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Tue, 05 Sep 2006

New Orleans: Hill School steht wieder ganz am Anfang

NEW ORLEANS (NNA). Vor einem Jahr war die Hill School in New Orleans vom Hurrican Katrina zerstört worden. Alle Schüler wurden über die Südstaaten der USA verstreut. Viele Schüler sind bis heute nicht zurückgekehrt und die Schule stand vor erheblichen Hindernissen, die ihren Wiederaufbau in der Stadt erschwerten. Trotz der ungesicherten Zukunft der Schule arbeitet eine engagierte Gruppe von Lehrern und Eltern daran, die Waldorferziehung in New Orleans am Leben zu erhalten. Dies berichtet Klassenlehrer Alexander Wooge im neuesten Brief aus New Orleans.

Liebe Freunde der Hill School, an allererster Stelle wollen wir Danke sagen, Danke aus der Tiefe unseres Herzens für all die Hilfe, die Gebete und die Unterstützung, die Ihr alle uns habt zukommen lassen. In diesen schweren Zeiten war es gut zu wissen, dass eine weltweite Gemeinschaft die Hill Schulgemeinschaft in ihre Herzen eingeschlossen hat und es gab uns die Kraft, die Türen der Schule wieder zu öffnen und sie am Leben zu erhalten.

Wir sind und werden immer wieder aufs Neue tief berührt ,wenn wir hören, wie viele Kinder, Lehrer, Schulen, Organisationen, Familien und Individuen in aller Welt Spenden für uns zusammentragen haben durch den Verkauf von Selbstgebackenem oder handwerklich selbst hergestellten Waren. Da werden Tanzveranstaltungen organisiert und Konzerte gegeben, um Einnahmen für die Hill School zu erzielen.

Im vergangenen Frühjahr besuchten zwei Waldorfschulklassen der Oberstufe New Orleans, um beim Wiederaufbau des Schulgebäudes zu helfen und die Umgebung und den Spielplatz von Müll zu säubern. Diese Besuche hinterließen einen positiven und herzerwärmenden Abdruck auf unserem Schulgebäude. Ihr wart wirklich betroffen von unserer Katastrophe und wurdet dadurch motiviert, uns zu helfen. Dafür danken wir Euch!

Durch die großzügigen Spenden an Geld, freier Zeit, Spielsachen, Ausstattung und allem, was eine Schule braucht, waren wir imstande, unsere Türen am 8.November 2005 für eine kleine Gruppe von zurückkehrenden Schülern wieder zu öffnen. Durch die finanzielle Unterstützung, die wir aus den USA, Kanada und vielen europäischen Ländern erhielten, konnten wir das letzte Schuljahr erfolgreich abschließen und einen Keim legen für das weitere Wachstum der Hill School.

Nach der Katastrophe und den Evakuierungen letztes Jahr sind 75 Prozent der Schuleltern nicht nach New Orleans zurückgekehrt. Die Hill School steht wieder ganz am Anfang und muss das Interesse an der Waldorfpädagogik in dieser Stadt wieder neu hervorrufen. Durch all diese Herausforderungen ist die Zahl der Anmeldungen für das Schuljahr 2006/7 zu gering, um die Zukunft der Schule zu sichern und den Wiederaufbau des Schulgebäudes zu finanzieren.

Trotzdem sind wir der Überzeugung, dass New Orleans mehr als zuvor eine Waldorfschule braucht und eine Schulgemeinschaft, die den Kindern und ihren Familien hilft, die lebensentscheidenden Erfahrungen hier bei uns zu verkraften. Das Interesse an der Hill School wächst langsam, aber stetig. Die Familien sorgen sich um eine Rückkehr nach New Orleans und möchten sich für die Erziehung ihrer Kinder auch finanziell engagieren. Wir sind sicher, dass noch mehr Familien während des Sommers zurückkommen werden und dass sie einen besonderen Platz wie die Hill School suchen, an dem ihre Kinder unterrichtet werden.

