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Wed, 08 Feb 2006

Künast-Rede Ermutigung für die Demeter-Bauern

Von Michæl Olbrich-Majer DORNACH (NNA). Mit ihrem Hinweis, eine Erneuerung der Landwirtschaftskultur gehe nur über Qualität, ermunterte die jetzige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag und ehemalige Bundeslandwirtschaftministerin Renate Künast die mehr als 500 in Dornach versammelten Demeter-Bauern im Publikum, ihrem Weg treu zu bleiben. Jedes Jahr treffen sich Anfang Februar in Dornach biodynamisch arbeitende Landwirte aus aller Welt zu einer gemeinsamen Tagung, die diesmal Wege zu einer neuen Landwirtschaftskultur ins Auge fasste.

Die Landwirtschaft, gerade auch die biologische, befindet sich in einem rasanten Umbruch: steigende Umsätze, erweiterte Märkte, Industrialisierung, fallende Preise, neue Mitspieler. Das Thema „Identität und Offenheit“, vorbereitet von der Sektion Landwirtschaft, bot in Arbeitsgruppen, Foren und Vorträgen Raum, über Orientierung, Werte und Wege zu sprechen, an den kulturellen Kern anzuknüpfen in einer Zeit, wo auch der Ökolandbau konventionell wird.

Hatte Renate Künast die Landwirte aufgefordert, Vordenker zu sein und Bündnisse zu schließen, um die ökologische Wende in der Landwirtschaft fortzuführen, so fand das Gespräch mit möglichen Bündnispartnern bereits in den Foren der viertägigen Tagung statt. Dort trafen sich Aktive u.a. aus den Bereichen Permakultur, Gentechnikfreiheit, SlowFood, Naturschutz, Entwicklungshilfe und Fair Trade. Gäste aus der internationalen Ökolandbaubewegung stellten ihre Aspekte zu einer Erneuerung der Agrarkultur zur Diskussion und gaben Handlungsempfehlungen. Und biologisch-dynamische Landwirte aus England, Brasilien, Kanada und Indien berichteten über Erfolge und zum Teil gewaltige Hindernisse, die sich einstellen, wenn man eine neue Art der Landwirtschaft betreibt. In mehr als 50 Arbeitsgruppen, Kursen und Seminaren bestand Gelegenheit für die Teilnehmer, das Tagungsthema bzw. Fragen der biologisch-dynamischen Praxis von Gesundheit bis zu betrieblichen Rechtsformen zu vertiefen.

Im Pressegespräch mit Frau Künast wurde allerdings auch deutlich, dass der Weg zu einer Ökologisierung der Landwirtschaft angesichts der aktuellen politischen Rahmenbedingungen – Rolle rückwärts in der deutschen Agrarpolitik, Sparzwang in der der EU – nicht einfach sein wird. Umso mehr gilt es, breite Teile der Gesellschaft davon zu überzeugen, selbst Verantwortung für Leib und Natur zu übernehmen. An Partnern dazu dürfte es den Demeter-Bauern nicht mangeln.

End/nna/ung

Michæl Olbrich-Majer ist Redakteur der Zeitschrift „Lebendige Erde“.

Item: 060208-02DE 8. Februar 2006

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„So intelligent und beharrlich wie nur möglich!“

Rot-grüne Politikerinnen Künast und Däubler-Gmelin beeindruckten mit ihren Vorträgen vor der landwirtschaftlichen Tagung am Goetheanum

DORNACH (NNA). Für eine radikale Ökologisierung der Landwirtschaft in Europa hat sich die Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im deutschen Bundestag, Renate Künast, ausgesprochen. Nur mit Qualität könne in Europa in Zukunft mit der Landwirtschaft noch Geld verdient werden, sagte Künast vor der landwirtschaftlichen Tagung am Goetheanum in Dornach. Die prominente deutsche Politikerin, bis vor kurzem noch Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft in der rot-grünen Bundesregierung in Berlin war, kam zusammen mit ihrer sozialdemokratischen Mitstreiterin Herta Däubler-Gmelin, der ehemaligen deutschen Justizministerin, zur Tagung . Die SPD-Politikerin warnte in ihrem Vortrag vor dem wachsenden Einfluss der Gentechnik-Lobby auf die Politik und bis in die universitäre Forschung hinein. Über 500 Fachleute der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und des Biolandbaus aus aller Welt hatten sich Anfang Februar zur diesjährigen Tagung in Dornach versammelt.

