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Fri, 05 Jan 2007

Rudolf Steiner als Denker des Wirtschaftslebens?

Hundert Jahre anthroposophischer Sozialimpuls – Ein Plädoyer für viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit neuen Ideen

Das Jahr 2006 ist als 100.Geburtstag des anthroposophischen Sozialimpulses gefeiert worden. In vielen Teilen der Welt fanden Veranstaltungen statt, die uns an den Beitrag erinnern sollten, den Rudolf Steiner zu unserem Verständnis des modernen Lebens geleistet hat. Die Zeitschrift Associative Economics Monthly richtet ihren Blick auf Rudolf Steiners zentrale Beiträge zum ökonomischen Denken. Arthur Edwards, befasst sich in einem speziellen Artikel für NNA mit dem Ökonomen Rudolf Steiner.

LONDON (NNA). Rudolf Steiner als Ökonom ist nicht sehr bekannt, sogar bei denen, die sein Werk in anderen Gebieten schätzen. Wenn man seine Verdienste hier darstellen will, muss man seinen Beitrag zur Sozialwissenschaft im allgemeinen und zur Ökonomie im besonderen begründen.

Die Ökonomie spielt eine grundlegende (allerdings oft obskure und problematische) Rolle bei der Art, wie wir unsere Gedanken gestalten und damit auch unser Leben. Der wirkliche Verdienst von Steiners Werk wird deutlich, wenn man die Geschichte des ökonomischen Denkens im Überblick betrachtet und bemerkt, wie er in seiner historischen Analyse, seiner Methodologie und Theorie des Werts die Grundlagen für eine Ökonomie legt, die auch die unsichtbaren Phänomene einschließt, mit denen sich die Dißiplin weitgehend befasst. Wenn man sein soziales Hauptgesetz würdigt, ist es lehrreich, es in Zusammenhang zu bringen mit zwei anderen Gesetzen oder Theoremen, die zusammen eine Trinität bilden:

Das grundlegende soziologische Gesetz – 1898: In den frühen Stadien der kulturellen Evolution neigt die Menschheit zur Bildung sozialer Einheiten, ursprünglich wird das Interesse des Individuums den Interessen dieser Gruppierungen geopfert. Die weitere Entwicklung führt zur Emanzipation des Individuums von den Interessen der Gruppe und schließlich zur unbeschränkten Entwicklung der Notwendigkeiten und Fähigkeiten des Einzelnen.

Das grundlegende soziale Gesetz – 1906: Das Wohlergehen einer ganzen Gemeinschaft von Menschen, die zusammenarbeiten, ist umso größer, je weniger das Individuum die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selbst beansprucht, d.h. je er mehr von seinen Produkten an seine Kollegen weitergibt und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht durch seine eigenen Anstrengungen, sondern durch die der anderen befriedigt werden.

Das Theorem vom „gerechten Preis“ – 1922: ein „gerechter Preis“ entsteht, wenn eine Person als Gegenleistung für das erzeugte Produkt soviel erhält, wie sie braucht, um alle ihre Bedürfnisse und die ihrer Angehörigen solange zu befriedigen, bis das Produkt erneut hergestellt ist.

Diese drei „Gesetze“ sind prägnante Formulierungen von Ideen, die unsere volle Aufmerksamkeit verdienen. Wenn man sie nur wie Mantren herunterbetet, besteht die Gefahr, dass sie zu Slogans werden, die einer seriösen ökonomischen Wirtschaftswissenschaft nichts hinzufügen können. Ein Weg, um dieser Gefahr zu entgehen, besteht darin, sich zu fragen, inwieweit Steiners Einsichten auch von anderen Autoren beschrieben werden, wenn auch von andersartigen Positionen aus. Diese Übung zeigt uns auch, an welcher Stelle sein Beitrag besonders und einzigartig ist wie z.B. beim Theorem des gerechten Preises – ein Konzept, das es im höchsten Maße verdient, von uns heute zur Kenntnis genommen zu werden.

Die Idee der gerechten Preisbildung (und mit ihr die Idee des assoziativen Wirtschaftens) ist der Grundstein von Steiners ökonomischen Denken, durch das alle falschen Konzepte der modernen Wirtschaft Schritt für Schritt ersetzt werden. Wettbewerb, die Kräfte des Marktes und die unsichtbare Hand (ein Bild von Adam Smith, um zu illustrieren, wie diejenigen, die in einer von Wettbewerb geprägten freien Marktwirtschaft ihr eigenes Interesse verfolgen, gleichzeitig dem allgemeinen Wohl und dem Nutzen der Gesellschaft dienen) müssen unvermeidlich Platz machen für die Einsicht, dass das globalisierte Wirtschaftleben ein die gesamte Menschheit umfassendes Unternehmen ist, das bewusst und in einem assoziativen Geist angegangen werden muss.