Wir sind auch weiterhin auf Eure Unterstützung angewiesen, während wir die Hill School wiederaufbauen und erweitern, indem wir all unsere physischen, emotionalen und energetischen Kräfte einsetzen, um in New Orleans wieder Waldorferziehung anbieten zu können. Unser voraussichtliches Defizit für das Schuljahr 06/07 ist erheblich, aber mit Eurer Hilfe ist es nicht unmöglich, es abzufangen.

Unsere kleine, engagierte Gruppe von Eltern organisiert aktiv Fundraising-Veranstaltungen und arbeitet fleißig daran, die Zukunft der Schule zu sichern. Zur Zeit brauchen wir etwa 50.000 Dollar (39.000 Euro), um die Schule offen zu halten und den Unterricht für die Schüler im nächsten Schuljahr sicherzustellen. Spenden jeder Höhe können uns helfen, dass wieder Licht am Ende des Tunnels entsteht in New Orleans und wir die Zukunft der Schule sichern können.

Wir danken euch für eure Unterstützung in der Vergangenheit und auch in der Zukunft!

End/nna/cva/ung

Kontakt: The Hill School, 517 Soraparu Street, Suite 101, New Orleans, Louisiana 70130, USA, Tel. 504 891 8686, Fax: 504 525 3223, Email: theneworleanshillschool@hotmail.com, Website: www.hillschoolwaldorf.org

Bericht-Nr.: 060905-03DE Datum: 5 September 2006

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Birkenrinde schafft Arbeitsplätze

Studenten aus Deutschland bauten Manufaktur für traditionelle sibirische Produkte in heilpädagogischem Dorf bei Irkutsk auf – Einweihung nach nur zwei Monaten

BERLIN (NNA). Bei der Waldorf-Aktionswoche in Stuttgart 2004 entdeckte NNA-Reporterin Cornelie Unger-Leistner einen Stand, an dem ein begeisterter junger Mann über die Waldorfprojekte in Sibirien informierte. Schnell war der Kontakt geknüpft und beschlossen, dass er seine Erlebnisse als Praktikant bei der Talisman-Initiative in der Nähe von Irkutsk für NNA aufschreiben sollte. Heute zeigt sich, dass Sibirien Jakob Steigerwald - der inzwischen Student ist – nicht mehr loslässt. Hier sein neuer Bericht von einer weiteren Sibirienreise, an deren Ende eine neue Manufaktur für die sozialtherapeutischen Werkstätten der Initiative entstanden war.

Es ist der 1. Februar 2005. „Davaitje vstavat, bistro!“ (russ.: „Los aufstehen, schnell!“) schallte es durch die aufgerissene Abteiltür, und schon war sie wieder verschwunden, die Waggonschaffnerin. Wir befanden uns in einem Abteil der transmongolischen Eisenbahn auf dem Weg in die sibirische Stadt Irkutsk. Wenn ich „wir“ sage meine ich meinen Freund und Kollegen Tim und mich.

Ich schaute auf meine Uhr: halb sechs morgens - anderthalb Stunden bis Irkutsk, Verspätung noch gar nicht eingerechnet. Ich wollte noch mindestens 85 Minuten schlafen, aber unsere liebe Waggonschaffnerin kannte keine Gnade. Wer aussteigen muss, wird früh geweckt, ob er will oder nicht. Während sich der Zug durch die schneebedeckte Taiga des Baikalgebirges schlängelte, ließ ich mir noch einmal alles durch den Kopf gehen.

Vor ziemlich genau einem Jahr war ich zum ersten Mal in das sozialtherapeutische Dorfprojekt Pribaikalskij Istok bei Irkutsk gekommen. Zusammen mit Tim, der bereits ein halbes Jahr vor mir dort angefangen hatte, verbrachte ich dort entbehrungsreiche, aber auch sehr schöne und spannende sechs Monate.

