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Mon, 16 Jul 2007

FAZ-Artikel zu Gewalt an Waldorfschulen ist falsch

Entscheidende Forschungsdaten wurden vom Autor weggelassen - Kriminologisches Institut rügt Verletzung der journalistischen Sorgfaltpflicht

Von NNA-Korrespondentin Cornelie Unger-Leistner

HANNOVER (NNA). Beim Bericht der FAZ Sonntagßeitung zum Thema „Gewalt an Waldorfschulen“ hat sich der Autor Alexander Kissler offensichtlich eine Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht zuschulden kommen lassen, positive Fakten weggelassen und die Aussage der vorliegenden Forschungsdaten in ihr Gegenteil verkehrt. Dies geht aus einer Stellungnahme des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover zum FAZ-Artikel hervor.

Der Autor hätte die „gravierenden Mängel“ in seinem Artikel vermeiden können, wenn er mit dem Leiter des Instituts, Christian Pfeiffer oder mit an der Forschung beteiligten Mitarbeitern gesprochen hätte, betont das Institut in seiner Stellungnahme. Nimmt man alle erhobenen Daten zusammen, so zeichnen sich die Waldorfschüler durch die niedrigste Rate von Gewalttätern (24,2 Prozent) aus, die höchsten Werte weisen die Hauptschulen mit 35,2 Prozent auf.

Der Tenor des Artikels vom 8.Juli lautete, „dass manche Formen von Gewalt an Waldorfschulen häufiger anzutreffen sind als an Grund- und Hauptschulen.“ Außerdem hieß es: „Die Opferzahlen unter den Neuntklässlern liegen mit 23,7 und 12,7 Prozent über den vergleichbaren Werten an Hauptschulen; dort wurden nur 18,7 beziehungsweise 11,4 Prozent Opfer dieser beiden Deliktarten.“

Bei den einfachen Körperverletzungen zeige sich in der Tat an den befragten Waldorfschulen die höchsten Opferraten im Vergleich aller Schultypen. Dies gelte jedoch nicht, wenn man die Gesamtopferrate in Bezug auf alle erfassten Gewaltdelikte betrachte. Hier lägen die Waldorfschulen im Schnitt aller Schulen mit 28,9 Prozent und würden nur von den Gymnasien mit 24,7 Prozent „deutlich unterboten“.

Es sei „schwer nachzuvollziehen“ , dass der Autor den niedrigen Anteil der Gewalttäter insgesamt verschwiegen habe. Besonders ärgerlich sei, so Pfeiffer, dass er einen extrem positiven Befund überhaupt nicht erwähne, weil er „offenkundig nicht in den Gesamttenor seines Artikels“ gepasst habe.

Die Waldorfschulen zeichnen sich danach durch den mit Abstand am niedrigsten Teil von fremdenfeindlichen Schülern aus ( Waldorf 2,8 Prozent, Gymnasien 8,3 Prozent, Gesamtschulen 16,5 Prozent, Realschulen 17,4 Prozent und Hauptschulen 24,7 Prozent). Ein ähnliches Bild zeige sich beim Anteil der rechtsextrem eingestellten Schüler. Hier reiche das Spektrum von 1,2 Prozent an Waldorfschulen bis zum siebenfachen Wert von 9,5 Prozent an Hauptschulen.

Dieses Ergebnis wertet das Institut als „klares Indiz dafür, dass die Waldorfpädagogen sich im Schulunterricht engagiert gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einsetzen.“ Es sei deswegen geradezu absurd, die Forschungsdaten des Kriminologischen Instituts zur Unterstützung der vom Autor vertretenen These heranzuziehen, an den Waldorfschulen werde mit rassistischem Gedankengut gearbeitet.

In der Stellungnahme des Instituts wird auch der Darstellung im FAZ-Artikel widersprochen, es gebe eine spezielle Studie zur Gewalt an Waldorfschulen. Im Rahmen einer in elf Landkreisen und Städten 2005 realisierten Schülerbefragung seien auch 520 Waldorfschüler mit erfasst worden. Für Vorträge an Waldorfschulen seien dann Schaubilder mit Daten erarbeitet worden, die sich speziell für diesen Schultyp ergeben hätten. Nur diese Abbildungen hätten dem Autor offensichtlich vorgelegen.

Danach gibt es an Waldorfschulen tatsächlich – wenn man nur die einfachen Körperverletzungen wie Schlagen oder Treten betrachtet - die höchsten Opferraten mit 23,7 Prozent im Vergleich zu 12,7 Prozent an den Hauptschulen. Ein ähnliches Bild ergebe sich bei der Zerstörung von Eigentum, wo 18,7 Prozent der befragten Waldorfschüler angaben, dass sie Opfer von solchen Delikten geworden seien gegenüber nur 11,4 Prozent der Hauptschüler.

Offenkundig sei es so, dass an den Waldorfschulen eine „vergleichsweise kleine Gruppe von gewalttätigen Schülern als Mehrfachtäter“ beim Schlagen oder Treten aktiv sei. Dieser Befunde habe die Forscher „nicht überrascht“, schreibt Pfeiffer. Auffallend sei nämlich, dass die Waldorfschüler mit einem Prozentsatz von 36,1 Prozent am häufigsten von allen befragten Schülern aus Ein-Eltern-Familien kommen, d.h. nicht mit beiden Elternteilen zusammenleben. Hier beträgt der Durchschnittswert von allen Schulen 29,6 Prozent.

Die Datenanalyse zeige insgesamt, dass es gerade Schüler aus solchen Familien seien, die an Schulen besonders häufig durch Gewalttaten auffielen. Trotzdem bescheinigt die 520 Waldorfschüler ihren Schulen ein „weitgehend friedliches Schulklima“. Es sei „umso bemerkenswerter“, dass die befragten Waldorfschüler nur zu 5,1 Prozent über massives verbales Mobbing durch Mitschüler klagten, womit sie weit unter den Vergleichsquoten der anderen Schulen mit 12,2 Prozent lägen.

NNA/end/ung

Link: www.kfn.de

Bericht-Nr.: 070716-01DE Datum: 16. Juli 2007

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