Aber schauen wir uns zunächst das soziale Hauptgesetz an. Es basiert auf Steiners soziologischer Analyse, die die Menschheit auf einem langen Weg sieht. Er beginnt mit Lebensformen, in denen das Individuum nicht wichtig war, und geht durch die Erfahrung von Individualisierung und Spezialisierung hindurch hin zu einer Situation, in der eine neue Gemeinschaft herausgebildet werden muss, die aus der schöpferischen Initiative der individuellen Arbeit in Zusammenwirken mit den Mitmenschen geboren wird. Dieser lange Weg der Individuation ist begleitet von einer immer weiter fortschreitenden Arbeitsteilung, die ihren Ausdruck im sozialen Hauptgesetz findet. Denn das, was eine Person produziert, wird von den anderen konsumiert und was sie selbst verbraucht, wird von den anderen hergestellt.

Gesunde Wirtschaftsformen verlassen sich darauf, dieses Gesetz in der Praxis anzuerkennen – indem zum Beispiel jemand nicht versucht, etwas zu tun, was andere effektiver tun können. Indem er dies tut, erkennt er die Arbeit der anderen an und würdigt sie. Er selbst stellt mit seiner Arbeit Produkte und Dienstleistungen her, die für die anderen von Nutzen sind. Dies schlägt der modernen Do-it-yourself-Kultur direkt ins Gesicht, in der Praxis heißt es aber, dass jeder Mensch auswählen kann, welchen individuellen Beitrag er leistet.

In zwei Essays, die 1905 und 1906 veröffentlicht worden sind, („Geisteswissenschaft und die Soziale Frage“ und „Brüderlichkeit und der Kampf um die Existenz“) zeigt Steiner die Notwendigkeit auf, widersprüchliche Impulse im sozialen Leben anzuerkennen, einer davon ist selbstbezogen, der andere altruistisch. Für Steiner ist es notwendig, dass das Wirtschaftsleben frei ist von „moralischer Schärfe“ und dass ökonomische Fragen nicht mit moralischen vermischt werden – Moral kann nicht von außen gegeben werden, sondern sie liegt im Ermessen des freien Individuums.

Das heißt, dass die Verwendung der Begriffe selbstbezogen und altruistisch eine erklärende Bezeichnung darstellen und keine moralische Ermahnung. Man sollte sich fragen, wo ist Selbstbezogenheit angemessen im wirtschaftlichen Leben und wo sollte die Sorge um das Wohl der anderen das leitende Prinzip sein? Während man nur für sich selbst essen kann, ist Arbeit, die im Zeichen der Arbeitsteilung stattfindet, immer Arbeit für andere.

Ein unaufmerksamer Leser könnte nun in die Falle stolpern und denken, man sollte entweder Altruismus oder Egoismus den Vorzug geben, aber Steiners Analyse weist auf die Notwendigkeit von beidem im ökonomischen Leben hin; ohne Konsumtion besteht keine Notwendigkeit, zu produzieren. Ebenso sollten das Ethos des Dienstleistungssektors mit seiner Leistungsbereitschaft und Kundenorientierung nicht als großes moralisches Prinzip aufgefasst werden, sondern lediglich als Beispiele für ein Denken, das dem modernen Wirtschaftsleben angemessen ist.

Wenn in der Ökonomie moralisiert wird, zeigt dies einfach nur, dass man das Thema nicht wirklich trifft, sondern es nur benutzt, um anderen seinen Standpunkt aufzudrängen. Dies schafft eine Gegensätzlichkeit, die zum einen unproduktiv ist, zum andern auch Steiners Denken und seine Reputation beeinträchtigt, mit der in der englischsprachigen Welt mit viel Fingerspitzengefühl umgegangen werden sollte. Steiner ist wenig bekannt und man muss seine oft sehr direkte Kritik an konventionellen Haltungen und Praktiken eher tiefer hängen genau wie seine vielen eindeutigen Kommentare gegenüber dem anglo-amerikanischen Denken und Handeln.

Damit Steiner als Ökonom bekannter wird, kann man ihn nicht den Menschen um die Ohren schlagen. Auch sollte man den Zeitgenossen nicht den Teppich unter den Füßen wegziehen, indem man das volle Ausmaß seiner Kritik an der modernen Wirtschaft ausbreitet, die wenig hilfreich ist. Es ist sicher besser, differenziert wahrzunehmen, was die Leute heute denken, als zu versuchen, ihr Denken und ihre Lebensweise wegzudrängen und durch etwas anderes zu ersetzen.