Das kleine Dorf 50 km nördlich von Irkutsk entstand im Jahr 2000 durch eine Initiative von Eltern behinderter Kinder aus Irkutsk. Mittlerweile wird es von dreizehn Betreuten und ungefähr acht Betreuern bewohnt. Gearbeitet wird im Haushalt, einer Töpferwerkstatt, im Garten, in der Tierhaltung und einer Holzwerkstatt.

Gegen Ende unseres ersten Aufenthalts in Sibirien brachte uns Joachim Heinz, ein aus Deutschland stammender Irkutsker Unternehmer, auf eine Idee, die uns beide gleichsam befeuerte, wieder hierher zurückzukehren. Er schlug vor, in dem Dorf traditionell sibirische Birkenrindengefäße zu produzieren und diese dann in Deutschland auf den Markt zu bringen. So könne das Dorf durch eigene Produkte ein festes Einkommen erhalten. Den Aufbau der hierfür notwendigen Einrichtungen wie einer Produktionslinie in „Istok“ und einer Handelsfirma in Deutschland überließ er uns.

Solch bescheidene Aufgaben bekommt man natürlich nicht tagtäglich, so dass wir der neuen Herausforderung mit großer Motivation entgegen gingen. Da wir beide keinerlei Ausbildung besaßen, mussten wir uns alle Fertigkeiten selbst aneignen oder Experten zu Rate ziehen. Die wichtigsten Werkzeuge und Konstruktionsteile besorgten wir schon in Deutschland, denn in Russland gibt es den Satz „ich geh mal schnell zum Baumarkt“ in dieser Form einfach nicht. Zumindest das Attribut „schnell“ sollte man weglassen. Auf den russischen Heimwerkermärkten findet man zwar viel, aber grundsätzlich nur das, was man gerade nicht braucht.

Nun hatten wir uns in der Mongolei getroffen, um noch eine Woche gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Unsere Zeit, die neue Manufaktur aufzubauen, war auf genau zwei Monate begrenzt, da wir beide zum Sommersemester mit dem Studium anfangen wollten.

Ein ohrenbetäubendes Quietschen signalisierte die Ankunft in Irkutsk. Wie herrlich: wieder der erste Atemzug sibirische Luft. Ein kristallklarer, eisig-kalter Morgen erwartete uns. Wir schlenderten durch die raureifbedeckten, mit Bäumen gesäumten Strassen von Irkutsk. Die kleinen Holzhütten duckten sich unter der Last des Schnees, an ihre Fenster hatte der Winter bizarre Eisblumen gemalt.

Unser erstes Ziel war die unserem Dorf angeschlossene Schule „Pribaikalskij Talisman“. Hier lernen behinderte Kinder aus Irkutsk lesen und schreiben, bis sie mit 18 Jahren in das Dorf ziehen. Die sozialtherapeutischen Initiativen „Talisman“ und „Istok“ sind einmalig in ganz Sibirien, dem Land, in dem körperlich und geistig Behinderte oft einfach weggesperrt werden und unter menschenunwürdigen Bedingungen leben müssen.

In der Schule wurden wir freudig empfangen, jedoch ereilten uns sofort die unvermeidbaren Unglücksnachrichten aus dem Dorf: Die Heizung in der Werkstatt sei eingefroren, das Auto sei kaputt, Feuerholz gäbe es sowieso keins… Willkommen in Sibirien! Also hielten wir den Daumen raus und trampten bis an die Stelle etwa 40 km nördlich von Irkutsk, an der der Waldweg zu unserem Dorf abzweigt. Den Rest legten wir zu Fuß zurück, wobei 7 km bei minus 25 Grad Celsius und mit einer halben Werkstatt auf dem Rücken doch recht lang sein können.

