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„Die psychische Belastung ist fast nicht zu bewältigen“
Lehrer der Waldorfschule Chengdu berichten über Hilfsaktion im Erdbebengebiet in Sichuan - Schulbusse fahren fürs Rote Kreuz CHENGDU (NNA). In Sichuan, in der Stadt Chengdu liegt die einzige Waldorfschule in China. Die Schulgemeinschaft stellte in den Tagen nach dem Erdbeben unmittelbar Berichte über die Situation auf ihre Website. Sie vermitteln ein Bild vom Alltag und den seelischen Belastungen der Menschen in Chengdu. Übersetzt hat sie die deutsche Sinologin Astrid Schröter, die seit knapp einem Jahr an der Waldorfschule unterrichtet. Waldorflehrerin Zhang Li schreibt ihren Bericht am sechsten Tag nach dem Erdbeben. „Es geschieht aber so viel in diesen Tagen, dass wir das Gefühl haben, es müsste schon ein Monat vergangen sein. Obwohl sich die Regenwolken am Himmel verzogen haben und obwohl inzwischen internationale Rettungsteams in den betroffenen Gebieten sind, bleibt doch ein beklemmendes Gefühl im Herzen zurück. Die psychologische Betreuung der Geretteten und der Angehörigen der Opfer scheint fast nicht zu bewältigen, so groß ist der Bedarf.“ Einige der Waldorflehrer sind in einem Krankenhaus in Chengdu, um schwerstverwundete Kinder zu betreuen, die mit dem Helikopter eingeflogen wurden. Diese Kinder haben keinerlei Nachricht von ihren Eltern, manche von ihnen sind möglicherweise schon Waisenkinder. Zhang Li berichtet weiter: „Ein 12-jähriges Mädchen hat aus eigener Kraft einen Weg gefunden, aus den Trümmern heraußukriechen. Aber ihr linkes Bein wurde dabei so schwer verletzt, dass es amputiert werden musste. Sie ist immer noch wie außer sich, manchmal weint sie bitterlich, manchmal schreit sie. Ihr Name wird so ausgesprochen wie der Name eines unserer Kinder aus der 6. Klasse, wenn auch die chinesischen Schriftzeichen andere sind. Mit der Hilfe unseres Lehrers Li Zewu hat sie sich etwas beruhigt. Als unsere Lehrerin Yang Rong sich um sie kümmerte, sagte das Mädchen mit einem Mal zu ihr: “Mama, Mama, darf ich Dir einen Kuss geben?” Allen Umstehenden standen die Tränen in den Augen. Andere drei- und fünfjährige Kinder werden von unseren Kindergärtnerinnen Xiao Gao, Mengmeng, Xiao Yan und Su Chen betreut. Die Kinder sind schwer verletzt, sie rufen ununterbrochen nach ihrer Mutter.“ Andere Waldorflehrer unterstützen die Krankenhausleitung bei der Anleitung der ungelernten freiwilligen Helfer. Zhang Li: „Wir versuchen, auf diese Weise ein System einzuführen, so dass die Kinder nicht alle paar Stunden von neuen Freiwilligen betreut werden, sondern langfristig die selben Menschen um sich haben können“. Für die Helfer stellt die Situation eine ungeheure Kraftprobe dar: „Aber auch wir brauchen Ruhe und Abstand, so dass wir die 24 Stunden des Tages in einen festen Betreuungsrhythmus gegliedert haben, der uns und den Kindern hilft. Außerdem sind im Krankenhaus sehr viele Freiwillige, die keinerlei Erfahrung haben“, schreibt Zhang Li. Im Kollegium der Waldorfschule habe man daher Regeln besprochen die es einzuhalten gelte, wenn man als Freiwilliger anderen helfen wolle, ohne selbst hilfsbedürftig zu werden. „Höre auf Deinen Körper, wann Du Pause machen musst“, gehört dazu genau wie „Nimm Dir mindestens einmal am Tag die Zeit, richtig ausgiebig mit Deinen Kollegen Quatsch zu machen und herzhaft zu lachen.