Ursa Krattiger hat den Auftritt der rot-grünen Politikerinnen am Goethanum begleitet.

Nein, das sind nicht Köpfe, die man vor den roten Samtvorhängen des großen Saals im Goetheanum und in der rot bespannten „Kanzel“ zu sehen und zu hören gewohnt ist: die kecken blonden „Stachel-Haare“ der in den Nachrichtenmagazinen oft so forschen Renate Künast und die dunkle, leicht lockige Kurzhaarfrisur der Schwäbin Herta Däubler-Gmelin, die jeweils charmant mit „dialektischen“ Einschüben punktet.

Die beiden Ex-Ministerinnen und Vollblutpolitikerinnen zeigten bei ihren Vorträgen an der Landwirtschaftlichen Tagung eine Körpersprache, die auf der Bühne des Hohen Hauses Seltenheitswert hat – die kampferprobte Souveränität von Frauen, die es gewohnt sind, mit geistesgegenwärtiger Rhetorik und Gestik in einem höchst kompetitiven und konfliktträchtigen Umfeld affirmativ für ihre Ziele und Anliegen einzustehen. Und die in der kleineren Runde von Mediengespräch oder Nachbesprechung freundlich, liebenswürdig und gleichzeitig konzentriert und klar ihre Meinung einbringen. Hinreißende „Klasse“, ohne jede Arroganz. Hut ab!

Spannend die Wahrnehmung über die beiden Auftritte am 1. und 3. Februar hinweg, wie diese beiden Frauen in Berlin zusammengewirkt haben – während Künast als Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft das Ihre in der Exekutive tat, zog Däubler-Gmelin als Präsidentin der parlamentarischen Kommission für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft in der Legislative an denselben Fäden.

Ihr Zusammenwirken habe viel und Nachhaltiges bewegt – Joachim Bauck, biodynamischer Landwirt vom Bauckhof, unterstrich im Mediengespräch, dass die knapp fünf Jahre Ministerialzeit von Renate Künast mehr in Gang gebracht hätten als alle Anstrengungen für Bio in den dreißig Jahren davor.

Künast forderte eine „radikale Ökologisierung der Landwirtschaft“, nur mit Qualität könne Europa bestehen: „ Klasse statt Masse – das ist es, was wir wollen müssen.“ Däubler-Gmelin findet es verständlich, dass die EWG-Landwirtschaftspolitik nach dem 2. Weltkrieg auf Masse und Menge setzte und setzen musste. Seit der Agrarwende von 1999 in der EU gehe es jedoch um den Erhalt von Umwelt und Kulturlandschaft, um Nachhaltigkeit und die Qualität der Lebensmittel. Die EU-Ziele seien gut und stimmig, aber die Umsetzung, die entsprechende Förderung durch Subventionen, die Lenkungsmaßnahmen brächten diese Ziele zu wenig auf den Boden. So beanspruchten die großen deutschen Bauernverbände, so Däubler-Gmelin, wohl riesige Subventionen, akzeptierten aber keinerlei Bindung an Ökologie, Nachhaltigkeit, Landschaftsschutz und eine Vitalisierung der ländlichen Räume. Gut seien auch die Tierschutzregeln, wenigstens auf dem Papier – aber die traurige Realität der langen Massentiertransporte sei trotzdem eine andere.

