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Muss ein Ballettforscher selbst getanzt haben?
Beim Kolloquium trafen die neuen Steiner-Biographen in Frankfurt auf anthroposophisch orientierte Forscher und Journalisten FRANKFURT AM MAIN (NNA). Diskussionsrunden zwischen anthroposophisch orientierten Wissenschaftlern und der akademischen Mainstreamwelt finden nicht so oft statt. Anlässlich des Erscheinens der neuen Biographien von Rudolf Steiner (NNA berichtete), kam es jetzt zu einem solchen Treffen im Frankfurter Goethehaus. Eingeladen hatten die Info3-Redaktion und die von ihr ins Leben gerufene Medienstelle Anthroposophie. So trafen die drei Autoren, die Historiker Miriam Gebhardt und Helmut Zander, sowie der Mainzer Erziehungswissenschaftler Prof. Heiner Ullrich u.a. auf Johannes Kiersch, Frank Hörtreiter und Prof. Jost Schieren von der Alanus Hochschule in Alfter. Beim Kolloquium diskutierten auch Journalisten mit. Laura Krautkrämer von der Medienstelle zeigte sich in ihrer Begrüßung darüber erfreut, dass gleich drei große deutsche Publikumsverlage Steiners 150. Geburtstag wichtig genug nahmen, um neue Biographien über ihn heraus-zubringen. Das sei ein beredtes Signal dafür, dass Steiners Denkanstöße auch außerhalb der anthroposophischen Bewegung diskutiert werden wollen und sollen. Sie zitierte Markus Brüderlin, den Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg: Steiner gehöre heute nicht mehr nur den Anthroposophen. Diesen Wandel dokumentierte auch eine im Saal aufgebaute, von Ramon Brüll konzipierte Buchausstellung mit Bibliographie: Man sah Bücher zu Steiners Lebensgang seit 1925, über die Verehrungs- und Erinnerungsliteratur bis zu heutigen kritischen Darstellungen. In seiner Anmoderation stellte Info3-Chefredakteur Jens Heisterkamp einen anderen Aspekt heraus: Als Anthroposoph sehe man nicht nur die Praxisfelder, sondern auch die Lebensorientierung, die von Anthroposophie ausgehe. Der von Steiner definierte Erkenntnisweg ziele zum Kosmischen und stelle insofern eine Überwindung der Selbstbezogenheit dar, die durchaus modern sei. Wer diesen Weg gehe, müsse an sich selbst arbeiten. Im Gespräch erfuhr man zunächst einiges zum Hintergrund der drei neuen Steiner-Biographen. Helmut Zander etwa meinte, er sei zum Thema Anthroposophie wie die Jungfrau zum Kind gekommen. An der Universität sei das Thema verachtet worden, während er es spannend fand. Im Lauf der Jahre habe sich seine Beschäftigung damit wie im Schneeballsystem vermehrt, weil zunehmend Nachfragen aus akademischen Kreisen kamen, die näher über Steiner informiert sein wollten. Seine Dissertation habe er geschrieben, weil „das Material da war“. Er sei „mit einem Schuss Naivität“ an das Thema herangegangen, ohne zu wissen, welche Dimensionen es einmal annehmen würde. Es gebe seit etwa zehn Jahren eine etablierte Esoterikforschung mit hochdifferenzierten Forschungsfeldern, die noch große Freiräume enthielten. Er müsse „ungeschützt“ zugeben: der Steinergeburtstag sei für ihn „zu früh“ gekommen. Die Verlage lockten heutzutage mit Geldangeboten: der ökonomische Reiz habe auch für ihn eine Rolle gespielt. Bleibend an Steiner sei seine „Imaginativkraft“, die ebenso unterschätzt werde wie der von ihm bearbeitete rituelle Bereich. Prof. Heiner Ullrich beschrieb seinen Zugang zu Rudolf Steiner auf dem Weg einer Dissertation über Waldorfschulen in den 1980er Jahren, als diese Schulen boomten. Gereizt und irritiert gleichzeitg habe ihn die dahinter stehende Lehre, vor allem die Steinersche Menschenkunde, etwa auch die Temperamentenlehre. Diese bedeute einen Rückfall in antiquierte Wissensformen. Er habe versucht, Steiners Anthropologie von der Philosophie Ernst Cassirers her zu verstehen. Charakteristisch für Steiner sei eine um 1900 verbreitete „vagierende Religiosität“, die auch seinen Weg über Goethe zur Theosophie verständlich mache. Steiners Weltanschauung sei eine Modernitätskritik gewesen. Seine Schriften seien heute nicht mehr relevant, wohl aber die Praxisfelder der Anthroposophie. Das Interessante an der Waldorfpädagogik sei die Frage, warum sie trotz ihrer seiner Auffassung nach fragwürdigen Grundlagen immer neue Adressaten finde. Daher sei er gespannt auf die erst teilweise vorliegenden Ergebnisse