Im Dorf war trotz eingefrorener Heizung und kaputtem Auto eine ausgelassene Stimmung wie eh und je, alles ging seinen gewohnten Lauf. Das bewundere ich immer wieder an den Menschen in Russland: Es kann noch so viel passieren und keiner lässt sich aus der Ruhe bringen. Schnell wird etwas improvisiert, und das Problem ist für die nächsten Tage behoben.

So auch diesmal: Ein Mitarbeiter hatte die Heizung bereits mit dem Schweißgerät wieder zum Laufen gebracht. Die Methode, mit einem Schweißgerät vereiste Rohrleitungen aufzutauen, ist in Sibirien überaus beliebt. Man schließe einfach je eine Elektrode an den Enden des Rohres an, und drehe den Saft auf. Der hohe Strom bringt die Rohre zum Glühen, und löst so die Vereisung. Von Nachahmung würde ich jedem aber dringend abraten.

Nun zurück zu unserer Arbeit: Was wir hatten war Holz, eine gut eingerichtete Holzwerkstatt, einen Rucksack voller Werkzeug und Instrumente aus Deutschland, einen leeren Raum, vorerst nur unsere fast leeren Geldbeutel und unsere Motivation. Alles in allem wenig Handfestes, um innerhalb von zwei Monaten eine Produktionslinie aufzubauen. Deshalb machten wir uns sofort ans Werk.

Von unserem vorherigen Sibirienaufenthalt her waren wir ein eingespieltes Team. Auch die Planung der verschiedenen Arbeitsplätze und Maschinen hatten wir in Deutschland weitestgehend abgeschlossen. Vorgesehen war die Produktion von Birkengefäßen in großen Stückzahlen. Die Betreuten sollten die meisten Arbeitsschritte selbstständig durchführen können und die Arbeitsplätze sollten therapeutisch sinnvoll auf ihre Bedürfnisse und Fähigkeiten zugeschnitten sein. Auch musste auf eine hohe und konstante Qualität der Produkte geachtet werden, um sie tatsächlich in Deutschland verkaufen zu können.

Eine nicht unbedeutende Frage war auch die Beschaffung der Birkenrinde. Obwohl es in Sibirien beinahe endlos viele Birken gibt, dürfen diese natürlich nicht nur wegen der Rinde gefällt werden. Es musste garantiert sein, dass die Rinde nur durch nachhaltige Forstwirtschaft geerntet wurde.

Nach der Ernte erhält man ein wunderschönes, geschmeidiges, lederartiges Material, das mit den verschiedenen von uns gefertigten Stanzvorrichtungen in die richtige Form gebracht werden kann. Deckel und Böden der Gefäße werden aus Kiefernholz hergestellt. Es war uns wichtig, die Verarbeitung so umweltschonend und natürlich wie möglich zu gestalten. So hält die Dose mit Ausnahme einer Verzierung am Deckel ganz und gar ohne Klebstoffe und andere Chemikalien zusammen.

Während Tim in Irkutsk Kontakte knüpfte und Material besorgte, machte ich mich daran, Arbeitstische zu installieren und ein geeignetes Regalsystem für die Lagerung des Rohmaterials sowie der Zwischen- und Endprodukte. Das Herzstück unserer Arbeit, die Maschinen, konstruierten wir zusammen. Hierbei hatten wir auch die größten Schwierigkeiten, für die wir jedoch immer eine Lösung fanden. Als letztes wurde ein eigens aus Deutschland importierter Aktenvernichter eingebaut. Er dient zur Herstellung von schmalen Bändern aus Birkenrinde, mit denen später der Rand des Döschens umnäht wird. Der Aktenvernichter war der Renner schlechthin bei der darauf folgenden Präsentation der Werkstatt.

Nach zwei Monaten sind wir wirklich fertig geworden. Diese zwei Monate, das bedeutete aber auch sieben Tage die Woche, und zwölf Stunden am Tag arbeiten. Da blieb wenig Zeit, den sibirischen Winter zu genießen, in die Banja (die russische Sauna) zu gehen oder einfach mal eine Runde „Durak“ (ein in Russland jedermann bekanntes Kartenspiel) zu spielen.

