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Kommunikation mit dem KunstwerkDie Documenta 12 forderte den aktiven Besucher – Ist es zeitgenössisch, nur weil es neugierig macht? - Ein Abschiedsbesuch auf der umstrittenen Kunstschau Hundert Tage lang waren in Kassel Kunst und Kultur zu sehen und zu erleben – daneben aber auch etwas Anderes, das neue Begriffe braucht. Für NNA hat Edith Willer-Kurtz der umstrittenen Documenta 12 einen Abschiedsbesuch abgestattet. Was war Besonderes an der Schau, die beim Auftakt von der Süddeutschen Zeitung als waldorfähnlich und ans Esoterische grenzend klassifiziert wurde? KASSEL (NNA). Lange Texttafeln sollten nicht in Konkurrenz zum Kunstwerk stehen. Die Betrachter „mögen den Blick öffnen“ so hieß es in der Ausstellungskonzeption von Ruth Noack, der Kuratorin und Roger M. Buergel, dem künstlerischen Leiter. Die direkte Erfahrung vor dem Kunstwerk wurde favorisiert und eventuelle Lücken wurden in Kauf genommen mit der Forderung nach Bildung, einer Bildung, die zwischen staatlicher Verantwortung und Selbstsorge austariert werden will. Die Documenta 12 hatte mit einem umso engagierteren Vermittlungsprogramm gezeigt, was sich 100 Tage präsentierte, denn: „Die Bedeutung eines Kunstwerkes ist nicht gegeben, sie muss immer wieder hergestellt werden in einem potentiell unabschließbaren Prozess, der vielleicht mehr mit Bereitschaft als mit Kennerschaft zu tun hat.“ Verschiedene Angebote, Führungen, Formate von Kunstvermittlung wurden gemacht, die dieses Engagement unterstützten und zu gemeinsamer Erfahrung und Auseinandersetzung mit der Weltkunst einluden. Ästhetische Bildung beginne weniger mit Lektüre und faktischem Wissen als mit dem Einbringen der eigenen intellektuellen und emotionalen Ressourcen, hieß es. Kunst noch in traditioneller Weise - als Chance zur Befriedigung derer, die Tradition, Geschichte und Kulturen bevorzugen, war im Schloss Wilhelmshöhe als ständige Ausstellung oder als künstlerischer Unterbau der Dokumenta 12 zu sehen. Schloss Wilhelmshöhe war dieses Mal erstmalig Dokumenta-Ausstellungsort. Manch einem schien der Text von Claudio Ptolemæus, (ägyptischer Gelehrter ca. 100 – 178 n Chr.) auf der bemalten Tischplatte von 1533 von Martin Schaffners wie ein Wink, wo es hieß: „Ein Jeder merke mit Sorgfalt hierbei; (Es gibt) Sieben Farben und Freie Künste; Sieben Zeichen(Planeten) und Metalle; Sieben Tage der Woche; Sieben Tugenden, die sind gut; Wehe dem, der die Zeit unnütz vertut.“ Ein Stockwerk höher, im Rembrandt-Raum hing neben dem Selbstbildnis Rembrandts eine Fotographie in Mehrfachbelichtung von Zofia Kulik aus Polen, „The Splendour of Myself“ von 1997. Andere Besucher fragten sich: „was ist zeitgenössisch?“ 500 Kunstwerke trafen Menschen aus aller Welt, Teenies, Großfamilien, Paare und Singles. Wenn Ungewöhnliches neugierig macht, ist das schon zeitgenössisch? So ging denn ein Besucher, ein Kunstinteressierter, der sich zu einer Führung nicht vorher angemeldet hatte, und leer ausging, weil am Besuchstag alle ausgebucht waren, vom Infocontainer in einen der Ausstellungsorte, das Museum Fredericianum. Auf den Treppen vor dem Museum und rund um den davor liegenden Friedrichsplatz waren überraschend viele Jugendliche zu finden. Die Stadtjugend hat sich den Platz zum Ort der Begegnung gemacht, hier traf man sich und während der 100 Tage auch die von der großen, weiten Welt. Hinein ins Museum! Ja! Die große, weite Welt auf der Dokumenta12? Wie viele Länder waren wohl vertreten, wie viele Kulturen, wie viel verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten künstlerischen Schaffens und der