sozialwissenschaftlich empirischer Untersuchungen, die sicher auch für Waldorfschulen interessant seien könnten. Sein Buch über Steiner solle keine Biographie sein, sondern wende sich an Eltern, die ihr Kind auf eine Waldorfschule schicken wollen. Miriam Gebhardt fand es bemerkenswert, dass verschiedene Fakultäten mit unterschiedlicher Motivlage auf dem Podium vertreten seien. Selbst aus einer Psychologenfamilie stammend, habe sie einen Schulkameraden aus dem anthroposophischen Milieu gehabt. Die Gespräche mit ihm seien immer bis zu einer gewissen Grenze gekommen, die sie als Bruch erlebt habe. Ihre persönliche Ausgangslage sei eine psychologische gewesen: Wo entfernen sich Psychologie und Anthroposophie voneinander? Ihr wissenschaftlicher Ausgangspunkt sei die Erziehung und das Menschenbild vor 100 Jahren gewesen. Für sie sei das Besondere an Steiner, dass er wie Freud am Ausgangspunkt des „psychologischen Zeitalters“ stehe. Wie dieser gehe er von einer Betrachtung der Menschheitsgeschichte aus und komme schließlich zu einer Art Therapie für bestimmte kulturelle Defizite. Steiner bleibe aktuell, weil die zivilisatorische Bedrohungslage heute ähnlich wie zu Steiners Zeiten sei und zudem sei auch die „Arbeit an sich selbst“ wieder gefragt. Auf die Frage, was für ihn heute wertvoll an Steiners Werk sei, meinte Helmut Zander, sein Schwerpunkt sei Steiners Arbeit mit Mythen und Metaphern. Er wolle nichts Abschließendes sagen, nur Hinweise für den Umgang mit Steiner geben. Ihm imponiere beispielsweise, wie anthroposophische Ärzte den Gang eines Menschen wahrnähmen. Auch Prof. Ullrich konnte der physiognomischen Sicht der Menschenkunde etwas abgewinnen, sie mache neugierig auf die Waldorfschul-Didaktiker. Hier ergebe sich ein Konsens mit vielen nichtanthroposophischen Ansätzen, in denen ein kreatives Potential für Didaktiker liege. Miriam Gebhardt betonte, bleibend an Steiner sei sein Eklektizismus. Zweierlei sei möglich: entweder Anthroposophie als Wellness: Beim Kauf von Demeterwaren stellen sich Glücksgefühle ein. Dass damit aber die Anthroposophie verwässert werden könne, habe schon Steiner befürchtet. Wegen seines breiten Angebots wurde er schon zu Lebzeiten als moderner Warenhausbesitzer bezeichnet. Der von ihm vorgeschlagene spirituelle Weg sei aber nicht so leicht konsumierbar. Prof. Ullrich konzedierte, bei der Lektüre von Steiners Schriften wisse man, wo man stehe, weil es immer um existentielle Fragen gehe. „Man betont dann natürlich eher die Grenze, wo man nicht mehr mit kann, man distanziert sich und fragt sich zugleich: Was fas-ziniert dich doch daran?“ meinte der Wissenschaftler. Steiner forderte auf jeden Fall Selbstreflexion heraus. Ob mit dem zweibändigen Werk von Christoph Lindenberg (1997) nicht schon längst die klassische Steinerbiographie vorliege, fragte Jens Heisterkamp. Gebhardt meinte, jede Generation entdecke ihren Steiner neu, insofern sei Lindenberg heute wahrscheinlich nicht mehr aktuell. Heute verlangten die Menschen zunehmend verständliche „Übersetzungen“ aus der ihnen fremden Welt der Anthroposophie, ergänzte Ullrich. Mit diesem Bedürfnis ihrer Leser rechneten Buchverlage und Medien. Zander meinte, Lindenberg sei von innen und außen stark kritisiert worden. In der Außenperspektive, etwa in der Sicht des Rezensenten Thomas Steinfeld („FAZ“) sei sein Werk als unbrauchbar für die öffentliche Auseinandersetzung gesehen worden. Ähnlich wie den Katholiken traue man auch den Anthroposophen keine objektiven, fairen Darstellungen zu. Aber auch intern sei Lindenberg kritisiert worden, weil er es gewagt habe, anhand von Quellen Steiners etappenweisen Zugang zum Christentum aufzuzeigen, wurde in die Diskussion geworfen. Frank Hörtreiter (Christengemeinschaft) hob die Bedeutung Lindenbergs hervor, der eine Menge „heiliger Kühe“ geschlachtet habe, was ihm von der anthroposophischen Bewegung aber nicht gedankt worden sei. Heisterkamp schließlich bescheinigte Lindenberg jene empathische Forschungsweise, für die Steiner eingetreten sei. Johannes Kiersch, der den verstorbenen Steiner-Biographen Lindenberg näher gekannt hat, gab zu bedenken, hinter dessen scheinbarer Distanz habe eine leidenschaftliche Liebe zu Steiner gestanden. Lindenberg sei doppelt engagiert gewesen: Mythen zerstörend