“ Und man solle auch nicht denken, dass man alle Probleme alleine lösen könne. Die beiden Schulbusse der Waldorfschule sind mit den Fahrern für das Rote Kreuz unterwegs in das Katastrophengebiet und bringen Decken, Lebensmittel und Kleidung dorthin. Viele Eltern der Schule hätten für die Hilfstransporte des Roten Kreuzes Geld gespendet. Und so ist die Lage auf dem Schulgelände: „Die Kollegen telefonieren oft mit den Eltern und besprechen mit ihnen, was sie zu Hause mit den Kindern Sinnvolles machen können. Unsere Kollegen Hongyu, Xinhua, Astrid Schroeter (Xu Xinghan), Xu Tian und unsere Küchenhilfen sind als Ansprechpartner auf dem Schulgelände und im Büro, beantworten Telefonate, kümmern sich um die Homepage, geben Interviews, aktualisieren unsere Übersichtskarte des Katastrophengebietes, damit wir wissen, welche Strassen wieder geöffnet sind, und beschäftigen die wenigen Kinder, die tagsüber hier sind, weil die Eltern es nicht anders einrichten können.“ Zwei Tage später fährt Zhang Li fort mit ihrer Schilderung: „Eigentlich möchte ich heute etwas ausführlicher über unsere Situation berichten, aber vor wenigen Minuten kam im Fernsehen und im Radio wieder eine Warnung, dass ein heftiges Nachbeben erwartet wird, so dass ich unsere Situation nur kurz darstellen kann. Chengdu ist in diesen Tagen sehr chaotisch, überall stehen Autos mitten auf den Strassen, in denen die Menschen wohnen, und alle einigermaßen freien Plätze sind voller Zelte. Etliche unserer Lehrer und Eltern sind in die Schule zurückgekehrt und wohnen hier in Zelten. Wir erleben gerade eine sehr schwere Zeit. Viele Menschen sind unendlich traurig, verzweifelt, übermüdet, hoffnungslos. Es ist eine große innere Herausforderung, vor der wir stehen.“ Die Waldorflehrer Li Zewu und Zhang Li haben inzwischen an einer Konferenz des staatlichen Erziehungsministeriums in Peking zur psychologischen Betreuung der Überlebenden des Erdbebens teilgenommen. Es sei darum gegangen, berichtet Zhang Li, mit welchen Methoden vor allem Kindern im Katastrophengebiet geholfen werden könne. Es sei etwas Besonderes, dass die Waldorfschule auf diese Veranstaltung hingewiesen worden sei, dies liege daran, dass die Waldorfpädagogik bei den Psychologen in Chengdu große Anerkennung erfahre, meint Zhang Li. Etwa ein Dutzend Lehrer nahmen dann an den Aktivitäten, die auf der Konferenz beschlossen worden waren, als Freiwillige teil. Zhang Li berichtet weiter: „Wir waren in Mianyang nördlich von Chengdu. Dort wohnen etwa dreihundert Kinder in Zelten, eine Schule wurde in Zelten eingerichtet, zahllose Kinder, Eltern und Journalisten sind dort versammelt. Ständig werden verletzte Kinder aus den betroffenen Gebieten eingeflogen. Wir überlegten, wie wir den Kindern helfen könnten. Unsere unerschrockenen und erfahrenen Lehrer machten dann mit vielen Kindern draußen Kreisspiele, Klatschspiele, Spiele zum Kennenlernen. Weil es aber so laut war, dass man seine eigene Stimme nicht verstehen konnte, machten wir Waldorflehrer vor allem Spiele, bei denen man mit Gesten alles erklären kann und es nur nachmachen muss. Wir malten auch mit den Kindern. All das war eine große Herausforderung. Viele Kinder machten einen frohen Eindruck bei den Spielen, manche lachten. Aber es gab auch Kinder, die sich zurückzogen und in sich gekehrt blieben. Viele Kinder wussten noch nicht, ob ihre Eltern noch am Leben waren. Mit den Jugendlichen organisierten wir auch Gesprächsgruppen. Für uns bleibt die Frage, was diese Kinder im Moment am Wichtigsten brauchen.