Ergebnisse des seinerzeit durch Joseph Beuys eingebrachten, erweiterten Kunstbegriffs? Das Spektrum ließ kaum zu wünschen übrig, eher die Aufnahmefähigkeit des Besuchers und die Bereitschaft „das Werk“ wirken zu lassen. Gemurmelt, gewitzelt und gebrummt wurde häufig. Oder: In einem anderen Raum waren ein paar Jugendliche. Der Raum war eingefärbt durch Folie an den Fenstern, die weißen Wände spiegelten die Farbe rot und die Landschaft draußen war auch ganz grün-rot. Ein schwarz eingefärbtes Transistorradio ohne Klang, schwarz nimmt es nichts an von der Rotfärbung, stand am Boden. Was soll´s? heißt es. Vielleicht waren die Jugendlichen abgestumpft durch Discobeleuchtung und könnten Raumfarbunterschiede nicht mehr erkennen oder war das nur eine momentane Ermüdungserscheinung? Wären sie im Wellness-Center gewesen, würden sie die Farbtherapie vielleicht aufgesaugt haben, dankbar dafür die Stimmung erhellend. Es gab ja noch so viele andere „Kunst-Werke“. Im Park konnte man durch einen Großrahmen Landschaft oder „Himmel“ oder doch nur Wolken schauen, das war dann Ansichtssache oder Blickwinkel. Wollte der Künstler das erleben lassen, der Möglichkeiten schaffende Künstler? Außerdem gab es schon „Werke“, die wegen Informationen sozialkritischer, politischer und ethischer Art Aufmerksamkeit erweckten, Aufstand in Lateinamerika, dokumentiert in Bild und Wort, Fotodokumentationen, die für sich sprachen zum Beispiel von Lidwien van de Ven. Auf einer angelegten Wiese auf Brusthöhe sind Samentüten zu finden in vierfacher Größe zu den handelsüblichen. Die Pflanzengattung mit Bild auf der einen Seite, den Umgang aus weltwirtschaftlicher Sicht auf der anderen – versehen mit der anprangernden Information, institutionell belegt, wegen Ungerechtigkeiten, Ausbeutung und ethnischer Schändung. Kaum einer kann sich entziehen als User, alle sind angesprochen. Hat es Wirkung als aufmerksam machende Information? Viele Betrachtungswillige lasen an dieser Stelle die Texte der einzelnen Samentüten, den kreativen Protest. An dieser Stelle ist wohl Beuys Vorreiter gewesen, als aufmerksam machender Aktivist. Maschinenteile, Formen aus Tierhaaren, Blättern, Lehm und anderen Naturmaterialien, aus einem Land, das über eisenerzverarbeitete Materialien oder Kunststoffen nicht verfügt. Was will uns die Präsentation sagen? Ein anderes Beispiel: Ein etwa 8 Meter langer Kahn gebaut aus Plastikkanister und kleine Fetische platziert vor Palmenstrand-Fotowand, die das Sehnsuchtsklischee bedient. Am Strand stehen aber auch magere Afrikaner. Plastikkanister dem gegenübergestellt kann den Mut eines Künstlers zeigen, sich ohne andere Materialien in zivilisierten Ausstellungshallen zu präsentieren, kann aber auch die Relation ansprechen von Haben und Vermögen. Oder ist die Sehnsucht der Zivilisierten hin zur Insel und die Sehnsucht des Inselbewohners nach Mobilität und Anschluss an die Zivilisation angesprochen? Zu lesen ist das Sprichwort in der Landessprache: Du bist verloren, wenn du gehst, du bist verloren wenn Du bleibst, dann geh lieber und sterbe im Boot Deiner Träume. So ist der Titel des Werkes von Romuald Hazoumé doch zu den Mageren am Strand gerichtet. Aber: wo waren eigentlich die Großen Bekannten, Berühmten unserer Zeit? Wollten die nicht zur Schau stehen? War die Dokumenta eine Entdecker-Ausstellung? Der Besucher als Indiz? Nein, die Ausstellung war gedacht als ein Medium. Bei der Frage nach zeitgenössischer Kunst tauchte auch die Frage auf nach dem zeitgenössischem Publikum und der Gegenwart, somit sollte Kunst Erfahrung eines Lebenßusammenhangs werden. Da haben wir eine Übereinstimmung