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Fri, 21 May 1999

Sexuellen Missbrauch

Von Ursa Krattiger

Zürich, den 21. Mai (NNA) - Über den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen sprach am letzten Samstag an der Zürcher Tagung der Arbeitsgemeinschaft der Rudolf Steiner Schulen der Schweiz der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Michæl Meusers vom Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. Anlass dazu boten die sexuellen Übergriffe eines Lehrers an der Rudolf Steiner Schule Wetzikon, die im Sommer 1998 aufgedeckt worden waren.

An die fünfzig Lehrkräfte aus der ganzen Schweiz liessen sich sensibilisieren für die Signale, mit denen Kinder und Jugendliche auf ihr Missbrauchtwerden aufmerksam machen. Michæl Meusers betonte, dass die Täter (auf eine Frau kommen fünf Männer) im Umgang mit Kindern Sexualität empfinden. Dies sei ein “Fluch”, der sich meistens schon zwischen 12 und 16 Jahren offenbare, wenn solche Jugendliche kleine Kinder “anmachen”. Hier empfehle er eine Behandlung. Parallel zum klaren Nein zur pädophilen Sexualität müsse man die Ambivalenz zwischen der persönlichen Wertschätzung der Täter und der unmissverständlichen Ablehnung ihres Sexualverhaltens zulassen. Denn oft seien die Täter die einfühlsamen, auf das Kind bezogenen Vertrauten ihrer missbrauchten Opfer, und eine Loslösung müsse im Interesse der Opfer behutsam eingeleitet werden.

Michæl Meusers sensibilisierte die Lehrkräfte für ein Gesprächsverhalten, mit dem sie einem Kind oder Jugendlichen helfen, über seine Missbraucherfahrung zu sprechen, denn als vertraute Personen eignen sich LehrerInnen als Ansprechpartner für bedrängte Kinder. Sie müssen jedoch achtsam auf leise Anzeichen reagieren und die Botschaft des Kindes in ihren eigenen Worten wiederholen: “dann erzählt das Kind weiter” und zwar in seinem eigenen Tempo. Für dieses Gespräch müssen die Lehrkräfte zuerst selber die Worte finden - kleine Uebungen zeigten, wie ungewohnt das ist - und die Fähigkeit üben, ihre Wahrnehmungen wertfrei zu spiegeln. Dass dies so schwerfällt, sollte jedoch nicht erstaunen: schliesslich ist es ein junges Phänomen, dass sich unsere Zivilisation entschlossen hat, endlich über dieses uralte Missbrauchs-Thema zu reden.

ENDS

N990521-02DE Date: 21. Mai 1999

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"Richtkräfte für das 21.Jahrhundert" - Steiner, Belyj, Beuys und Emma Kunz im Kunsthaus Zürich

Von Ursa Krattiger

Zürich, den 21. Mai (NNA) - Im völlig überfüllten Grossen Saal des Zürcher Kunsthauses ist am 20. Mai die Ausstellung “Richtkräfte für das 21.Jahrhundert” eröffnet worden. Kunsthaus-Vizedirektor Guido Magnaguagno führte ein in die vier Werkgruppen, in denen versucht wird, das Unsichtbare sichtbar zu machen. Im 1. Stock des Kunsthauses entstand - kirchenförmig aufgebaut - ein neuer “Denk- und Fühlraum”, so eine Besucherin. In der “Vorhalle” empfängt je ein Bild von Mondrian, Kandinsky und Malewitsch - von drei Wegbereitern der abstrakten Kunst, die sich alle mit Theosophie beschäftigt hatten.

Das “Kirchenschiff” füllen 120 der über tausend erhaltenen Wandtafelzeichnungen, die Rudolf Steiner (1861-1925) zwischen 1919 und 1924 während seiner Vorträge auf die mit schwarzem Papier überzogenen Wandtafeln geworfen hat. Sie sorgen seit 1992 für Aufsehen in der Kunstßene und werden - jeweils in einer anderen Auswahl - zum 26. Mal ausgestellt. Das Zürcher Kunsthaus zeigt die grösste Anzahl, die je in der Schweiz zu sehen war: schwarzgrundige Bilder, die überraschen mit uneitler Unbefangenheit, Schwung und Frische, kraftvoller Farbgebung und spontaner Unbekümmertheit. Die Sehfreude vertieft sich, wenn wir die Zitate lesen, die Walter Kugler von der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung aus den jeweiligen Vorträgen herausgesucht und zwischen den Tafeln plaziert hat. Wider alle Klischees ein unerwartet neuer Blick auf den Begründer der Anthroposophie dank Bildern wie “Die Sterne: Ausdruck der Liebe”, “In Phantasie umgegossene Träume”, “Kapital, Waare, Arbeit” oder “Warum die Menschen die Rose lieben”.