Das ist jetzt nicht pragmatisch zu sein oder bedeutet, Steiner zu verleugnen. Es heißt nur, sich bewusst zu sein, wieviel sich seit seiner Zeit verändert hat und welche Fragen die Menschen heute auf dem Gebiet der Ökonomie bewegen, auch wenn sie sich dieser Fragen vielleicht gar nicht bewusst sind. Außerdem besteht oft eine Esoterik eher „zwischen den Zeilen“ im angelsächsischen Denken hinsichtlich des ökonomischen Lebens. Natürlich gibt es auch viele, die sich gut auskennen mit der Natur des esoterischen Lebens.

Die Herausforderung für alle, die Steiners Ideen auf diesem Gebiet bekannter machen wollen, besteht darin, sich bewusst zu machen, welche seiner Ideen zentral sind und wie sie in einer angemessenen Art und einem entsprechenden Stil kommuniziert werden können. Wir werden keinen Fortschritt machen, wenn wir versuchen, ökonomische Konzepte abzuwerten, die wir widersprüchlich finden (zum Beispiel solche, die aus neoliberalem Denken hervorgegangen sind) und sie einfach durch Konzepte ersetzen, die für Steiner Schüler besser zu passen scheinen wie „Dreigliederung“ oder „Geistesleben“ und die weit davon entfernt sind, die Welt klüger zu machen, sondern – was noch schlimmer ist – Ablehnung hervorrufen.

Zum Beispiel kann eine Verbrauchssteuer auch als Rückschritt betrachtet werden und Schenkungsgeld als eine finanzielle Abhängigkeit. Um Steiners Sache gut zu vertreten, muss man sich mit anderen Wirtschaftswissenschaftlern auseinandersetzen, mit Sozialwissenschaftlichern und Suchern der Wahrheit, um über die Wirklichkeit hinter den Dingen nachzudenken, auch wenn diese Aufgabe noch so undankbar und mühsam erscheinen mag.

Indem man bereit ist, sich zurück zu nehmen, lässt man den Menschen den Raum, den sie brauchen, um ihre eigenen Lösungen zu finden und sie auch mit ganzem Herzen in die Tat umzusetzen.

End/nna/cva/ung

Steiners ökonomisches Denken wird breiter dargestellt in „Associative Economics Monthly“, einer Publikation, die von Christopher Houghton Budd und Arthur Edwards gemeinsam herausgegeben wird. Sie kann über ihre Website abonniert werden (www.cfæ.biz/æm) oder durch Fax und Telefon +44(0)1227 738207.

Schriftliche Beiträge sind auch erwünscht von allen, die sich mit der Entwicklung von Rudolf Steiners Sozialimpuls verbinden. Arthur Edwards erstellt außerdem eine elektronische monatliche Übersicht, die Nachrichten bringt zu Ereignissen oder Themen aus der Sicht einer assoziativen Wirtschaft zusammen mit Außügen aus Associative Economics Monthly. Um die monatliche Übersicht zu erhalten, senden Sie eine Email an: arthur@talkingeconimcs.com, Betreff: subscribe.

Arthur Edwards ist Mitglied in der Ökonomischen Konferenz (Economics Conference) der Sozialwissenschaftlichen Sektion an der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Er arbeitet vor allem über assoziatives Rechnungswesen und dessen Verständlichmachen, vor allem für Schulen. Er koordiniert das Talking Economics Projekt, hat ein Diplom in Assoziativem Wirtschaften und plant eine Studie über Rudolf Steiners Idee zu den drei Arten von Geld im Rechnungswesen.

Weitere Literatur:

Rudolf Steiner & Christopher Houghton Budd, Rudolf Steiner, Economist, New Economy Publication 1996

Rudolf Steiner „Social and Political Science“, Sophia Books, Rudolf Steiner Press 2003

Rudolf Steiner „Economics“, New Economy Publication 1996

Bericht-Nr.: 070105-01DE Datum: 5. January 2007

© 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe http://www.nna-news.org/copyright/

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Bildung zum Thema Menschenrechte jetzt Schulfach

Innsbrucker Waldorfschule zog Bilanz eines vierjährigen Pilotprojekts – Mehr Aufmerksamkeit für zentrale Grundprinzipien des Zusammenlebens