gefunden. Heißt es doch, der chinesische Künstler Ai Weiwei, der mehr noch über seine im Sturm veränderte Skulptur Furore machte als mit seiner Aktion Fairytale, wobei mit Beginn der Ausstellung einen Monat lang 1001 Chinesen zu Gast in Kassel waren und wie eine typische Touristengruppe die Stadt belebten. Zu den Herangehensweisen von Ai gehört es, Prozesse zu begleiten und anzustoßen: In diesem Fall, um eine gewaltfreie, aber unübersehbare Begegnung zweier verschiedener Kulturen an einem konkreten Ort herzustellen. Damit wollte er Märchen über die Möglichkeiten menschlichen Austausches erzählen - aber auch Ängste und kulturelle Missverständnisse abbauen und spielerisch ein anderes Bild herstellen. Eine 1001 köpfige, soziale Skulptur ist ein Ereignis, Teil eines Gewebes menschlicher Bezüge. 1001 gesammelte und restaurierte Holzstühle der Qing-Dynastie(1644-1911) standen gruppenweise verteilt in den Ausstellungsorten als sichtbarer Abdruck der Chinesinnen, übernahmen aber auch die neue Funktion, Sitzgelegenheit für den Besucher zu sein. Kunst versteht Ai auch als einen visuellen Abdruck von Gedanken. Wenn das nicht geisteswissenschaftlich verstanden wurde, so konnte das ein Wegweiser sein für den weiteren Gang über die Dokumenta 12. Beim Ausgang hörte man das Resumee von manchem: „Ist nichts Besonderes dabei, ich war in viereinhalb Stunden durch!“ Kann das sein, bei 500 Exponaten von über 100 Künstlern? Kunst, Kulturdokumente, Installationen, Gemälde, Fotos, Skulpturen, Videos, Filme, Diskussionen und Foren. Sicher ist da manchmal zu suchen, wo die Güte steckt, ist vielleicht erst im Nachsinnen zu realisieren. Von über 700.000 Besuchern, die gezahlt hatten, sind unschätzbar viele Möglichkeiten der Auseinandersetzung mit den 500 Werken von über Hundert Künstlern erlebt worden, von Begeisterung bis Verärgerung und vielen Zwischenstufen. Kaum einer hat die ihm auftretenden Fragen gezählt, erst recht nicht die „gefundenen“, innerlich und außerhalb auftretenden Vermutungen, Kommunikationen mit dem Kunstwerk. Und: wie hat der Nächste das Gesehene wahrgenommen ? Wenn das Publikum weitere solche Angebote erleben könnte, könnte es einmal dazu übergehen, im Moment der zeitlich gemeinsamen Wahrnehmung außutauschen, als Bereicherung, als Erlebnis, dass der Andere anderes sieht und assoziiert und das annimmt als Vielfalt der Möglichkeiten, mit Toleranz, als Anlass zum Umgewöhnen. Einem Austausch könnte diese Ausstellung Documenta12 einen Anfang gesetzt haben. Vorerst bleibt die Möglichkeit, jeder für sich nachzubreiten, im Katalog, im Documenta Bilderbuch, im Magazin, im Netz, auf der Website des Hauptsponsor Saab und in dem nachträglichen Austausch mit anderen Documenta-Besuchern. Wie viele Verständnisversuche konnten den eigenen Horizont erweitern. End/nna/ung/wil www.documenta.de Bericht-Nr.: 071019-04DE Datum: 19. Oktober 2007 © 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ 8,4 Millionen Euro für den „Leuchtturm“ im BildungswesenSoftware AG-Stiftung stockt die Unterstützung für die Alanus-Hochschule um mehr als das Doppelte auf – Zukunftsweisende Studienangebote gewürdigt ALFTER/DARMSTADT (NNA). Zusätzliche 8,4 Millionen Euro stehen der Alanus Hochschule in Alfter in den nächsten vier Jahren für ihren Studienbetrieb zur Verfügung, nachdem Vorstand und Kuratorium der Darmstädter Software AG-Stiftung eine Erhöhung ihrer Fördersumme beschlossen haben. Dies teilte die Hochschule in Alfter mit. Die Stiftung begründete dies mit der „Leuchtturmfunktion“ der privaten Hochschule in der Bildungslandschaft. “Die Alanus Hochschule hat in den letzten Jahren eine