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Mon, 18 Jun 2012

Fruchtbare Begegnung durch Verschiedenheit ermöglichen

Großer Andrang herrschte beim Kasseler Thementag Inklusion von Waldorfschulbewegung und Verband für anthroposophische Heilpädagogik

Von NNA-Korrespondent Ernst Ullrich Schultz

KASSEL (NNA). Auf großes Interesse stieß der Thementag Inklusion, zu dem sich Lehrer, Heilpädagogen und Erzieher aus den anthroposophischen Fachverbänden zum gemeinsamen Erfahrungsaustausch im April in Kassel trafen. Über 600 Personen waren der Einladung des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) und des Verbands für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. gefolgt, Mitveranstalter war auch die Vereinigung der Waldorfkindergärten. Die Aula der Kasseler Waldorfschule reichte nicht aus für alle Teilnehmer und deshalb wurden die Vorträge per Bildschirm in Nebenräume übertragen.

Wie kann die für Deutschland inzwischen verbindliche UNO-Konvention für die Rechte der Menschen mit Behinderungen durch die Pädagogik Rudolf Steiners am besten verwirklicht werden? Das war die generelle Frage, der sich der Thementag widmete. Unter verschiedenen Gesichtspunkten wurde das Thema von den einzelnen Referenten beleuchtet. Der Begriff Inklusion zielt auf die völlige Gleichstellung, gesellschaftliche Anerkennung und gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. In der UN-Behindertenrechtskonvention wird den Unterzeichnerstaaten die Verwirklichung dieses Ideals auferlegt. Die meisten Länder der Welt, darunter auch Deutschland, haben die Konvention unterzeichnet.

Johannes Denger vom Verband für anthroposophische Heilpädagogik ging im Einfangsreferat der Frage nach, wo Ideal und Wirklichkeit auseinanderklaffen und erläuterte den Zusammenhang des Themas mit der menschheitlichen Entwicklung.

Er verwies dabei auf den Soziologen Jürgen Habermas, der in neuerer Zeit ein starkes Drängen nach Verwirklichung von Menschenrechten in der ganzen Welt attestiert habe. Denger stellte klar, dass der Begriff Inklusion nicht zu eng gefasst werden darf, sondern es sei Aufgabe der ganzen Gesellschaft, benachteiligten Bevölkerungsgruppen die gleichberechtigte Teilhabe zu ermöglichen.

Die anthroposophische Heilpädagogik hat anerkanntermaßen am Anfang des 20. Jahrhunderts hier eine Vorreiterrolle gespielt. Das erste heilpädagogische Heim entstand 1924 auf dem Lauenstein bei Jena. Rudolf Steiner regte die Gründung an und begleitete die Einrichtung. Den Begriff „seelenpflegebedürftig“ erwähnte Steiner im Zusammenhang mit der damals herrschenden Haltung, dass man den so genannten geistig behinderten Menschen lediglich körperliche Pflege zukommen ließ und die Förderung ihrer Sinnestätigkeit und der seelischen Fähigkeiten vernachlässigt wurde. Die Haltung gegenüber diesem Personenkreis hat sich inzwischen allgemein gewandelt, so erscheint der Begriff nicht mehr zeitgemäß.

Inklusion wird heute als ein hohes Ideal definiert, auch anthroposophische Einrichtungen müssen sich daran messen lassen. Kritisch merkte Johannes Denger an, dass nach dem Kriege der Heilpädagoge Karl Schubert mit seiner Förderklasse, die er sogar durch die Nazizeit hat bringen können, nicht in die Stuttgarter Walddorfschule integriert wurde.

Die Wertschätzung eines jeden Menschen gehört seit jeher zum Selbstverständnis der Anthroposophie, bekräftigte die Leiterin der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Michæla Glöckler in ihrem Referat. Insofern sei der Inklusionsgedanke darin schon enthalten. Sie warb für die Salutogenese in Bezug auf die Erziehung als Selbsterziehung. Die Förderung der Gesundheit von Körper, Seele und Geist sei eine vordringliche Aufgabe in der anthroposophischen Pädagogik.

