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Fri, 11 Feb 2000

Frauenbild der Waldorfschule?

Ute Hallaschka kommentiert den “Kopftuch-Streit” in einem in der Zeitschrift “Info3” erschienenen Kommentar / Commentary on the issue of whether or not Muslim dress in schools should be seen as a symbol of religious fundamentalism using the example of a recent case at a Waldorf school in Germany.

(Vgl. N000211-06DE: Bericht zum Thema, und C000211-04DE: weiterer Kommentar zum Thema)

Frankfurt/Main, 11. Februar (NNA) - Einige Fragen scheinen mir klärungsbedürftig. Die erste ist die Unterscheidung von Religion, Konfession und Kirche. Es gibt auch christliche Extrem-Kirchen mit entsprechender Kleider- und Verhaltensordnung, die aus einer wortwörtlichen Bibelauslegung resultieren (Paulus: Frauen sollen ihr Haupt bedecken und schweigen in der Gemeinde).

Ob die Auslegung einer “Heiligen Schrift” jedoch eine Angelegenheit der Religion oder eine Kirchenfrage darstellt, sei zur Diskussion gestellt. In Deutschland wird Religionsfreiheit im Erziehungswesen durch die Verfassung garantiert. In diesem Zusammenhang sei an den Kreuzabnahme-Streit in Bayern erinnert (damals bildeten anthroposophisch orientierte Eltern den Stein des Anstoßes).

Im Namen der Religionsfreiheit soll seither das Kreuz an der Wand ebenso verboten sein wie das Tuch auf dem Kopf. Beides sind Symbole. Weniger religiöse als vielmehr “weltliche Zeichensetzungen” der Kirche. Der Staat verhält sich darum nur konsequent, wenn er Frau Alzayed Unterrichtsverbot erteilt. Ob islamische, christliche oder hinduistische Symbolik spielt dabei keine Rolle.

Die Waldorfschule als Privatschule mit öffentlicher Förderung ist sowohl den Verfassungsgrundsätzen des Staates wie ihren eigenen Richtlinien verpflichtet. Emanzipation vom Staat ist dieser Pädagogik ursprünglich eingeschrieben, aber eine fromme Illusion, zu glauben, man könne die mit einer solchen Personalentscheidung demonstrieren, wie es die Schulleitung laut der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sieht. Ohne die richtigen Papiere, ohne Staatsexamen, kann heute niemand mehr an einer deutschen Waldorfschule unterrichten - selbst wenn es ein Eingeweihter wäre.

Die zweite Illusion betrifft die religiöse Frage. Rudolf Steiner wird nicht müde zu betonen, dass Anthroposophie keine Religion ist, noch sein will. Zugleich betont er die zentrale Stellung des Christentums innerhalb der Anthroposophie als Erkenntnistatsache. Ohne ein Verständnis des so genannten Mysteriums von Golgatha - Opfertod und Auferstehung des göttlichen Wesens - sei kein zukünftiges spirituelles Leben mehr möglich. Die Grundlage der Waldorfpädagogik ist nun einmal Anthroposophie. Gewiss nicht von den Kindern, aber von den Lehrern der Waldorfschule ist dieses Verständnis zu erwarten.

Einsichtsfähigkeit in spirituelle Wirklichkeit - was sonst soll die Seele dieser Pädagogik sein? In diesem ursprünglichen Sinn - religere heißt: wieder anknüpfen, sich in Verbindung setzen zur Realität der geistigen Welt - in diesem Sinn muss ein Waldorflehrer religiös gestimmt sein. Alles andere wäre eine Verleugnung.

Eine Verwässerung ist es dagegen, an dieser Stelle von Unterschiedslosigkeit zu sprechen, wie es Frau Alzayed tut. Nach seinem eigenen Selbstverständnis erkennt der Islam die göttliche Identität des Sohnes-Gottes nicht an. Christus wird nicht als göttlich wesenhaft, sondern als Mensch und Prophet betrachtet. Frau Alzayed hat sich, bewandert in beiden Religionen, bewusst für dieses Verständnis der geistigen Tatsachen entschieden. Das ist ihre Privatangelegenheit, die hier nicht zur Diskussion steht. Zur Debatte steht das Kopftuch als kirchlich interpretiertes Symbol.

Die dritte Illusion ist es zu glauben, dass damit lediglich die persönliche Haltung eines Menschen zum Ausdruck kommt. Sträflich naiv in den Bildwelten unserer vernetzten Wirklichkeit - unausweichlich ist damit eine gesellschaftspolitische Stellungnahme verknüpft.

Zum einen wird - im religiösen Kontext umso nachdrücklicher - weibliche Sexualität definiert, in eindeutig diskriminierender Weise beiden Geschlechtern gegenüber: das weibliche “Reizwesen” Frau, als potentielle Beute des Mannes den Blicken entzogen. Hinzu kommt, dass dem Mann in der entsprechenden “Lesart” der Schrift nicht nur vielfältiger sexueller Kontakt mit mehreren (Ehe-)Frauen erlaubt, sondern im Hinblick auf (männliche) Nachkommenschaft geradezu erwünscht ist.

Vollkommen klar, dass diese “Familienpolitik” im fundamentalistischen kirchlichen Lager des Islam anzusiedeln ist. Und nur dort werden Frauen gezwungen, das Kopftuch zu tragen oder auch sich komplett zu verhüllen. Hierin besteht das eigentliche Problem - der Bildkontext des berühmten Kopftuchs verweist eindeutig dorthin, wo Frauen im Namen dieser Symbolik unterdrückt, gequält und entwürdigt werden.