bedeutende Entwicklung durchgemacht und sichtbare Erfolge errungen. Ihr Bildungsansatz und insbesondere ihre pädagogischen Studienangebote sind zukunftsweisend”, erläuterte Horst Philipp Bauer, geschäftsführender Vorstand der Software AG-Stiftung, die Entscheidung. Seit Oktober 2006 erhält die Hochschule bereits eine jährliche Förderung von rund 1,6 Millionen durch die Stiftung. Durch die gestern bewilligte zusätzliche Fördersumme wird der Umfang der Förderung somit mehr als verdoppelt. Die zusätzlichen Gelder ermöglichen vor allem den Ausbau des akademischen Personals, sowohl in den künstlerischen Studiengängen, als auch in den neuen Masterprogrammen und im Lehramtsstudiengang Kunst. Bis zum Jahr 2010 soll die Zahl der Professorenstellen von derzeit 22 auf 41 ansteigen. Bei den künstlerischen und wissenschaftlichen Mitarbeitern sollen weitere acht volle Stellen geschaffen werden. Die Alanus Hochschule ist seit Juli diesen Jahres Stiftungshochschule. Sie wird von der Alanus Stiftung getragen, die über ein Stiftungsvolumen von sieben Millionen Euro verfügt, das systematisch ausgebaut werden soll. Dem Vorstand gehören Helmut Habermehl von der Software AG-Stiftung, Herbert Meier von der GLS-Treuhand und Götz Rehn von der Alnatura GmbH an. Trägerin des Hochschulbetriebes ist die gemeinnützige Alanus Hochschule GmbH. Ihr Jahresetat beträgt rund fünf Millionen Euro. Davon werden circa vierzig Prozent durch Studiengebühren gedeckt und zehn Prozent durch das Weiterbildungs- und Tagungßentrum erwirtschaftet. Die Hälfte der Kosten des Studienbetriebes wird über Spenden und Stiftungsgelder finanziert. End/nna/ung Bericht-Nr.: 071019-03DE Datum: 19. Oktober 2007 © 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Diskussion um Indizierungsverfahren: hätte die anthroposophische Bewegung handeln müssen?FRANKFURT (NNA). Innerhalb der anthroposophischen Bewegung hat die Entscheidung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien eine Diskussion darüber ausgelöst, ob die Bewegung nicht längst hätte das Problem selbst in Angriff nehmen und die beanstandeten Texte von Rudolf Steiner mit einem Kommentar versehen können. Die Prüfstelle hatte entschieden, dass zwei Schriften von Steiner wegen Stellen, die rassistische Elemente enthielten, nur noch mit Kommentierung erscheinen dürfen. Jens Heisterkamp, Chefredakteur der auflagenstärksten anthroposophischen Zeitschrift INFO3 vertritt in einem Kommentar in der neuesten Auflage die Auffassung, dass eine kritische Kommentierung der beanstandeten Passagen im Werk Steiners schon längst hätte erfolgen können, nachdem bereits vor fast zehn Jahren eine von den niederländischen Anthroposophen eingesetzte Untersuchungskommission unter Leitung des Den Haager Menschenrechtsexperten Ted A. van Baarda sich mit dem Thema befasst und entsprechende Empfehlungen ausgesprochen hatte. Der Rudolf Steiner Verlag habe trotz dieser Empfehlungen bei anstehenden Neuauflagen problematische Passagen bei Steiner lediglich mit kritischen Kommentaren versehen, den jetzt beanstandeten Vortragsband jedoch unverändert im Handel gelassen. Fragwürdiger noch sei das Verhalten des Bundes der Freien Waldorfschulen gewesen, der „die Erkenntnisse unserer niederländischen Freunde seither komplett ignorierte“. Nun müsse auf Druck von außen hastig nachgeholt werden, was man „längst aus eigener Kompetenz und – sicher auch schmerzlicher – Einsicht hätte tun können“. Auch die Anthroposophische Gesellschaft kritisiert Heisterkamp. Sie lasse „in der Öffentlichkeit nicht das Geringste von sich vernehmen“ und „überlasse Kritikern und Gegnern kampflos das Feld“, schreibt