der Bewusstseinssele aussehen? „Kleidung wird Kunst, wenn ich weiß, warum ich sie trage“, sagte Joseph Beuys. Rudolf Steiner zufolge entstand das Bedürfnis nach Bekleidung, nachdem die Fähigkeit des Sehens der menschlichen Aura verloren gegangen war. (Steiner: „Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung“ GA 163). Die Bekleidungskunst habe zu allen Zeiten versucht, die naturgegebenen übersinnlichen Hüllen fantasievoll abzubilden oder neu zu gestalten. Körperbemalung und Tätowierung der Naturvölker machten die visionären Klänge und Muster der menschlichen Aura sichtbar. Selbsterziehung, Forschung, Bildung und nicht zuletzt Meditation dienten dem Ziel, die Seele zu reinigen. Es gehe um Aura-Gestaltung. Wieviel „Festkleid“ wir bei einem gewissen Erfolg darin dann noch brauchen, werde sich zeigen, so Nixdorff. Der unbewusste Griff nach Lieblingsfarben habe vielleicht mit der Befindlichkeit der Seele zu tun, „die auch in der Aura zur Erscheinung kommt“. Nixdorff berief sich auf ein Wort des Philosophen Walter Benjamin, demzufolge die Versenkung ins Äußere die Frage nach dem Gestalter und den Beweggründen für seine Gestaltung der Materie wachrufe. So werde der Blick geweckt „in die Unschärfe, ins Innere und je nachdem auch ins Jenseits.“ Ausgehend von Steiners Annahme, dass das aurische Farbenerleben in Zukunft wieder möglich sein werde, prognostizierte Speckner eine zunehmende Individualisierung der Mode und Bekleidungskunst: „Je mehr unter den Menschen das aurische Farbensehen wieder Platz greift, umso mehr werden schreiende Gegensätze zwischen der Aura eines Menschen und seiner Kleidung wieder wahrnehmbar. Geschmackvolle Menschen werden sich aus wohlverstandenem Eigeninteresse davor hüten, deplatzierte Missverhältnisse in ihrer Hülle zu zeigen (…) Während die Pariser Modeßene jedes Jahr der Welt ihre Vorstellungen eines einheitlichen „Look“ diktiert, werden die aurischen Unterschiede, die ja zu den physischen noch hinzukommen, ein starker Anreiz zu individueller Bekleidungskunst sein“, so Speckner. Unter Mithilfe der Bühnenkostümabteilung des Goetheanum vollzog sich eine eindrückliche Darstellung des Vorgetragenen: vier Personen - zwei Paare- ließen sich mit ägyptischen beziehungsweise griechischen Gewändern bekleiden, die ausnahmslos nach historisch gesicherten Vorbildern angefertigt waren. Dadurch konnte die Entstehung der einzelnen Faltenwürfe, aber auch die in diesen Gewändern mögliche Beweglichkeit nachvollzogen werden. Eine selten zu sehende Demonstration, die mit viel Beifall bedacht wurde. In seinem abschließenden Vortrag befasste sich Speckner mit der neuzeitlichen Geistesentwicklung seit der Renaissance und mit dem Auseinanderfallen von exoterischer (äußerer) und esoterischer (innerer) Wissenschaft. Wie einst dem Rosenkreuzertum falle heute der Anthroposophie die Aufgabe zu, die getrennten Wissenschaftskulturen wieder zusammenzuführen. Die Tagung wurde künstlerisch mitgestaltet durch das „Ensemble Eurythmie Zuccoli“, das Dichtungen aus verschiedenen Kulturepochen eurythmisch darstellte. End/nna/vog Bericht-Nr.: 091105-01DE Datum: 5. November 2009 © 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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