Die “Tücher des Korans” sind eines, ein anderes ist das Kopftuch heute als Zeichen fundamentalistisch islamistischer Terrorherrschaft über Frauen. Ob in Afghanistan, wo die Frauen von den Taliban in Einzelhaft gehalten werden und ohne männliche Begleitung das Haus nicht mehr verlassen dürfen oder in diversen afrikanischen Ländern, wo sadistische Genitalverstümmelungen an den Frauen verübt werden. All dies im Namen des Islam, der damit nachweislich nichts zu schaffen hat, so wenig wie das Christentum mit der Folter zu Zeiten der Inquisition. Es sind jedoch diese Machthaber, die anscheinend den weiblichen Eros fürchten, denen das Kopftuchtragen am Herzen liegt, und jedes freiwillig getragene Symbol ist eine Solidaritätskundgebung an ihre Adresse - dafür steht das Kopftuch, wie ein rotes Tuch.

Was würde eine gedemütigte und verfolgte Frau sagen, der die Flucht aus einem von moslemischen Fundamentalisten beherrschten Land gelungen ist, die nach Deutschland käme und ihre Tochter in der vierten Klasse der Waldorfschule in Hannover anmelden wollte? Wahrscheinlich würde sie erneut die Flucht ergreifen. Das Kopftuch privat zu tragen, bleibt trotz allem eine Privatangelegenheit, bloß in der Schule hat es nichts zu suchen.

Waldorfpädagogik scheint zur Zeit ein Spielball für Angriffe aus allen möglichen Richtungen zu sein: mal wird ihr Heidentum, mal Christentum vorgeworfen, mal Rassismus, mal Dogmatismus, mal zuviel Freizügigkeit, mal zuwenig. Da liegt es nahe, in politisch korrekte Deckung zu gehen und sein Multikulti-Fähnchen nach jedem gut Wetter-Wind zu drehen. Gewonnen wird mit dieser Haltung nichts, wohl aber verloren: das eigene Selbstverständnis.

Armer Rudolf Steiner, da hat er sich nun schon im 19. Jahrhundert dezidiert zur Frauenfrage geäußert und festgestellt, dass die Hälfte der Menschheit (die Frauen nämlich) in menschenunwürdigen Verhältnissen lebt - und nun das. Man kann nur vermuten, was er zu dieser “Einstellung” zu sagen hätte.

Die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse sind noch nicht in dem Alter, wo sie kritisch nachfragen könnten - die der Oberstufe dagegen wohl. Wäre ich eine Schülerin dieser Waldorfschule, ich bliebe dem Unterricht von jetzt ab fern. Eine freie Schule in einem relativ freien Staat, die ein solches Frauen- und Menschenbild toleriert, wie es das Kopftuch symbolisiert - nein Danke!

ENDS

C000211-05DE Date: 11 February 2000

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Ein Kopftuch - keine haarige Sache. Gisela Kraft kommentiert den "Kopftuch-Streit" in einem in der Zeitschrift "Info3" erschienenen Kommentar

/ Commentary on the issue of whether or not Muslim dress in schools should be seen as a symbol of religious fundamentalism using the example of a recent case at a Waldorf school in Germany.

(Vgl. N000211-06DE: Bericht zum Thema, und C000211-05DE: weiterer Kommentar zum Thema)

Frankfurt/Main, 11 Februar (NNA) - Mein Glückwunsch an die Waldorfschule Hannover Maschsee zu der mutigen Entscheidung, eine bekennende Muslimin als Lehrerin einzustellen! Nicht das aus freien Stücken geschlungene Kopftuch ist Indiz für Fundamentalismus, wohl aber die von deutschen Staatsorganen praktizierte, angeblich christliche Werte bewahrende Fixierung auf eine abendländische Kleiderordnung.

Wenn Frau Alzayed, die schon Erfahrung in der Waldorfpädagogik besitzt, sich entschließt, in Mitteleuropa ihr Haar - nicht ihr Gesicht - zu bedecken, dann können Waldorfkinder ihr getrost in die Augen schauen. Gerade im zweiten Lebensjahrsiebt kommt es ja nicht allein auf Autorität an, sondern überdies darauf, dass bei der Vermittlung von Fakten die Ehrfurcht vor der Erde, die staunende Liebe zu jedem geringsten ihrer Phänomene und Geschöpfe mit eingepflanzt wird. Eine Religiosität, auf die man sich bei einer Muslimin, zumal bei einer konvertierten, verlassen kann!

Vergleiche mit dem “Kruzifix-Urteil” und dem seither verbrieften elterlichen Recht, das Gesichtsfeld der Kinder in Schulräumen frei von religiösen Symbolen zu halten, sollten hier nicht gezogen werden. Ging es doch weniger um das Kreuz als um den (sichtbar oder assoziativ) daran hängenden geschundenen Jesus: eine tagtäglich stundenlange Infiltration des kindlichen Bewusstseins und Unterbewusstseins mit Negativität in Form von jammervollem Scheitern und unauflöslicher Schuld. Der Islam kennt Strenge, aber keine Erbsünde.

Die Anstellung von Frau Alzayed ist eine Chance, nicht nur für die vierte Klasse. Freilich hängt das Gelingen des Experiments kaum von Bekenntnissen ab, sondern von pädagogischem Fingerspitzengefühl. Dazu gehört, dass Frau Alzayed zwar die Welt anschauen lehrt, aber keine Weltanschauung unterrichtet, auch nicht mittels jener subversiven Feinsinnigkeit, wie sie mancherorts immer noch von offenhaarigen Waldorferziehern gepflegt wird - gegen den erklärten Willen Rudolf Steiners und mit fatalen Folgen für die Entwicklung der Schüler und den Ruf der Schulen.

ENDS

C000211-04DE Date: 11 February 2000

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