INNSBRUCK (NNA). Menschenrechtsbildung als Schulfach ist jetzt an der Waldorfschule in Innsbruck fest im Stundenplan und in den Zeugnissen verankert. Das neue Schulfach zeige, so Schulleiter Hermann Hauser, dass „wir eine Schule in Bewegung bleiben und konsequent danach streben, unseren SchülerInnen ein ebenso umfassendes wie zeitgemäßes Fundament für ihr Leben mitzugeben.“

Zum Internationalen Tag der Menschenrechte Anfang Dezember zog die Schule zusammen mit dem Tiroler Institut für Menschenrechte (time) Bilanz des in der Schullandschaft einmaligen Projekts. Alle betroffenen Lehrer, Schüler und Eltern sprachen sich zu 90 Prozent positiv über das Projekt aus. Gerade in einer Zeit, in der die Menschenrechte durch „ein Wechselspiel von Terror und Antiterrormaßnahmen doppelt bedroht erscheinen“, sei es wichtig, sie als „zentrale Grundprinzipien eines respekt- und friedvollen Zusammenlebens gezielt zu fördern,“ betonte Raimund Pehm vom Tiroler Institut für Menschenrechte.

Nach dem vierjährigen Probelauf des Projekts liegen nun umfangreiche Praxisberichte sowie ein Rahmenlehrplan für das Fach „Menschenrechtsbildung“ vor, nach denen künftig unterrichtet wird. Die Probephase des Projekts wurde dazu genutzt, den in vierwöchigen Blöcken stattfindenden Unterricht kontinuierlich weiterzuentwickeln. Zunächst bestand er nur aus einem relativ offenen pädagogischen Rahmenkonzept (siehe auch NNA-Bericht „Waldorfschule führt Menschenrechte als eigenes Unterrichtsfach ein“, 23. April 2003).

Menschenrechtsbildung stellt nach Auffassung von Pehm eine „spannende Perspektive“ für Schulen da, die ihren Schülern vielfältige, persönlichkeitsbildende Lernerfahrungen in den Bereichen Soziales und Demokratie eröffnen und ihr Profil in diesen Feldern schärfen wollen. Das neue Fach sei aber auch mit Risiken verbunden. „Menschenrechte sind unbequem und wirken dynamisierend, sie schaffen produktive Unruhe.“ Sie stellten daher eine große Herausforderung für jede Schulgemeinschaft dar. Pehm hält eine Erprobung des neuen Schulfachs zum Beispiel in Form eines Wahlpflichtfachs auch an den staatlichen Schulen für möglich. „ Es ist höchste Zeit, den Menschenrechten in der schulischen Bildung einen höheren Stellenwert einzuräumen“, betonte er.

NNA/end/ung

Link: www.human-rights.at

Bericht-Nr.: 070105-05DE Datum: 5. Januar 2007

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Endliche eine Lobby für die Anthroposophie in der EU?

Neue Initiative Eliant will bis zum Sommer eine Million Unterschriften sammeln

LÖRRACH (NNA). Mit einer Unterschriftenaktion, die bis zum Sommer eine Million Unterzeichner gewonnen haben will, möchte die Eliant Initiative in Lörrach dafür sorgen, dass die Anthroposophie mit ihren praktischen Anwendungsfeldern gegenüber der EU endlich eine Lobby erhält. Um als politische Kraft ernst genommen zu werden, brauche es den Nachweis eines Rückhalts in der Bevölkerung. Der soll nun mithilfe der Unterschriften, deren Sammlung zum Jahresende begonnen wurde, europaweit dokumentiert werden. Die eine Million sei dabei ein erstes Etappenziel, Fernziel könnten auch fünf bis sieben Millionen Unterschriften sein auch aus Nicht-EU-Ländern, um die weltweite Unterstützung für die anthroposophischen Initiativen deutlich zu machen, betonte Eliant-Mitbegründerin Michæla Glöckler.

Durch neues EU-Recht stünden anthroposophische Produkte und Dienstleistungen vor immer neuen Problemen, heißt es in der Veröffentlichung von Eliant. Kindernahrung müssten künstliche Vitamine zugesetzt werden, Arzneimittel dürften nicht mehr verkauft werden und biologisch-dynamische Präparate fielen der Bekämpfung der Rinderseuche BSE zum Opfer. Durch neue EU-Vorschriften würden anthroposophische Initiativen zunehmend in ihrer Entwicklung behindert oder sogar in ihrer Existenz gefährdet.

