. . . Nachrichten für eine andere Welt Suche Nachrichtenarchiv
   

NNA
ist eine internationale Nachrichtenagentur, die Nachrichten und Ereignisse verbreitet und kommentiert aus einer Perspektive des Geistes und die sich um ein spirituelles Verständnis bemüht, das mit der Entwicklung neuer Paradigmen auf allen Lebensgebieten verbunden ist – sei es im Aktuellen, in Politik und Gesellschaft, in der Zivilgesellschaft, in Ökologie, Erziehung, Wirtschaft, Landwirtschaft, Kunst und Wissenschaft.


English site

   





Tue, 15 Jun 2010

Der Ersten Weltkrieg „gegen den Strom“ interpretiert

Steiner-Verlag gibt brisante „Zeitgeschichtliche Betrachtungen“ von 1916/17 neu heraus – Erstmals wissenschaftliche Edition

Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele

BASEL (NNA). Von Steiner-Kennern wird sie als „hochbrisant“ eingestuft, die Vortragsreihe „Zeitgeschichtliche Betrachtungen“ aus den Jahren 1916/17, in denen sich Rudolf Steiner zum aktuellen Geschehen des 1.Weltkriegs äußerte. Jahrelang war sie vergriffen, was das Rätselraten um die tatsächliche Bedeutung dieser Vorträge noch vergrößert hat. Nun sind sie in vollständig neu bearbeiteter Ausgabe wieder zugänglich, die heutigen wissenschaftlichen Standards entspricht. (GA 173 a-c)

Der Steiner-Verlag in Dornach wählte eine für GA-Bände sonst nicht übliche Form der Präsentation: die Neuausgabe wird an verschiedenen Orten der Öffentlichkeit vorgestellt. Start der Tour war Basel. Die renommierte Buchhandlung Bider & Tanner war dicht mit Besuchern gefüllt, die den spannenden Ausführungen des Herausgebers Alexander Lüscher und des Verlagsleiters Jonathan Stauffer folgten und danach beim Apéro intensiv weiterdiskutierten. Worum geht es?

Steiner wird von Kritikern immer wieder vorgeworfen, in seinen Vorträgen zum Weltkriegsgeschehen und in der Frage der Alleinschuld Deutschlands am Kriegsausbruch 1914 obskure Verschwörungstheorien vertreten zu haben. So kann man diese neue, wissenschaftlich fundierte Edition und ihre Präsentation als Flucht in die Öffentlichkeit interpretieren, mit der Steiner-Verlag und -Archiv diesen Vorwürfe entgegentreten wollen. Die Brisanz der Angelegenheit ergibt sich auch daraus, dass der Band GA 173 in der rechten Esoterikßene wegen der darin vertretenen Thesen Steiners zum Kultbuch avancierte.

Verlagsleiter Stauffer verglich die Neuedition, die 1800 Seiten umfasst, mit einer langen und schweren Geburt. Er beleuchtete die inhaltlichen und verlegerischen Aspekte des neuen Opus und erläuterte die historische Situation, in der Steiner diese Vorträge gehalten habe. Sie sei etwa vergleichbar mit der eines Redners, der heute vor einem internationalen Publikum zu den Hilfstransporten in den Gaza-Streifen Stellung nehme. Dieser Redner würde mit einer Flut völlig gegensätzlicher, oft fanatisch vorgetragener Meinungen konfrontiert.

Steiner habe damals auf neutralem Boden vor Angehörigen sich bekriegender Nationen gesprochen. Er habe wach und souverän die Einwände abfedern müssen, um in der explosiven Atmosphäre bestehen zu können. Zudem sei auch in der neutralen Schweiz die Meinung der Bevölkerung tief gespalten gewesen, was die Sympathien zu den Kriegsparteien (Mittelmächte und Entente-Mächte) betraf.

Steiners Bemühen um eine objektive Geschichtsbetrachtung, die in jedem Vortrag deutlich werde, und darauf gerichtet war, die Zuhörer eben nicht in die überall vorherrschenden Emotionen zum Thema zu verstricken, sei an sich schon eine gewaltige Leistung. Bewundernswert sei auch seine ungewöhnlich breite Informationsbasis gewesen: „Ein absolut modernes Vorgehen“, betonte Stauffer. Die Fleißarbeit des Herausgebers gehe letztlich auf die Fleißarbeit Steiners zurück, mit der dieser seine Informationen zusammengetragen habe.