Ökolandbau ebenso notwendig wie erneuerbare Energie

Urs Niggli, der Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau/FiBL in Frick, hatte in seiner Begrüßung zu Tagungsbeginn die massiven Klimaschäden angeprangert, die aufs Konto der industriellen Landwirtschaft gehen. Renate Künast ermutigte die Biolandwirte dazu, sich von der Geschäftspolitik der großen Rückversicherer inspirieren zu lassen. Die seien inzwischen nämlich – nicht zuletzt wegen der Klimakatastrophen – dazu übergegangen, nur noch in erneuerbare Energien zu investieren, weil nur diese auf Dauer als sicher gelten könnten. Einen entsprechenden Gesinnungswandel sollte der Biolandbau bewerkstelligen: gleich wie auf Dauer nur erneuerbare Energien zu verantworten sind, sollte die Landwirtschaftspolitik in Zukunft den Menschen und die Natur absolut ins Zentrum stellen“ – weil die industrielle Landwirtschaft für das Klima, die Böden, die Gesundheit der Menschen auf die Dauer nicht verantwortet werden könne.

Däubler-Gmelin forderte auf zum konkreten Kampf um einzelne Positionen wie dem Beharren auf dem Verursacherprinzip, dem Festlegen dessen, was Koexistenz (von Biolandbau und Gentechnik-Pflanzen) und Wahlfreiheit der Konsumenten denn heißen muss. Von ihrem Motto konnten sich mancher Zuhörer in Dornach unmittelbar persönlich inspirieren lassen: „Ich bin eine theoretische Pessimistin und eine praktische Optimistin. Man muss es probieren, und zwar so intelligent und beharrlich wie nur möglich!“

Künast rief die Biobewegung zu einer neuen Allianzpolitik in Politik und Öffentlichkeitsarbeit auf: „Wenn wir wissen, dass der Ökolandbau das Richtige ist, müssen wir schamlos Bündnisse schließen.“ Sie denkt an Regional- und Tourismusverbände und an die Wellness-Bewegung, an besorgte Eltern und die Verantwortlichen für die Verpflegung in Kindergärten, Tageskinderstätten und Tagesschulen, an die Feinschmecker und die Slow-Food-Bewegung, an die Krankenkassen und ihr Interesse an Prävention und Schulung in Sachen Ernährung. Sie alle sollen das öffentliche Bewusstsein dahingehend verändern, dass – in unser aller Interesse – „die Ökologisierung der Landwirtschaft und gute Mittel zum Leben auf die Dauer genauso nötig sind wie erneuerbare Energien“.

Mit stimmigen Bildern werben und Bewusstsein schaffen

Dieser Anregung „meiner Freundin Renate Künast“ stimmte Herta Däubler-Gmelin zu und brachte in Spiel, dass die Biobewegung in der Werbung für ihre Produkte nicht bloß abstrakt über den Kopf und die Vernunft an die Konsumenten herangehen sollte, sondern auch deren Sehnsüchte ansprechen müsste. Im Unterschied zur zynisch verlogenen Werbung, die schamlos Milch aus konventionellen Massenbetrieben mit den Bildern glücklicher Kühe auf grünen Weiden verkauft, sollten Bioprodukte mit wahren, lebendigen, ansprechenden Bildern aus dem bio-ländlichen Raum auftrumpfen – und die Konsumenten erleben und empfinden lassen, dass sie für ihr eigenes Wohl hochwertige Lebensmittel kaufen und gleichzeitig eine Landwirtschaft und eine Landschaft fördern, in der sie auch wohnen oder wenigstens am Sonntag oder in den Ferien wandern und sich aufhalten möchten. „Was die konventionelle Werbung missbraucht, sollten wir zur Aktivierung eines positiven, verantwortlichen Verbraucherverhaltens nutzen.“ Die große Abneigung der Konsumenten (70%) gegen die Gentechnik sollte man umwandeln in eine Zuneigung zu wirklich frischen Bioprodukten aus der Region, oder wie der Slogan lautet: „eat the landscape“.

Renate Künast, Vorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, war von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft. Die Sozialdemokratin Prof. Dr.  Herta Däubler-Gmelin war von 1998 bis 2002 Bundesjustizministerin und lehrt seit 1966 an der Freien Universität Berlin Recht und politische Wissenschaften.

End/nna/ung

Ursa Krattiger ist Leiterin der Medienstelle Anthroposophie Schweiz

Link: www.anthromedia.net/Landwirtschaft

Item: 060208-01DE 8. Februar 2006

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