Zur offiziellen Eröffnung und Präsentation der Werkstatt kam aus der Region alles, was Rang und Namen hat. Über 50 Gäste waren geladen. Dabei waren auch viele Kunsthandwerker aus Irkutsk, die schon viel Erfahrung im Umgang mit Birkenrinde hatten. Auf ihr Urteil war ich besonders gespannt. Außer der Plexiglasscheibe einer Stanzmaschine, die bei dem Vorführen der Werkstatt vor allen Gästen zersplitterte, verlief jedoch alles glatt und die Produktion konnte beginnen.

Inzwischen studiert Tim in Passau Kulturwirt und ich in Berlin Umwelttechnik. Unsere Werkstatt produziert Birkenrindendosen und gibt dem Dorf so eine Perspektive, sich durch eigene Arbeit auf dem freien Markt einen Platz zu verschaffen. Am 1. Juli 2005 wurde die letzte Lücke in dem deutsch-sibirischen Netzwerk durch die Gründung der „Sagaan GbR“ geschlossen. Die kleine Handelsfirma, die vor allem durch Tims Engagement aufgebaut wurde, vertreibt erfolgreich die in Sibirien erzeugten Waren. Wir arbeiten weiterhin hart an unserem gemeinsamen Projekt und hoffen auf eine gute und lange Zukunft.

NNA/end/ung

Kontakt: j-steigerwald@web.de, talisman.desib.de, www.sagaan.de

Bericht-Nr.: 060905/02DE Datum: 5. September 2006

© 2006 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe http://www.nna-news.org/copyright/

Weitere NNA-Berichterstattung unter: http://www.nna-news.org/content/

„Die Anthroposophie braucht eine Verjüngung“

Zeitschrift Info3 feierte 30.Geburtstag mit Lesern und Freunden – Haltung der Redaktion zum Irak-Krieg im Nachhinein selbstkritisch beurteilt

Von NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner

FRANKFURT (NNA). „Freunde aus allen Richtungen“ begrüßte Info3-Chefredakteur Jens Heisterkamp am Wochenende in Frankfurt zum 30jährigen Jubiläum der anthroposophisch orientierten Zeitschrift Info3. Zahlreiche Gäste waren in den Amselhof nach Alt-Niederursel gekommen, um mit der Redaktion des auflagenstärksten Blatts der anthroposophischen Bewegung zu feiern.

Dass mit Jens Heisterkamps Einführungsworten nicht nur die Gäste aus allen Teilen Deutschlands gemeint waren, sondern auch verschiedene Richtungen einer spirituellen Weltanschauung, war jedem klar, der die Entwicklung von Info3 in den letzten Jahren verfolgt hatte. Und man kann es auch weiß auf grau lesen: Info3 hat zum Geburtstag einen neuen Untertitel bekommen. Statt „Anthroposophie heute“ steht dort jetzt „Anthroposophie im Dialog“. Wohin die Reise für Info3 im fünften Jahrsiebt seiner Existenz geht – das war Thema der Veranstaltung, die in spätsommerlicher Atmosphäre teilweise unter freiem Himmel stattfand.

So schien es nur logisch, dass als erster der Gründer von Info3, Ramon Brüll, das Wort hatte. Heute ist er für die Geschäftsführung des Blattes zuständig, in redaktionelle Belange mischt er sich – so die Information auf der Veranstaltung – nicht ein, auch wenn sie seinen eigenen Intentionen zuwiderlaufen. Mit Humor und dem ihm eigenen Unterstatement widmete sich Brüll bei seinem Vortrag „nicht den großen Ideen“ im Blatt, sondern den praktischen Begleitumständen des Zeitungsmachens, „ohne die auch große Ideen keine Chance der Weiterverbreitung haben“ und unterstrich damit auch seine eigene Bedeutung für das heutige Info3.