Am späten Vormittag wurde mit Videoaufnahmen das Verhalten von Kindergartenkindern in gemischten Gruppen gezeigt und wie diese sich gegenseitig im freien Spiel anregten. Weiterhin gab es eine eindrückliche künstlerische Darbietung der Windrather Talschule, die Kinder mit Förderbedarf in die Klassen integriert haben. Oberstufenschüler der Waldorfschule Berlin-Kreuzberg stellten ihre selbst entwickelten Projekte im Foyer des Saales vor.

In den Kurzbeiträgen nach der Mittagspause ging es vor allem um die Haltung des Erziehers und des Therapeuten. Heiner Prieß beleuchtete den esoterischen Aspekt in Hinblick auf Erziehung und Selbsterziehung. Claus-Peter Röh referierte in seinem Beitrag die drei seelischen Qualitäten, insbesondere den Einfluss des Willens in der Arbeit des Pädagogen. Florian Osswalds Schwerpunkt seines humorvoll dargebrachten Kurzvortrages war die Haltung , die man für seine Arbeit als Pädagoge braucht. Weiterhin beschrieb er den Begriff Inklusion sehr anschaulich mit dem Bild einer Landschaft, bestehend aus Wiesen und Waldstücken. In beiden Regionen lebten zwar Vögel, aber im Bereich dazwischen, am Waldrand, finde sich die reichhaltigste Vogelwelt. So lasse sich ein erfülltes Leben von Menschen als fruchtbare Begegnung mit der Verschiedenartigkeit beschreiben.

Im letzten Teil der Tagung, moderiert von Johanna Keller und Dr.  Reinald Eichholz, beides Juristen, ging es um praktische Fragen der Umsetzung des Inklusionsgedankens. Hier tauchten die strittigen Fragen auf, die sich beim gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Förderbedarf stellen. Neben juristischen und finanziellen Hemmnissen seitens der Länderschulbehörden wurde unter anderem kritisiert, dass man zwar Sonderstellungen der Schüler vermeiden wolle, der Staat aber immer spezielle Fördergutachten verlangt. Problematisch wurde auch gesehen, dass staatliche Stellen in einigen Ländern inklusive Klassen in Waldorfschulen zwar genehmigen, die finanzielle Ausstattung jedoch zu wünschen übrig lässt. Mitarbeiter aus heilpädagogischen Schulen warnten vor einer Ausdünnung ihres Bereiches und unterstrichen die Notwendigkeit von Fördereinrichtungen.

Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen sind ein allgemeines gesellschaftliches Problem, welches die Schule allein nicht lösen kann, so wurde im abschließenden Gespräch noch einmal betont. Im Vordergrund der schulischen Erziehung muss die bestmögliche Ausbildung von Fähigkeiten stehen, sonst werden es die Menschen mit Förderbedarf zukünftig noch schwerer haben, sich in der Gesellschaft einzufinden. Entscheidend ist, in welchem System die besten Ressourcen vorhanden sind. Einig war man darin, dass Schule und Einrichtungen immer nach den individuellen Bedürfnissen der anvertrauten Menschen ausgerichtet sein müssen. Eine Reform, die abstrakte, von oben verordnete Schulformen schaffe, sei zum Scheitern verurteilt, so fasste Johannes Denger zusammen.

Zum Schluss stellte sich der inzwischen gebildete interdißiplinäre Arbeitskreis Inklusion der Verbände vor und man bat um Unterstützung durch weitere Anregungen. Aufgrund des großen Erfolgs der Veranstaltung ist im nächsten Jahr wieder ein Thementag geplant.

END/nna/ung/eus

Bericht-Nr.: 120618-02DE Datum: 18. Juni 2012

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