er. Landauf, landab tauche das Thema Anthroposophie in den Medien auf, aber die in Deutschland dafür verantwortliche Gesellschaft komme als Betroffene nirgends zu Wort. Das Gutachten der niederländischen Kommission war im Herbst 1999 veröffentlicht worden. Sie war zu dem Ergebnis gekommen, dass etwa 60 Stellen zum Thema Rassen im rund 89.000 Seiten umfassenden Werk Steiners nach heutigem Sprachgebrauch für andere Völker missverständlich oder sogar beleidigend sein könnten. Die Zitate stammten allerdings überwiegend aus Vorträgen, die nicht von Steiner selbst niedergeschrieben oder korrigiert worden sind. In den schriftlichen Werken Steiners hatte die Kommission keinen Anlass zur Beanstandung gefunden. Die niederländische Kommission hatte aber auch deutlich klargestellt, dass von einer Rassenlehre, die die Höherwertigkeit einer Rasse annehme und andere diskriminiere, im Werk von Rudolf Steiner keinesfalls die Rede sein könne. Ganz im Gegenteil gingen die ethisch-philosophischen Grundannahmen der Anthroposophie von der Gleichwertigkeit aller Menschen aus. End/nna/ung Bericht-Nr.: 071019-02DE Datum: 19. Oktober 2007 © 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Nahtod-Erlebnisse als Blick in eine andere Wirklichkeit700 Besucher bei Kongress der anthroposophischen Heilberufe zum Thema Ethik des Sterbens in Berlin – Paradigmenwechsel in der Forschung gefordert Von NNA-Korrespondentin Edith Willer-Kurtz BERLIN (NNA). Um mehr Sicherheit im Umgang mit dem Phänomen des Todes, um eine Ethik des Sterbens ging es rund 700 Besuchern, die sich Mitte September in Berlin zum Kongress „Nah-Tod-Erlebnisse, ein Blick in die andere Wirklichkeit?“ in der Urania zusammengefunden hatten. Beim Podiumsgespräch und unter den Besuchern waren auch Menschen, die aus eigener Erfahrung von Nah-Tod-Erlebnissen berichten konnten. Zum zweiten Mal fand in Berlin ein Kongress zu einem solchen Thema statt, Veranstalter waren u.a. die Medizinische Sektion am Goetheanum, Schweiz, der Verein gesundheit aktiv - anthroposophische heilkunst e.V., der Verband für Anthroposophische Pflege, das Sozialwerk der Christengemeinschaft und das Gemeinschaftshospiz Christopherus, Berlin. Matthias Girke, Internist am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und Vorstand der Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Deutschland gab einen Überblick über das Thema in der Literatur: im Totenbuch bei Osiris, im Politaia-Bericht, bei Swedenbourg, C. G. Jung und Rudolf Steiner erfährt man von Nah-Tod-Erlebnissen. Im 20.Jahrhundert berichteten Kübler-Ross und Moody von diesem Phänomen. Als Momente des Sterbens würden beschrieben: Stille, inneres Lächeln, Harmonie, Glück, Licht und Friede, die sich ausdrücken. Über die Sinne trete der Mensch in sein neues, anderes Leben ein. Ein Patient, so verdeutlichte Girke, habe diese Erfahrung als „unräumlich“ bezeichnet. Es komme zu einer „Umwandlung in die spirituelle Blickrichtung“. Eine Lebensübersicht ähnlich einem Tableau, in das man hineingehen könne zeige, was das eigene Tun für eine Bedeutung für den Anderen und die Welt gehabt habe. Man erlebe es so, als ob man in die Haut eines anderen schlüpfe. Für die innere Beurteilung des eigenen Tuns werde das Bewusstsein aus dem Umkreis heraus mit den Konsequenzen gegenüber den anderen erfahren. So ergebe sich eine Umwandlung in die spirituelle Blickrichtung. Wichtig sei für die Arzte und Betreuer, wachsam zu sein für die Gesten und Bildsprache des Ablebenden; was da innerlich geschehe zum Beispiel, wenn er erlebe, dass der Mensch sein Nachthemd außieht, sein irdisches Gewand außieht. Letzte