und Empathie empfindend. Beim Kolloquium am Nachmittag stellte Jens Heisterkamp dann die Frage, ob es nicht sein könne, dass es für die öffentliche Wahrnehmung gar nicht allein um die Wissenschaft gehe, dass vielmehr Steiner, um öffentlich vorzeigbar zu sein, differenziert gesehen werden müsse - wobei man teilweise auch mit zynischen oder ironischen Darstellungsweisen zu rechnen habe. Prof. Ullrich meinte, dass die Öffentlichkeit sich für „Übersetzungen“ aus der für sie unbekannten Welt (der Anthroposophie) interessiere. Die Medien wollten diesem Bedürfnis ihrer Konsumenten entsprechen. Einen Verehrungskult gegenüber Rudolf Steiner gebe es heute nicht mehr, stellte Prof. Jost Schieren fest. Andererseits gehöre es zum generellen Blick der Gegenwart, das Defizitäre heraus-zustellen. Danach bemesse sich die öffentliche Glaubwürdigkeit einer Steiner-Rezeption. Das führe zu dem Dilemma: die Erfolge der Praxisfelder würden anerkannt, aber die dahinter stehende Theorie würde als defizitär empfunden. Dieses bis heute nicht gelöste Dilemma sei sowohl bei Prof.Ullrich als auch bei Helmut Zander spürbar. Sebastian Jüngel, Redakteur der Zeitschrift „Goetheanum“, warf dann gegenüber den drei Biographen die in der anthroposophischen Bewegung diskutierte Frage auf nach dem persönlichen Bezug zur Anthroposophie: „Kann einer über Ballett etwas Gültiges schreiben, ohne je Ballett ausgeübt zu haben?“ Dem hielt die Ethnologin Anette Rein entgegen, dass sie über Tempeltänze promoviert habe. Sie müsse sie nicht selbst ausgeübt haben um darüber etwas Gültiges aussagen zu können, Politologen müssten auch keine Politiker sein, Musikwissenschaftler keine Klaviervirtuosen. Gerade der fremde Blick könne der genauere sein. Kontrovers diskutiert wurde dann auch beim Thema Wahrheit. Jean Claude Lin kritisierte, Zander fehle das Wahrheitsempfinden, die Wahrheitsfrage dürfe bei Steiner nicht ausgeklammert werden. Ansgar Martins, Jungautor des Info3, wies darauf hin, dass hier offensichtlich verschiedene Wahrheitsvorstellungen aufeinander prallten. Helmut Zander hielt Lin entgegen, sobald man ins anthroposophische Milieu komme, werde man auf die Wahrheitsfrage oder auf existentielle Fragen angesprochen. Wissenschaft könne keinen Anspruch auf Wahrheit erheben. Stephan Stockmar von der Zeitschrift „Die Drei“ fragte: Nehme ich Steiners Wissenschaftsanspruch ernst? Steiner rekurriere auf Erkenntniswissen, was Helmut Zander kritisiere und bespöttele. Davon könne ein neutraler Leser befremdet sein. Den Ton Zanders bezeichnete er als ärgerlich. Er wirke, als ob er seinen Forschungsgegenstand nicht ernst nehme. Frank Hörtreiter warf Zander vor, sein Buch enthalte zu viele Unterstellungen. Trotz mancher Anerkennung werde Steiner subjektive Redlichkeit abgesprochen. Helmut Zander meinte dazu, er „lasse Deutungen einfließen“. Fehler schloss er dabei nicht aus, sie gehörten zur Science. Deutlicher als zuvor sei ihm heute, dass der Idealist Steiner, nach einer Phase des Aussteigens (als Atheist usw.) den roten Faden wieder aufgegriffen habe. Insofern halte er Steiner für einen systematischen Denker. Miriam Gebhardt verstand den Steiner zugeschriebenen Eklektizismus nicht abwertend als Beliebigkeit. Steiner habe lebenslang Aufträge entgegengenommen und versucht, Fragen zu beantworten. Prof. Ullrich schließlich sah bei Steiner eine „Kontinuität im Wandel“ im Goetheschen Sinn. Dadurch seien bei Steiner auch die vielfältigsten Anschlüsse möglich: „Niemand ist über die gleiche Schiene zu Steiner gekommen“, betonte er. Prof. Ullrich hob abschließend die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen akademischer Wissenschaft und Anthroposophie hervor, er finde sie etwa im Bildungsgedanken Steiners, in der humanistischen Grundeinstellung sowie im alternativen Umgang mit der Natur. Laura Krautkrämer äußerte für die Medienstelle die Hoffnung auf eine Fortsetzung des Gesprächs. Diese stehe als Ansprechpartner allen zur Verfügung, die sich nicht direkt an das Goetheanum wenden wollten oder meinten, mit den Vorständen der Dornacher Zentrale nicht klarzukommen. End/nna/vog/ung Bericht-Nr.: 110222-01DE Datum: 22. Februar 2011 © 2011 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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