Alexander Lüscher, seit 14 Jahren Mitherausgeber der Steiner-Gesamtausgabe, verstand es, den trockenen historischen Stoff, aber auch seine Editionspraxis spannend zu vermitteln. Ohne die Zusammenarbeit mit einem gut eingespielten Team, darunter auch Stenographie-Experten, Menschen, die recherchierten, Korrektoren, Zeichner und Layouter, hätte die Neuausgabe nicht entstehen können. Mitgearbeitet haben auch der Historiker Markus Osterrieder und der Sprachwissenschaftler Hans-Diedrich Fuhlendorf.

Die 24 Vorträge Steiners verteilen sich nun auf drei Bände, die jeweils eigene Einführungen enthalten. Auch die Editionsgeschichte ist darin ausführlich dokumentiert. Jeder Band enthält im Anhang einen umfangreichen Anmerkungsteil. Diesen ausführlichen Anhang begründete Lüscher mit mehreren Argumenten: Ein heutiger Leser kenne kaum noch die von Steiner erwähnten Namen und Vorgänge. Seine oft entlegenen Quellen seien nicht einmal Historikern ohne weiteres zugänglich, auch nicht mit Suchmaschinen im Internet zu finden. Fundierte Kenntnisse der zeitgenössischen Literatur seien daher unumgänglich gewesen, ebenso wie die Heranziehung von Steiners Bibliothek. Die Quellen, aus denen Steiner geschöpft hat, sind im originalen Wortlaut abgedruckt. Außerdem sind Notizzettel und Seiten aus Notizbüchern im Faksimile wiedergegeben, durch deren Einbeziehung manche verstümmelt überlieferte Textstelle rekonstruiert werden konnte.

Lüscher schilderte den Anwesenden die dramatische weltpolitische Situation zur Jahreswende 1916/17, in der Steiner die Vorträge gehalten hat. Die Entente-Staaten hatten das Friedensangebot Deutschlands abgelehnt. Steiner habe Augenzeugenberichten zufolge auf diese Entwicklung, aber auch auf die Haltung führender deutscher Staatsmänner „verzweifelt“ reagiert.

Am 14. Januar 1917 schob Steiner einen Vortrag über psychische Erkrankungen ein, weil er überzeugt war, dass der Ausbruch des Weltkriegs und sein weiterer Verlauf wesentlich von den psychischen Ausnahmezuständen der jeweiligen Entscheidungsträger mitbedingt gewesen sei.

Steiner hatte seinen Zuhörern das Mitschreiben verboten, weil ausländische Anthroposophen manchmal ihre Nachschriften in ihre Heimatländer schickten, wo sie von der Zensur abgefangen wurden. Steiner, der während der Kriegsjahre wie viele Ausländer in der Schweiz unter polizeilicher Beobachtung stand, wollte jeden unnötigen Verdacht vermeiden. Nachweislich haben die Ententemächte auch Steiners Ausweisung aus der Schweiz betrieben.

Die Erstausgabe, die unter Marie Steiners Regie 1949 in zwei Privatdrucken von je 100 Exemplaren als Studienmaterial erschien, beruhte daher auf einer unzureichenden Nachschrift. Die vorhandenen Stenogramme waren damals noch nicht zugänglich, sondern verpackt, was Fehler und Ungereimtheiten nach sich zog. Auf diese mangelhafte Urfassung gingen im Wesentlichen die Nachdrucke im Rahmen der Gesamtausgabe zurück (GA 173 und 174), die seit Jahren vergriffen waren.

Da die vorliegenden Stenogramme mittlerweile restlos entziffert worden sind, konnte der Vortagstext vollständig neu bearbeitet werden. An verschiedenen Textbeispielen demonstrierte Lüscher die Unterschiede von alter und neuer Fassung und begründete die notwendigen Abweichungen. Auch die dazugehörigen Handschriften Steiners auf Notizzetteln und Notizbüchern konnten erstmals herangezogen werden. Bei der Dechiffrierung, etwa von schwer verständlichen Abkürzungen, war manchmal auch Intuition gefragt oder der Zufall trug zur richtigen Lösung bei.

Steiner habe manchmal in einzelnen Daten und biographischen Angaben geirrt, die jetzt korrigiert wurden. Alle Berichtigungen seien für den Leser nachvollziehbar dargestellt. Die vielen Hinweise belegten, dass Steiner nicht „aus dem Blauen heraus erzählt“ habe, sondern sich auf vielfältige Quellen gestützt habe.