Was zunächst als „Blättchen“ gedacht war, um die Interessenten einer Bewegung für soziale Dreigliederung in den siebziger Jahren untereinander zu informieren, mauserte sich im Laufe der Zeit unter dem Einfluss der niederländischen, deutschen und belgischen Versandbedingungen zu einer echten Zeitung. Und hätte da nicht auch der niederländische Kaufmannsgeist gewaltet, der auf jeden Pfennig beim Versand des Blättchens achtete – Brüll: „ nur durch die Post und meine Knauserigkeit ist das alles so gelaufen“ – gäbe es möglicherweise heute kein Info3. Denn am Ende ergab es sich, dass es billiger war, Bücher oder Zeitschriften zu versenden, als „Blättchen“ mit der Post zuzustellen. Damit schlug die Geburtsstunde der Zeitschrift.

Alles in allem konnten die Anwesenden einen Eindruck davon gewinnen, was überwunden werden muss, bevor eine Idee in der Welt eine Heimat finden kann. Zur Sprache kamen dann auch der Brand des Verlagshauses 1986 und viele Details der Zeitungsherstellung, die heute – nach nur wenigen Jahrzehnten- regelrecht vorsintflutlich anmuteten und zeigten, mit welcher Geschwindigkeit die technische Entwicklung sich in nur 30 Jahren vollzogen hat. „Der Computer“ des Verlags habe den Brand wie durch ein Wunder überstanden, erzählte Ramon Brüll oder auch davon, wie Manuskripte mit dem Postzug an einem Tag wieder zum Autor und zurück transportiert wurden, weil es ja noch kein Fax gab, von Emails ganz zu schweigen.

Durch seine Gründungsgeschichten wies Ramon Brüll aber auch dezent darauf hin, dass Info3 eindeutig ein Kind der Bewegung für die soziale Dreigliederung war, die im redaktionellen Konzept von heute eher in den Hintergrund getreten ist.

Redaktion und Konzept von Info3 waren dann Gegenstand einer Diskussion, bei der Jens Heisterkamp und die Redakteure Sebastian Gronbach und Felix Hau – beide ehemalige Waldorfschüler – der Autorin und Moderatorin Laura Krautkrämer Rede und Antwort standen. Abgesehen von dem Dauerthema „nur Männer in der Redaktion“ kamen dann all diejenigen Themen zur Sprache, die den Lesern und Freunden von Info3 am Herzen liegen: das Verhältnis zu den „Alt-Anthroposophen“, die sich immer wieder von Info3-Artikeln brüskiert fühlen, die Einbeziehung der sozialen Frage, des „menschlichen Antlitzes“ der Gesellschaft und mehr Anregungen für die eigene Lebenspraxis. Angesprochen wurde auch die Berichterstattung über Ereignisse in der anthroposophischen Bewegung, die manchem Leser inzwischen im Blatt zu kurz kommen im Verhältnis zum Dialog mit der integralen Weltsicht eines Ken Wilber oder Andrew Cohen.

Chefredakteur Jens Heisterkamp begründete noch einmal grundsätzlich, warum die Redaktion diesen Schwerpunkt in den letzten Jahren gesetzt hat. „Die Anthroposophie braucht eine Verjüngung, sie muss aus ihrer Erstarrung und Trägheit heraus“, sagte er. Vieles, was im Sinn eines „grünen Wertesystems“ gefordert worden sei wie mehr Rechte der Bürger, Emanzipation der Frauen oder eine ökologische Orientierung der Gesellschaft sei inzwischen gesellschaftliches Allgemeingut, an dem keiner mehr vorbeikomme. Hier bestehe die Gefahr, in Selbstzufriedenheit stecken zu bleiben. Nun komme es darauf an, sich gemeinsam zu einer spirituellen Stoßrichtung auch mit andren Kräften zu verbinden. Heisterkamp sieht es als existentiell wichtig für die Zukunft der Anthroposophie an, ob es ihr gelingt, „sich als Repräsentanz von etwas noch Größerem zu begreifen“ oder ob sie dabei bleibe, die „einzige und absolute Bewegung“ zu sein, die eine Verbindung zur geistigen Welt schaffe.