Ebenso sensationell sind die vor wenigen Jahren in der Schublade eines Mitarbeiters des Rudolf Steiner Nachlassverwaltung entdeckten Meditationsblätter des russichen Avantgardisten und Anthroposophen Andrej Belyj (1880-1934); sie werden in einer Art abgekapseltem “Baptisterium” gezeigt und lassen uns Belyjs Weg vom gegenständlichen Symbolismus zur ungegenständlichen Malerei - der Begriff stammt von ihm - nachvollziehen. Am Schluss stehen bewegte Linien oder eine mandala-artige Form mit fünf Fünfsternen in der Mitte eines Kreises: “Weisheit”. Zwischen den bunten Würfen an den Wänden in der Mitte auf dem Boden die Installation “Richtkräfte einer neuen Gesellschaft”, die Joseph Beuys (1921-1986) 1977 im Dialog mit dem Berlinker Publikum in Form von Wandtafelzeichnungen geschaffen hat. Zwei weitere Räume - wie Ansätze eines Chorumgangs - zeigen seine “Olive Stones” von 1984 und kleinere Objekte und Bildgestaltungen dieses immer wieder auf Steiner und auf die Natur verweisenden “grünen” Künstlers. Wie ein Motto zur gesamten Ausstellung seine Aufforderung “make the secrets productive”!

Chor und Hochaltar der Ausstellung bilden Pendelzeichnungen der Aargauer Heilerin Emma Kunz (1892-1963). Eine Reihe liegender Bilder führt in der Mitte vorne zu einer kleinen Mandala-Komposition und einer hochformatigen Zeichnung, die laut mündlicher Überlieferung die neun Schwangerschaftsmonate symbolisieren soll. Emma Kunz hat sich standhaft geweigert, ihren Bildern Namen zu verpassen: sie hat sie einfach durchnummeriert und die Voraussage gewagt, man werde ihre Werke sowieso erst im 21.Jahrhundert verstehen. Emma Kunz hat auf grossen Bögen Millimeterpapier Punkte, Linien und Formen ausgependelt und mit Bleistift notiert; die Farbigkeit entstand durch Farbstifte und Oelkreide. Das Ueberwältigende dieser verhaltenen Blätter liegt laut Magnaguagno darin, dass sie wie konstruiert wirken und gleichzeitig den intensiven Eindruck organischer Lebendigkeit machen. Ihre Pendelzeichnung Nr. 168 - grün, blau, gelb, rot - schmückt die Packung des Heilgesteinpulvers “AION A”, das Emma Kunz in den Würenloser Römersteinbrüchen entdeckt hat; heute ist es in Apotheken und Drogerien erhältlich.

Früher im Jahr, wurde in Dornach bei Basel am 30. März - dem Todestag Rudolf Steiners - die erste ständige Ausstellung über sein Leben und Werk eröffnet. Im Haus Duldeck (beim Rondell westlich vom Haupteingang des Goetheanum) werden Briefe und Fotos, Wandtafelzeichnungen und Plastiken, Baumodelle und Notizbücher aus den Beständen des Rudolf Steiner Archivs gezeigt. Auch das Haus, das die Ausstellung beherbergt, gehört zur Ausstellung: Steiner hat mit dem 1915 erbauten Wohnhaus Architekturgeschichte geschrieben, weil er das damals neue Baumaterial Beton plastisch behandelt hat. Reizvoll ein Gang durch die hell renovierten Räume mit den beiden Rotunden und in die Buchhandlung im zentral gelegenen früheren Esßimmer.

“Richtkräfte für das 21. Jahrhundert” wird bis zum 1.August im Zürcher Kunsthaus gezeigt und ist von einem reichhaltigen Rahmenprogramm mit Führungen, Vorträgen und Podiumsdiskussionen begleitet. Geöffnet: Di-Do, 10-21 Uhr, Fr-So, 10-17 Uhr.

Öffnungßeiten der ständigen Ausstellung im Haus Duldeck sind Mo, 14.00-18.30; Di-Fr, 9.00-12.30 und 14.00-18.30; Sa, 9.00-17.00; Eintritt frei, Führungen auf Anfrage.

ENDS N990521-01DE Date: 21. Mai 1999

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