Im Juni wurde in Brüssel von Vertretern verschiedener anthroposophischer Organisationen eine Charta der neuen Initiative verabschiedet, die auch bereits in verschiedene Sprachen übersetzt worden ist. Dabei habe man sich bewusst dafür entschieden, die anthroposophische Identität von Eliant zum Ausdruck zu bringen. Es sei an der Zeit, dass sich die Initiativen, die auf der Basis der Anthroposophie arbeiten, klar zu erkennen geben und mit anderen kulturkreativen Netzwerken und Organisationen für gemeinsame Ziele in Europa eintreten, betonten die Eliant-Gründer.

END/nna/ung

Link: www.eliant.eu

Bericht-Nr.: 070105-04DE Datum: 5. Januar 2007

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„Junk culture“ der Gegenwart schädigt unsere Kinder

Pressekampagne für den Erhalt der Kindheit in Großbritannien verzeichnete weltweites Echo – Wendepunkt hin zu einem neuen Denken in der Pädagogik?

LONDON (NNA). Mit einem Offenen Brief gegen das Verschwinden der Kindheit in unserer modernen Gesellschaft, der von 100 bekannten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens unterzeichnet worden ist, gelang es einer Gruppe von engagierten Pädagogen und Wissenschaftlern, im Herbst 2006 in Großbritannien ein lebhaftes Medienecho hervorzurufen. „„Junk culture“ vergiftet unsere Kinder,“ hieß eine Titelschlagzeile des Daily Telegraph, einer der auflagenstärksten britischen Zeitungen und „Lebensstil unserer Zeit steigert Depressionen bei Kindern“.

Auch in vielen anderen Ländern wurde das Thema nach der Publikation im Daily Telegraph aufgegriffen, darunter Australien, die Philippinen, Nord‚Amerika, Isræl, Spanien, Portugal und Brasilien. Die Organisatoren des Offenen Briefs waren selbst verblüfft über ihre Wirkung.

Dr.  Richard House von der Roehampton Universität, London ist einer der beiden Organisatoren des Offenen Briefs. In einem Artikel für NNA beschreibt er den Hintergrund der Kampagne und äußert die Hoffnung, dass das große Medienecho auf einen Wendepunkt in der Geschichte der postmodernen Gesellschaft hindeutet:

Es ist vielleicht ein trauriges Zeichen, dass man die Stimmen einer ganzen Sammlung hochrangiger Prominenter und professioneller Experten braucht, damit ein Thema von der Weltpresse endlich ernst genommen wird, obwohl es schon lange für viele Menschen offensichtlich ist (nicht zuletzt in der weltweiten Waldorfschulbewegung).

Hier möchte ich nun die spirituellen Aspekte dieser ungewöhnlichen Pressestory unterstreichen. (Einige Zeitungen haben sie erst veröffentlicht, nachdem der Daily Telegraph vorgeprescht war mit seinem Mut, eine Titelgeschichte daraus zu machen, erhalten hatten sie alle).

Für diejenigen, die den Offenen Brief nicht in seiner ganzen Länge kennen, ist es wichtig, zu wissen, dass das Wort „spirituell“ darin nicht vorkommt. Von meinem Standpunkt als ausgebildeter Waldorflehrer her, dem „die spirituelle Dimension“ ein zentrales Anliegen ist, handelt es sich dabei um eine beachtliche Lücke. Allerdings ging es bei einem Offenen Brief wie diesem darum, dass ihn möglichst viele Persönlichkeiten unterschreiben und so musste er notwendigerweise so offen wie möglich gehalten und nicht mit Begriffen oder Perspektiven versehen werden , die einen Teil derjenigen, die wir erreichen wollten, abgeschreckt oder ausgeschlossen hätten.

Vor kurzem habe ich das packende Buch „Lost Icons“ des Erzbischofs von Canterbury, dem bewunderswerten Dr.  Rowan Williams, gelesen. Es ist ein bemerkenswertes Buch, das viele Themen anspricht, die auch im offenen Brief im Daily Telegraph erwähnt werden. Am Sonntag und Montag, die auf unseren Mediencoup folgten, kam Rowans bedeutende Stimme zu unseren Argumenten hinzu hinsichtlich Abwertung und Verlust der Kindheit in der gegenwärtigen Gesellschaft. Bald darauf folgten die zweijährige nationale Studie der Childrens Society in Großbritannien über „Gelungene Kindheit“ sowie die neue All-Parteien-Gruppe von Baroness Susan Greenfield zu Kindheit und Technologie – man konnte wirklich den Eindruck gewinnen, dass da Engel hinter den Kulissen zu unseren Gunsten wirkten.