Worte könnten da von ganz anderen Perspektiven erzählen, haben metaphorischen Charakter. Manch einer gehe da durch die Sphäre der Schuld, habe noch Zwischenmenschliches zu ordnen, das könne über einen Blick oder eine Hand, die noch gereicht werde, heilend wirken. Heilung sei verbunden mit seelischem Kraftgewinn. Eine weitere Ebene bei dem Ablebenden sei eine Verdichtung seiner Fähigkeit, denn im Moment des Sterbens werde er am authentischsten als Mensch, denn jeder trage die Selbstwerdung in sich. Eine hohe Sensibilität sei nötig um wahrzunehmen, dass der Ablebende bei leiblichen, brennenden Schmerzen, bei Angst vor Isolation in der Nacht, zum Beispiel auch die Kraft der Entzündung für die Loslösung aus dem Leib nutze. Zu dem medizinischen Wissen komme für den Arzt zunehmend die innere Gewissheit von der Kultur über den Tod hinaus, betonte Girke. Pim van Lommel, Kardiologe aus den Niederlande berichtete von Forschungsergebnissen zu Nah-Tod-Erlebnissen. Beispiele aus seiner medizinischen Praxis warfen Fragen auf über die Kontinuität des Bewusstsein über den Herzstillstand oder der Phase der Bewusstlosigkeit während eines vollständigen zeitweiligen Verlusts der Hirnfunktion hinaus. Zahlreiche Berichte von Patienten nach einem solchen Zustand erzählten von der lang anhaltenden Wirkung weniger Minuten. Hinzu kamen außerkörperliche Erfahrungen, Patienten sahen sich auf dem OP-Tisch von oben, berichteten von einem holographischen Lebensrückblick, hatten in der „Nonlokalität“ eine dreidimensionale Einsicht in Ursache und Wirkung. Einige begegneten verstorbenen Verwandten. Eine bewusste Rückkehr in den Körper meist durch den oberen Teil des Körpers wurde als bedrückend, als Einschränkung und körperliche Begrenztheit erlebt. Alle Beispiele hätten dazu geführt, keine Angst mehr vor dem Tod zu haben, meinte van Lommel. Das endlose Bewusstsein sei nicht auf Gehirnfunktionen angewiesen, folgerte der Kardiologe. Außerkörperliche Erfahrungen dürften nicht als Halluzinationen, Sinnestäuschung oder Illusion angesehen werden. Ergänzend erwähnte er, dass dieses erweiterte Bewusstsein erfahrbar sei während Nah-Tod-Erlebnissen, aber auch bei Todesangst, Meditation, tiefer Entspannung, Regressionstherapie, Hypnose, Isolation oder Drogen wie LSD. Lommel verglich das „non lokale Bewusstsein“ mit elektromagnetischen Wellen. Man sei sich ihrer nicht bewusst, sie befänden sich aber in ständigem Austausch von Informationen, die letztlich auf Fernseher, Mobiltelefon, Radio oder Laptop erscheinen. Diese technischen Einrichtungen produzierten jedoch keine Informationen, sie empfangen sie nur. So wäre nach Lommel zu Forschen nach neuen Mysterien, statt alten Konzepten nach zuhängen. Viele Ärzte hielten von solchen Berichten nichts, hieß es, oder wollen nicht daran glauben, doch ein erster Schritt wäre für diese Ärzte, so Lommel, ohne Kommentar und Vorurteile zuzuhören, was die Patienten von ihren Nah-Tod- Erlebnissen berichten. Lommel sprach sich aus für einen Paradigmenwechsel in der Forschung. Denn viele Fragen tauchten auf, unser Bewusstsein bewege sich in einer Dimension jenseits unserer normalen Vorstellungen von Raum und Zeit. Das neue Bewusstsein sei nur ein Teil eines höheren oder kosmischen Bewusstseins. Es gäbe Anlass, den Menschen die Verantwortlichkeit dafür zu zusprechen, die Macht der Liebe zu leben. Im Podiums- und Plenumsgespräch verstärkten sich die Forschungsergebnisse durch Schilderungen von Betroffenen. Immer wieder wurden sie eingeschränkt durch den Zusatz, das Erlebte nicht wirklich mit Worten beschreiben zu können. Die erlebte Helligkeit beschrieb beispielsweise