“ Nach Auffassung vieler Psychologen seien die Kinder noch im ersten Stadium nach einem Schock. Als erstes bräuchten sie eine geregelte Umgebung und einen festen Rhythmus, in dem sie sich sicher fühlen. Nachdem sie neue Kleidung, Schulsachen, Blumen und Geschenke bekommen hätten, sei nun eine langfristige seelische Betreuung sehr wichtig und auch die Fürsorge für diejenigen, die ihre Verwandten verloren haben. Viele Menschen in China aus vielen Bereichen und aus den staatlichen Ministerien arbeiteten an dieser Aufgabe. Auch für Zhang Li war diese Zusammenarbeit eine ergreifende Erfahrung. Sie schreibt: „Ich habe normalerweise kein besonderes Interesse an Politik und eine eher alltägliche Haltung gegenüber der Regierung. Aber zur Zeit fallen mir die außergewöhnlich großen und menschlichen Anstrengungen der Regierung auf. Das berührt mich sehr. Ich fühle, wie durch diese Katastrophe die besten, die wahrhaftigsten und positivsten Seiten der Menschen hervortreten. Obwohl der Preis dafür unbeschreiblich groß ist, die Lebensopfer in Zahlen nicht mehr zu fassen sind, hoffe ich, dass die Seelen der Verunglückten im Himmel die große Liebe spüren können, die in dieser Zeit überall hervortritt. Wenn sie das erleben können, mögen sie sich darin geborgen fühlen.“ Jeden Morgen versammelt sich das Kollegium. „Wir machen Eurythmie und tauschen unsere Gedanken aus, um Kraft zu schöpfen für den Tag. Dann setzen wir eine Prioritätenliste auf und planen die nächsten Schritte“, schreibt Zhang Li. In einem weiteren Bericht auf ihrer Website bedankt sich die Schulgemeinschaft der Waldorfschule Chengdu für die Unterstützung, die sie seit der Katastrophe durch Freunde aus der ganzen Welt erfahren hat. Am notwendigsten sei aber die Hilfe für die am meisten betroffenen Erwachsenen und Kinder. „Als Lehrer der Waldorfschule tun wir alles, was in unseren Kräften steht, um den Kindern aus den betroffenen Gebieten zu helfen und sie fürsorglich zu betreuen. Im Huaxi-Krankenhaus in Chengdu und in Mianyang nahe des Katastrophengebietes haben wir die Tränen, das Lachen der Kinder erlebt ebenso wie die uneingeschränkte selbstlose Hilfe der Krankenpfleger, Ärzte und Lehrer.“ Zum Schluss weist die Schulgemeinschaft in Chengdu in ihrem Text noch auf die Verbindungen und Verwandlungen hin, die durch die Liebe zwischen den Menschen im Katastrophengebiet entstehen: „Sie erscheinen als unerschöpflicher, leuchtender Strom, der in uns einzieht, uns erwärmt und uns Frieden bringt.“ End/nna/ung Link: http://www.waldorfchina.org Spendenkonto der Waldorfschule Chengdu: Empfänger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e. V., Kontonummer: 39800704, BLZ: 600 100 70, Deutsche Postbank AG Weitere Spenden: www.drk.de; www.misereor.de; DRK-Spendenkonto: Konto: 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Bericht-Nr.: 080528-02DE Datum: 28. Mai 2008 © 2008 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Erdbebenkatastrophe schweißt China zusammen
Berichte über die Hilfsaktionen für Sichuan haben Olympia-Fackelzug in den Medien verdrängt – Einzige Waldorfschule Chinas in Chengdu hat keine Opfer zu beklagen Von NNA-Korrespondent Jakob Steigerwald BEIJING (NNA). So stark wie seit 30 Jahren nicht bebte die Erde in China am 12. Mai um 14.28 Uhr (Ortßeit). Das Epizentrum lag in der Provinz Sichuan ca. 1500 Kilometer von Peking entfernt. Zu diesem Zeitpunkt saß ich gerade in der Mensa meiner Pekinger Universität - etwa fünf Minuten später bekam ich eine SMS: „Gerade gab es ein starkes Erdbeben in Sichuan“. Als ich den Blick wieder vom Handydisplay hob, konnte ich noch sehen, wie die von der Decke hängenden Bildschirme schwankten. Nach jüngsten Berichten haben die Erdstöße über 67.000 Menschen das Leben gekostet, 20.000 werden noch