Zu seinen Korrekturen habe sich Lüscher schon deshalb legitimiert gefühlt, weil Marie Steiner, die Erbin von Steiners literarischem Nachlass, ihre eigene Edition nicht für letztgültig gehalten, sondern auf spätere, fachkundige Bearbeitung gehofft habe. Lüscher kündigte in diesem Zusammenhang auch neue Editionsrichtlinien der Nachlassverwaltung an, die im Endstadium der Ausarbeitung seien.

Die zeitgeschichtlichen Betrachtungen, so der Herausgeber zusammenfassend, enthielten darüber hinaus eine Enthüllung des historischen „Tiefenstroms“. Steiner sei es im Sinn seiner geschichtlicher Symptomatologie auch darauf angekommen, darauf hinzuweisen, dass alles historische und politische Geschehen spirituelle Hintergründe habe. Es habe seine Zuhörer zu objektiver Geschichtserkenntnis anregen wollen.

Von manchen Kritikern werde Steiner den Verschwörungstheoretikern zugerechnet, da er von einer planmäßigen Einkreisung Deutschlands durch die Entente-Mächte gesprochen habe. Es gebe Verschwörungsgläubige und Verschwörungsleugner. Ein heutiger Interpret von Steiners Vorträgen dürfe sich nicht von solch extremen Positionen leiten lassen. Steiner habe lediglich langfristige machtpolitische Strategien der westlichen Mächte aufgezeigt, die im 20. Jahrhundert weitgehend umgesetzt wurden. Derartige langfristige Ziele seien dagegen bei den Mittelmächten nicht nachweisbar. Steiners Darstellungen stimmten in hohem Maße mit den heutigen historischen Erkenntnissen überein. Lüscher wies auf ein demnächst erscheinendes Buch von Markus Osterrieder hin, das sich mit dem Thema „Rudolf Steiner und der Erste Weltkrieg“ beschäftige und neueste Erkenntnisse zusammenfasse.

Bei der dann folgenden Fragenbeantwortung räumte der Verlagsleiter ein, dass es trotz aller Bemühungen schwierig sei, Rezensionen auch in nichtanthroposophischen Medien zu erreichen. Lüscher meinte, dies hänge auch damit zusammen, dass der Mainstream der Geschichtswissenschaft noch immer von Deutschlands Alleinschuld am ersten Weltkrieg ausgehe. Einige Historiker stellten diese These zwar in Frage, seien aber eher in der Minderheit. Steiner habe diese Mainstream-Auffassung nicht geteilt. Es dürfe nicht übersehen werden, dass die Schweizer Presse noch während des Weltkriegs die angebliche alleinige Kriegsschuld der Mittelmächte viel differenzierter beurteilt habe als spätere Historiker.

Lüscher trat Befürchtungen entgegen, GA 173 könne – trotz des wissenschaftlichen Niveaus der Neuausgabe – zum Eigentor für die anthroposophische Bewegung werden, da eine kritische Öffentlichkeit das Werk nicht differenziert genug beurteile und es in die „revisionistische Ecke“ stelle. Dieses Problem sei ihm durchaus bewusst. Es sei immer schwierig, ein Werk heraußugeben, das inhaltlich in vielen Punkten gegen den Mainstream schwimme. Er sei aber im Ganzen zuversichtlich, weil die Vorwürfe der Unwissenschaftlichkeit und der Geheimniskrämerei gegen die neue Ausgabe nicht mehr erhoben werden könnten.

END/nna/vog

Rudolf Steiner: Zeitgeschichtliche Betrachtungen. (GA 173a, 173b, 173c) Drei Leinenbände in Schuber. Herausgegeben von Alexander Lüscher unter Mitarbeit von Hans-Diedrich Fuhlendorf und Markus Osterrieder. Dornach: Rudolf Steiner Verlag 2010. CHF 190.-/ € 130.-; ISBN 978-3-7274-1731-3.

Weitere Veranstaltungen zur Neuausgabe finden noch im Juni in Bern, Hamburg und Köln statt.

Link: www.steinerverlag.com

Bericht-Nr.: 100615-01DE Datum: 15. Juni 2010

© 2010 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/

Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/

 

 


Nachrichtenarchiv

Neueste Berichte