Es sei eine „lange gehegte Sehnsucht gewesen, diesen Kokon zu sprengen“, berichtete er weiter, als sich 2003 dann auf der Frankfurter Buchmesse die Kontakte zur Zeitschrift „What is Enlightenment“ (WIE) und damit auch zu den integralen Initiativen ergeben hätten. Auch Thomas Steininger, leitender Redakteur von WIE, begrüßte auf der Veranstaltung die entstandene Zusammenarbeit. „Wir waren ganz überrascht, mit Info3 eine spirituelle Stimme zu finden, die aus Diskussionßusammenhängen im mitteleuropäischen Raum entstammt, an historischen Traditionen anknüpft, aber dabei gleichzeitig den Fühler nach außen ausstreckt,“ betonte er. Aus dem Dialog mit der spirituellen Weltsicht eines Ken Wilber erwachse ein „Irritationsfaktor“, der für die deutsche Kultur sehr produktiv sein könne. Was sich daraus für die Zukunft von Info3 ergeben könnte, blieb in der Diskussion offen.

Dass die stürmische Atmosphäre der gegenwärtigen Zeitenwende auch vor spirituell orientierten Redaktionen nicht halt macht und sie ordentlich durchrütteln kann, zeigte dann ein Rückblick auf das letzte Redaktionsjubiläum. Vor fast genau fünf Jahren war es am selben Ort begangen worden in einer Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung nach der Wende. Dann aber folgten kurz darauf die dramatischen Ereignisse des 11.September. „Damals hatten wir das Gefühl von so einer Art Morgenröte für die Bewegung “ schilderte Jens Heisterkamp die Stimmung. „Und dann kam dieser unglaubliche Einschlag.“

Die redaktionelle Bewältigung des 11.September und des Irak-Krieges führten erstmals zu einer Konfrontation der Redakteure mit der Leserschaft, die nicht bereit war, den pro-amerikanischen Kurs der Redaktion mitzuvollziehen. Es hagelte Leserbriefe und etliche Leser bestellten die Zeitschrift ab. „Wir hatten den Eindruck, dass die alternative liberale Öffentlichkeit reflexartig in eine anti-amerikanische Haltung hineingeriet und das konnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren,“ erinnerte sich der Info3-Chefredakateur an diese „schweren Zeiten“ für die Redaktion.

Sebastian Gronbach konnte den Reaktionen noch Gutes abgewinnen: da sehe man doch, dass die Leser Info3 als „ihre“ Zeitschrift ansähen, der sie sich verbunden fühlten. Im Nachhinein beurteilen die Info3-Redakteure ihre Haltung aber eher selbstkritisch: „ Mehr Gelassenheit wäre besser gewesen,“ betonte Heisterkamp und auch Redakteur Felix Hau war das Engagement seines Blattes „eine Nummer zuviel“. Info3 sei kein Politmagazin.

Das sei ein „extremer Fall“ gewesen, meinte Info-Gründer Ramon Brüll dazu und zeigte Verständnis für das Ringen der Redaktion: „Ich möchte keine Zeitung, die immer das schreibt, was die Leser sowieso schon denken. Wirtschaftlich wäre das natürlich interessanter. Aber mir ist es schon lieber, etwas ist verdammt unbequem, aber ich wache daran auf.“

So darf man gespannt sein, welche Aufwacherlebnisse uns die Jahre bis zum nächsten Info3-Jubiläum im Jahr 2011 bescheren werden.

End/NNA/ung

Bericht-Nr.: 060905-01DE Datum: 5. September 2006

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