vermisst. In der dicht besiedelten Provinz Sichuan verloren etwa fünf Millionen Menschen ihr Zuhause. Auf die Minute genau eine Woche nach dem Beben ertönten in ganz Peking die Sirenen. Ich befand mich gerade im Lesesaal der Universität. Plötzlich verstummte alles Gemurmel und Geraschel der Anwesenden. Die unüberschaubar riesige Masse der Studenten erhob sich und senkte für drei Minuten den Kopf - alle lauschten dem Dröhnen der Sirenen. Von meinem Platz aus konnte ich durch die staubige Pekinger Luft auf die zwölfspurige Stadtautobahn sehen: Auch die Autos hatten angehalten, die Fahrer standen mit gesenktem Kopf neben ihrem Fahrzeug. Eine Weltmetropole hielt für drei Minuten den Atem an - zum Gedenken an die Opfer. Die Katastrophe hat das Land zusammengeschweißt. Durch die Straßen Pekings schlängeln sich Lautsprecherwagen, die zum Spenden aufrufen. Schulen, Firmen, Universitäten, jeder organisiert Spenden und Aktionen für die Opfer des Erdbebens. Dominierte bis jetzt der olympische Fackellauf die Medienberichterstattung, so wird jetzt tagein tagaus aus den Katastrophengebieten berichtet. Die unzähligen Helfer werden gefeiert wie Helden. Aus Fernsehdokumentationen über Hilfsaktionen werden dramatische Inßenierungen der Armee und der Kräfte vor Ort ersichtlich. In der Tat benötigt die Region dringend Hilfe und China möchte zeigen, dass es alles nur Menschenmögliche unternimmt, um den Opfern zu helfen. Hilfe benötigt auch die Waldorfschule in Chengdu. Nur 90 km von dem Epizentrum entfernt, im Südosten der Millionenmetropole Chengdu, befindet sich die erste und einzige Waldorfschule Chinas. „Verletzt wurde glücklicherweise niemand, aber die Hälfte der Gebäude ist so stark beschädigt, dass sie wahrscheinlich abgerissen werden müssen,“ berichtet mir die deutsche Sinologin Astrid Schröter, die seit einem knappen Jahr in der Schule unterrichtet und die ich am Telefon erreiche. Bis dies geschehen ist, können in einem Nachbargebäude, das der Stadt gehört, einige Räume gemietet werden. Die seit 2004 bestehende Schule beherbergt inzwischen fünf Klassen mit insgesamt ca. 50 Schülern sowie einen Kindergarten mit etwa der gleichen Anzahl an Kindern. Am kommenden Montag soll der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden. Bis dahin müssen aber noch einige Fragen geklärt werden. Die Behörden müssen den Zustand der Gebäude begutachten und es ist auch nicht klar, wie gut die Qualität des Trinkwassers im Moment ist. Aus diesem Grund hat Greenpeace China nach eigenen Angaben ein Forschungsteam in das Katastrophengebiet geschickt. Dies soll untersuchen, ob von beschädigten Chemiefabriken dort eine Gefahr für Bevölkerung und Umwelt ausgeht. Die staatliche Behörde für Arbeitssicherheit hatte unmittelbar nach dem Beben ein Produktionsverbot für sämtliche Chemiefabriken im Katastrophengebiet angeordnet. Greenpeace konnte jedoch mindestens eine Firma ausfindig machen, die weiterhin produzierte. Problematisch ist auch, dass viele Opfer in der näheren Umgebung von Chemiefabriken Schutz suchen und dort teilweise ungefiltertes Wasser trinken. End/nna/jas Spendenkonto der Waldorfschule Chengdu: Empfänger: Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e. V., Kontonummer: 39800704, BLZ: 600 100 70, Deutsche Postbank AG Weitere Spenden: www.drk.de; www.misereor.de; DRK-Spendenkonto: Konto: 41 41 41, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Bericht-Nr.: 080528-01DE Datum: 28. Mai 2008 © 2008 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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