Nur um zwei der spirituellen Fragestellungen anzusprechen, die der Offene Brief indirekt aufwirft: Ich denke, es war vor allem die Kritik des einseitigen Materialismus und es Nützlichkeitsdenkens, das wenn auch nicht alle, so doch die meisten der Unterzeichner teilen und auch die Audit-, Test- und Überwachungskultur, die nicht nur das Schulsystem in Großbritannien, sondern viele Schulen der westlichen Welt gegenwärtig überrollt.

Alle Anzeichen sprechen dafür – sowohl empirisch belegte und auch nur erzählte - dass der Schaden, den unsere unfruchtbare und Beklemmung erzeugende Kultur an den Lernerfahrungen der Kinder anrichtet, enorm ist. Was wiederum nur ein Symptom ist für die anhaltende (und aus meiner Sicht äußerst unangemessene) Politisierung der Erziehung und die damit einhergehende Entprofessionalisierung der Rolle des Lehrers, der reduziert wird auf wenig mehr als einen passiven Überbringer des Schmalspurwissens, das der Regierung gerade politisch opportun erscheint. In der Waldorfschulbewegung, legen wir großen Wert auf die künstlerische Kreativität und verantwortliche (auch verantwortungsbewusste) Autonomie des Lehrers.

Der Begründer von Waldorfschulbewegung und Anthroposophie, Rudolf Steiner, hat wiederholt hervorgehoben, welcher Schaden angerichtet wird dadurch, dass man die Autonomie des Lehrers untergräbt. So schrieb er: „ In einer staatlichen Schule ist alles strikt definiert, … alles ist genau geplant. Bei uns hängt alles von der freien Individualität jedes einzelnen Lehrers ab… Klassen werden ganz der Individualität des Klassenlehrers anvertraut… was wir erreichen wollen, kann auf ganz verschiedene Weise erreicht werden…. Dies kann niemals Gegenstand äußerer Anordnungen sein…“

Ich interessiere mich auch für die „Leistung“ von Schulen, die einen „spirituellen“ Ethos haben (wie immer wir das auch definieren wollen). In einem Artikel, den er kürzlich im British Independent Newspaper veröffentlich hat, argumentiert Stephen Law, es sei nichts Besonderes an was er missverständlich als „religiöse Beschulung“ bezeichnet. Was diese Art von utilitaristischem Säkularismus zu ignorieren scheint, ist die Tatsache, dass Schulen, die eine Art von spiritueller Fundierung haben – gleich, ob dies die formale „Lehre“ von Religion einschließt oder nicht - den sich entwickelnden Seelen der Kinder etwas Entscheidendes anzubieten haben, das weltliche Schulen nicht bieten können. Obwohl wir uns natürlich davor hüten müssen, die Qualität von Schulen auf der Basis der dürftigen Ergebnisse der absolut oberflächlichen Test- und Prüfungslandschaft zu beurteilen, so ist es doch sicher kein Zufall, dass die sogenannten „religiösen“ Schulen bei all diesen Leistungsindikatoren besser abschneiden als die vergleichbaren Mainstream-Schulen.

Wir können jetzt sicherlich eine Disput anfangen über die Definition von „religiös “ im Gegensatz zu „spirituell“, aber es scheint doch zweifellos so zu sein, dass ein schulisches Leben, das anerkannt, dass es so etwas wie „Seele“ oder „Geist“ gibt (wie auch immer wir diese Begriffe definieren wollen) den Kindern dadurch eine spürbare ganzheitliche und bedeutungsvolle Lernumgebung bieten kann, etwas, das kostenlos ist und das die anderen Schulen eben nicht haben, denen der Sinn stiftende spirituelle Ethos fehlt.

Ein anderer theologischer Denker, der sich mit diesem Themen auseinandergesetzt hat, ist Brian Thorne (auch einer der Unterzeichner des Offenen Briefs). In seinem Buch Infinity Beloved – The Challenge of Divine Intimacy (Darton, Longman und Todd, 2003) zeigt Thorne - eine weltweit anerkannte Autorität auf dem Gebiet der non-direktiven Beratung nach Carl Rogers – viele der Argumente sachlich auf, die auch in dem Offenen Brief verwendet werden. Vor allem gilt seine scharfe Kritik der „hyper-modernisierten“ materialistischen Kultur.