eine Teilnehmerin als so ein Strahlen, dass in ihr der Wunsch entstanden sei, dorthin zu wollen, im Licht aufzugehen. Lange habe sie, sich als „Beschenkte“ fühlend, danach nichts davon erzählt, es als Kostbares gehütet. Nah-Tod- Erlebnisse verblassen nicht, das sei auch ein Indiz. Eine geringe Anzahl von Nah-Tod-Erlebnissen zeichnet sich aus durch das Gefühl des bedroht Werdens, durch Angst, Schuld oder Dunkelheit, auch dies wurde berichtet. Dieses neue Ergreifen des Lebens würde dann als neue Chance gelebt. Betroffene berichteten: „das Universum enthüllte sich, Frieden, Herrlichkeit, Eintauchen in göttliche Energie und Teil vom großen Ganzen zu sein“. Zurück im Leben, so Betroffene im Plenumsgespräch, sei als eher ungut erlebt, erstmal habe es gegolten, wieder den Alltag zu lernen. Die Sensibilität sei feiner geworden um ein Vielfaches, schnelleres Denken als zuvor sei möglich geworden, aber anfangs seien auch Schlafstörungen und Kopfschmerzen aufgetreten. Die Offenheit der Betroffenen war Teil ihrer Botschaft: Licht und Liebe weiterzuschenken, weiter zu tragen, da auch das Leben genauso kostbar sei. Michæla Glöckler ist Kinderärztin und seit 1988 Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Dornach, Schweiz. Die spirituelle Dimension der Todesnähe schilderte sie aus persönlichen und beruflichen Erfahrungen. Es sei unterschiedlich, wie Erwachsene sterben. Manche zögen sich in sich zurück, manche brauchten Beistand, wenn sie mit Dämonischem kämpften, denn die zerstörerischen Kräfte seien da. Die gezielte Destruktion mache Platz für Neues, war eine Erklärung; Tags gehe es auch so: Wenn man genug abgebaut habe wird man müde, schläft bewusstlos, und der Nervensinnesorganismus baut wieder auf für den neuen Tag. „Beim Annähern an die Todesschwelle kann man, muss man, darf man lernen, dazu ein individuelles Erleben zu haben“ betonte Glöckler, dann sei zu spüren, „ich werde meinen Tod sterben, ich trage ihn schon in mir“. Wenn sich das ätherische Energiefeld auflöst und man sich damit verbindet, was mit dem Wesen verbunden war, das was man geworden ist, so wird das aufgenommen von der Intelligenz des Kosmos. Im Kamaloka , während 20 Jahren erlebe man noch mal von der anderen Seite, welche Gefühle der Andere hatte durch das, was erlebt wurde. Dabei entschließe man sich zu mehr Menschlichkeit und Liebe, Wärme und Kältesituationen fühle man noch und lerne loßulassen, trotz Sehnsucht nach dem Leben. Was man bereute, erlebe man als Wärme, als brennende Entbehrung. Als Kälte empfinde man, dass man seinen Willen nicht mehr auf Erden erleben könne. Sterben könne auch gelernt werden, so könne das individuelle autonome Bewusstsein zum Weltbewusstsein sich entwickeln, zu einem spirituellen Selbstbewusstsein. Mit der Ruhe, um „in uns Selbst werden zu können“ im Leben, was wir brauchen um arbeitsfähig zu sein und um charakterlich standhaft zu sein, üben wir, unseren „höheren Menschen“ näher zu kommen, so Glöckler. Gedanken als spirituelle Kräfte könnten dann empfunden werden wie eine Geistberührung und können reifen hin zum Tode, zur Geburt des Geistes. End/nna/wil/ung www.ethikkongress.de Hinweis: An vier Wochenenden bieten die Veranstalter 2008 eine Fortbildung auf der Grundlage der Anthroposophie an „Spirituelle Begleitung Sterbender“ für Hospizmitarbeiter, Ärzte, Pflegende, Priester, Therapeuten in Berlin. Nähere Informationen über www.anthro-pflegeberufe.de oder eMail: britta.ulzhoefer@arcor.de . Bericht-Nr.: 071019-01DE Datum: 19. Oktober 2007 © 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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