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Berlin: Diskussion um Zander-Buch kontrovers aber sachlich
BERLIN (NNA). Mit dem Erscheinen des Buchs „Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung und Praxis 1884- 1945“ hat die Anthroposophie im zu Ende gehenden Jahr erstmals das Terrain der akademischen Wissenschaft in Deutschland betreten. Autor Helmut Zander, Kulturwissenschaftler, Historiker und Theologe, stellt in dem 1800 Seiten Buch die Anthroposophie Rudolf Steiners in den kulturellen Kontext der Wende zum 20.Jahrhundert. Mit Spannung war das Erscheinen des Buches in der anthroposophischen Szene erwartet worden, die Reaktionen darauf waren äußerst kontrovers. Anfang Dezember diskutierte Helmut Zander – Privatdozent an der Humboldt-Universität in Berlin- mit Johannes Kiersch vom Institut für Waldorfpädagogik einen Abend lang in der Kreuzberber Waldorfschule. Achim Hellmich war dabei. Der Saal war gut gefüllt, eine abwartende Spannung, aber keine negative Stimmung wurde spürbar, als sich die beiden Kontrahenten auf der Bühne begrüßten. Die Moderation von Dorion Weickmann gab dem Abend, wie sich bald zeigte, eine klare Gliederung, steuerte nachsichtig und akzentuierte eher vorsichtig. „Wie läßt sich Anthroposophie wissenschaftlich untersuchen oder auch vertreten? Was ist Anthroposophie und woher kommt sie? Was sind ihre Quellen und Hintergründe?“ An diesen Leitfragen entzündete sich die Diskussion und im Verlauf des Abends wurden die unterschiedlichen Positionen deutlich. Johannes Kiersch als Vertreter der Anthroposophie betonte, auch Steiner habe irren können und „absolute Wahrheiten“ seien zu hinterfragen. Er erläuterte das an verschiedenen Beispielen. Auch habe Rudolf Steiner in seiner Vortragsarbeit die Menschen, zu denen er sprach, immer „da abgeholt, wo sie waren,“ so seien die „Arbeitervorträge“ in einem anderen Duktus gehalten als Ansprachen vor Mitgliedern. Helmut Zander dagegen blieb durchgängig bei seiner Auffassung, Rudolf Steiner erhebe letztendlich immer den Anspruch auf absolute Wahrheit und deren Verkündigung. So erlebte das Publikum die paradoxe Situation: der Vertreter der akademischen Wissenschaft schien Steiner zu verteidigen, während der Anthroposoph Johannes Kiersch dessen Aussagen relativierte. Die Auflösung dieser Situation zeigte sich bald: Es war das völlig unterschiedliche methodische Herangehen an Steiners Werk und an seine Person. Zander läßt nur den, wie er sagt, objektiv-wissenschaftlichen Blick von außen zu, das führt zu einer ausschließlichen Wahrnehmung des kultur-historischen Kontexts von Steiners Werk. Durch diese Methode besteht Steiners eigenständige Leistung, die Zander nicht bestreitet, lediglich darin, Zeitströmungen aufzugreifen, kulturelle Menschheitsimpulse zu verbinden und alles bereits Vorliegende in neue Zusammenhänge und Formen zu bringen. Überhöht wird dies alles von Steiner, wie Zander sagte, durch den Anspruch der absoluten Wahrheit. Da sich diese aber der menschlichen Erkenntnis entziehe, basiere Steiners esoterische Lehre auf einem grundlegenden Irrtum. Kiersch dagegen betrachtete die Anthroposophie von innen, aus den Prozessen der Entwicklung und Erneuerung heraus. Er erkennt an, dass Erkenntnisse von Steiner durch Imaginationen gewonnen werden. Es sei gerade die Ebene der Intuition, die zu letzten Wahrheiten führe. Kiersch gebrauchte für die Intuition das Bild des „Verschmelzens mit dem Dingen, dem Sein, der Wahrheit“ und auch das Bild der unterschiedlichen Schleier, die die Wahrheit umhüllten und die entsprechend schwer zu durchdringen seien. Insofern müsse man die Frage nach der „absoluten Wahrheit“ bei Steiner differenzieren. Indes, folge man Steiner auf dieser Stufe der Intuition, so seien diese Wahrheiten erkennbar und damit überprüfbar. Für Zander ist jede wirkliche Erkenntnis demgegenüber immer plural, nie absolut, er konstatierte zwar als Theologe, dass es eine absolute Wahrheit geben müsse, aber „es gibt keine Möglichkeit des Menschen, diese zu erkennen“. Kontrovers blieben auch die Fragen zum „Ich-Begriff“, zur Dreigliederung und zur Evolutionstheorie. So erlebte das Publikum in Berlin einen intensiven Diskussionsabend, an dem es sich auch selbst rege beteiligte. Polemische Zuspitzungen blieben aus, sowohl Kiersch als auch Zander waren aufmerksame Zuhörer und zugewandte Diskutanten, denen es eher um das Verstehen der anderen Position ging und nicht um eine Art Rechthaberei. Helmut Zander wehrte sich in Berlin außerdem vehement gegen den Vorwurf, er „wetze gegen die Anthroposophen das Messer“. Die Genese des historischen Wissens und die Kontextualisierung wende er auf alle Gebiete der Forschung an. end/nna/hel/ung Bericht-Nr.: 071227-01DE Datum: 27. Dezember 2007 © 2007 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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