Ich persönlich fand Brians kaum verhüllte Wut gegenüber dem absoluten Materialismus mit seiner seelenlosen Überwachungskultur, deren Verwüstungen er anprangert, besonders anregend („ein perverses Wertesystem, dem … wir alles andere als unterliegen sollten). „Wenn wir anfangen, in einer neuen Welt zu leben, in der es nur … Wandel und Prozess gibt,“ schreibt Thorne, müssen wir der Sklaverei des materialistischen Götzen entkommen.“ Aus dieser Sicht ist ein erneuerte Vision der menschlichen Existenz notwendig und eine Wiederverzauberung der Welt, beides notwendige Voraussetzungen für ein Fortbestehen der Menschheit und auch Anzeichen für ein Aufblühen der Spiritualität in und hinter den Todeßuckungen der „postmateriellen Gesellschaft“. Diese Themen können mit Sicherheit Anthroposophen mit anderen spirituellen Traditionen und Überzeugungen vereinen.

Als ausgebildeter und arbeitender Waldorflehrer möchte ich hier auch noch diejenigen Schulen erwähnen, die auf der Basis von Rudolf Steiners Philosophie arbeiten. Jeder, der die Atmosphäre dort und die Qualität der Arbeit in den Steiner Schulen erlebt hat, kann nicht anders als beeindruckt sein darüber, was möglich ist ein einem Schulmilieu, das mechanistisches Nützlichkeitsdenken vermeidet und Schönheit und Entwicklung von Lernprozessen angemessen Raum gibt. Und das sich um eine lebendige Erziehung bemüht, die im besten Sinn des Wortes ganzheitlich und ausgewogen ist.

Hier in Großbritannien haben wir es uns sehr zu Herzen genommen, als der vom Erziehungsministerium unterstützte Woods Report 2004 erschien, in dem es hieß, dass der Mainstream eine Menge zu lernen habe von den Erziehungsideen Rudolf Steiners. Wie es so oft mit solchen Berichten geschieht, hat er viel „offiziellen“ Staub aufgewirbelt seither – aber mit unserer weltweit verbreiteten Mediengeschichte über die Kindheit kann man nur hoffen, dass sich die Regierung diesen Bericht noch einmal vornimmt und sich ernsthaft mit den Prinzipien Steiners und der daraus resultierenden pädagogischen Praxis auseinandersetzt.

Seit die Geschichte in den Medien erschienen ist, haben Sue Palmer (die andere Organisatorin des Offenen Briefs) und ich eine große Menge von Mitteilungen von allen Arten von Individuen und Organisationen bekommen, die uns in unserem Eintreten für den Fortbestand der Kindheit stark unterstützen und es könnte sein, dass wir damit den Geist aus der Flasche befreit haben, den die Kräfte des Materialismus jetzt nicht mehr einfangen können.

An der Roehampton Universität in London verstärkten wir den Impuls durch ein eintägiges Diskussionsforum jetzt im Dezember, bei dem Minister und ihre Stellvertreter eingeladen waren und wir planen auch ein Buch über die Kindheit und eine größere internationale Konferenz für das Frühjahr 2007. Unser alles beherrschendes Ziel ist es, die Engstirnigkeit der jeweiligen parteipolitischen Vorurteile zu überwinden, um einen neuen Konsens quer durch die Parteien über diese höchst dringenden kulturellen Fragen zu bilden.

Es hat natürlich auch viele Widersprüche zu unseren Argumenten gegeben – nicht zuletzt von Zeitungen, die die Story ihres Konkurrenten untergraben wollten. Die überwältigende öffentliche Unterstützung, die wir für unsere Anliegen erfahren haben, deutet darauf hin, dass wir uns vielleicht doch an einem Punkt befinden, der eine entscheidende Wende in der „postmodernen“ Gesellschaft herbeiführen kann.

Ich möchte alle Leser einladen, sich mit diesem Kulturimpuls zu verbinden. Engagieren Sie sich auf die Art, die Ihnen möglich ist und tragen Sie dazu bei, dass der Impuls nicht mehr aufgehalten werden kann.

NNA/end/cva/ung

Richard House, PH. D.  ist Dozent für Psychotherapie und Beratung an der Roehampton Universität in London. Er hat bei der Gründung und Entwicklung der Norwich Steiner School in Norfolk, UK, mitgewirkt, in deren unteren Klassen er auch in Teilzeit mitarbeitet. Er ist auch Mitbegründer der neuen anthropophischen Gesellschaft Ur Publications and Programmes Inc. Montreal. Kontakt: r.house@roehampton.ac.uk

Bericht-Nr.: 070105-03DE Datum: 5. Januar 2007

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Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/

Vielfalt statt Zentralisierung und Bürokratisierung

Symposion der Software AG zog Fazit zu PISA-Studien - Reformpädagogische Schulen fordern Ende der Selektion im Bildungswesen in Deutschland

BERLIN (NNA). Trotz umfassender Kritik durch die PISA-Studien der OECD setzt das öffentliche Bildungssystem in Deutschland nach wie vor eher auf Selektion anstatt auf Förderung. Außerdem besteht die Gefahr, dass mit den PISA-Ergebnissen Tendenzen der Zentralisierung und Bürokratisierung des Bildungswesens gerechtfertigt werden. Dies war das Fazit eines Symposions mit dem Titel „Aus PISA gelernt?“, das die Software AG Ende letzten Jahres in Berlin durchgeführt hat.

Mit der Veranstaltung wollte die Software AG Stiftung aufzeigen, dass Vielfalt im Bildungswesen die richtige Antwort auf die PISA-Ergebnisse darstellt. Schule sei dort erfolgreich, wo viel Freiheit herrsche und die Schulen selbst ihr Profil finden dürften, betonte Walter Hiller von der Software-Stiftung gegenüber NNA dazu.

PISA-Koordinator Andreas Schleicher unterstrich auf dem Symposion die begrenzte Aussagekraft der Ergebnisse der PISA-Untersuchungen. Die Studien könnten weder alle schulischen und persönlichen Entwicklungen von Kindern und Jugendlichen erfassen noch ein umfassendes Urteil über einzelne Schulen abgeben. Der Wert der Untersuchung liege vielmehr in der Aufforderung zum Vergleich mit anderen Bildungssystemen, was sinnvollerweise auch Schwächen und Stärken der einzelnen System in den Ländern deutlich mache. Standards im Sinne von PISA seien daher im angelsächsischen Sinn zu verstehen als Ziele, die definiert würden, wobei es der einzelnen Einrichtung überlassen bleibe, wie sie sie erreichen wolle.

Alternative Schulformen würden auch in Deutschland seit Jahrzehnten erforscht und an einer größeren Zahl von Schulen mit Erfolg praktiziert, wurde auf dem Symposion betont. Die geringen Fortschritte im deutschen Bildungswesen seien also nicht auf das Fehlen von Ideen zurückzuführen, was fehle, sei der Transfer der vorhandenen Ideen in die tägliche Schulpraxis.

Zu Wort kamen bei dem Symposion neben der Bundesarbeitsgemeinschaft der Schulen in Freier Trägerschaft, der auch die Waldorfschulen angehören, daher Vertreter verschiedener reformpädagogisch orientierter Schulen wie zum Beispiel der Laborschule in Bielefeld oder der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden. Eine ganze Anzahl von reformpädagogisch orientierten Schulen hat sich 2003 in einem Arbeitskreis mit dem Titel „Blick über den Zaun“ zusammengeschlossen.

In der „Erklärung von Hofgeismar“, die am 14.November 2006 von 100 Schulleitern anlässlich einer Tagung der Evangelischen Akademie Hofgeismar verabschiedet worden war, fordern die im Arbeitskreis vertretenen Pädagogen eine Abkehr von den Selektionsprinzipien im deutschen Bildungswesen. „Wir wollen eine Schule, in der die – nach wie vor riesige – Ungleichheit der Bildungschancen so weit wie möglich abgebaut wird,“ heißt es in der Erklärung. Zuerst und vor allem komme es darauf an, dass es den Kindern und Jugendlichen in der Schule an Leib und Seele gut gehe. Lernen müsse – auch bei aller unverzichtbaren Mühe und Anstrengung – Freude machen und mit Anschauung und Erfahrung verbunden sein.

Die Frage nach der Struktur des Schulwesens in Deutschland dürfe „nicht länger tabu bleiben,“ fordern die Schulleiter. Maßnahmen wie Sitzenbleiben, Abstufungen in andere Schulformen oder „Abschulung“ müssten verschwinden. In der Erklärung sprechen sich die Schulleiter auch dagegen aus, dass Bildung allein auf kognitive Erträge reduziert wird. Die Ungleichwertigkeit der Fächer und die starren Fächergrenzen müssten überwunden werden. Individualisierte Formen der Leistungsbegleitung und –bewertung sollten die normierenden Zensuren langfristig ersetzen.

Einzelne Waldorfschulen waren ursprünglich bei der Begründung des Arbeitskreises „Blick über den Zaun“ dabei gewesen, zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit kam es aber bisher nicht. Im allgemeinen sehen sich die Waldorfschulen auch eher nicht in der Tradition der Reformpädagogik, die ihre Impulse aus der Lebensreformbewegung der Jahrhundertwende bezogen hat.

NNA/end/ung

Link: www.blickueberdenzaun.de

Bericht-Nr.: 070105-02DE Datum: 5. Januar 2007

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