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Thu, 04 Sep 2008

Abstruses Zerrbild von Anthroposophie und Waldorfpädagogik

Mit Michæl Grandts „Schwarzbuch Waldorf“ ist die Anti-Waldorfliteratur auf ihrem intellektuellen Tiefpunkt angekommen - Gruselstories sollen Verkaufserfolg sichern

NNA-Rezension

Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele

Bald 90 Jahre Waldorfpädagogik weltweit - und ein Ende des boomenden pädagogischen Erfolgsmodells ist anscheinend nicht abzusehen. Sehr zum Leidwesen einiger Enthüllungsjournalisten der besonderen Art, die allen Ernstes immer noch überzeugt sind, dabei könne es nicht mit rechten Dingen zugehen. Zu ihnen gehört auch der selbsternannte Esoterik- und Sektenjäger Michæl Grandt (45) aus dem württembergischen Bisingen, der sich auf seiner Homepage als Experte und Gutachter zu den Themen Kindesmissbrauch, Okkultsekten und Satanismus bezeichnet.

Der nach dem Bericht des „Spiegel“ früher auf dem Gebiet des Möbeleinzelhandels tätige Michæl Grandt hatte sich schon einmal vor zehn Jahren gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Guido mit wenig Erfolg am Thema abgearbeitet („Waldorf-Connection“ und „Schwarzbuch Anthroposophie“). Seinem „Schwarzbuch Anthroposophie“ wurden soviel falsche Tatsachenbehauptungen nachgewiesen, dass es – an vielen Stellen eingeschwärzt – schließlich in der Versenkung verschwand.

Diesmal will Grandt, nach jahrelanger „Abstinenz“ vom Thema sein Lesepublikum im Alleingang das Gruseln lehren. Unter dem reißerischen Titel „Schwarzbuch Waldorf. Rudolf Steiner und die Anthroposophie auf dem Prüfstand“ (Gütersloher Verlagshaus, 2008) möchte er nach eigener Aussage verunsicherten Eltern Hilfestellung bei der Schulwahl ihrer Kinder geben.

NNA liegt ein Rezensionsexemplar des für September vom Verlag angekündigten Buches vor. Und hier zeigt sich:

Die „Hilfestellung“ Grandts erschöpft sich in einer These, die an Verschwörungstheorien erinnert: Waldorfschulen mit ihrer attraktiven, menschenfreundliche Außenseite seien nur Tarnorganisationen einer weltweit aktiven, antidemokratischen Sekte namens Anthroposophische Gesellschaft. Diese, gegründet von dem angeblich rassistischen Guru Rudolf Steiner, hat nach Grandt offenbar die Aufgabe, die ganze Menschheit „okkultistisch“ zu unterwandern – den Anfang soll der Schulunterricht machen.

Weder die reale Anthroposophie noch die tatsächliche Waldorfpädagogik kommen in dem Buch vor. Von vorn bis hinten geht es um ein Zerrbild, das Grandt sich aus dem Supermarkt Jahrzehnte alter Steinerkritik zusammengebastelt hat.

Grandt ruft auch in seinem neuen Buch ständig nach dem „starken Staat“, der Anthroposophen überwachen, anthroposophische Bücher verbieten und den Waldorfschulen den Geldhahn zudrehen soll. Sollte es ihm entgangen sein, dass sich dieses „Ideal“ nur in einem totalitären Regime verwirklichen lässt?

Dazu wärmt er längst widerlegte Gerüchte auf und meint, damit seine absurden Thesen bewiesen zu haben. Vor allem der trivialesoterisch interessierte Leser kommt da auf seine Kosten: in Grandts Buch wimmelt es nur so von Naturgeistern, Mondwesenheiten und Dämonen, die angeblich im Waldorfunterricht eine Rolle spielen sollen. Bei Grandt mutieren Waldorflehrer zu allmächtigen Gurus, da werden Klassenräume zu Folterkammern und in Waldorflehrerseminaren soll nichts als Gehirnwäsche betrieben werden.

Was die zitierten Steinersätze, die meist aus ganz anderen Zusammenhängen stammen, die auch nicht angegeben werden, mit dem normalen Alltag einer Waldorfschule zu tun haben soll, den Tausende von Schülern und Lehrern Tag für Tag erleben, bleibt Grandts Geheimnis. Wie kann ein Schulmodell, das angeblich auf derart fragwürdigen Grundlagen beruht, weltweit so erfolgreich wirken? Diese Frage wird weder gestellt noch wird eine Antwort auch nur versucht.

Von all den seltsamen Vorgängen hinter den Kulissen, die Grandt auf diese Weise „enthüllen“ will, sollen also die zuständigen Schulaufsichtsbehörden und die durchwegs intelligenten und kritischen Waldorfeltern jahrzehntelang nichts gemerkt haben? Grandt hat zahllose Behörden im In- und Ausland auf seine angeblichen Befunde aufmerksam gemacht. Diese haben leider nicht so reagiert, wie er es sich wünschte. Viele gaben ihm überhaupt keine Antwort, wie im Anhang des Buches zu sehen ist. Warum druckt Grandt diese Peinlichkeiten überhaupt ab? Weil auch die Behörden seine „Mission“ und ihn verkennen?

Inzwischen wissen die meisten Behörden offensichtlich, mit was für einer Sorte Autor sie es bei Grandt zu tun haben. Wie formulierte es doch schon der „SPIEGEL“ vom 17.02.1997 sehr treffend? Michæl Grandt und seinem damaligen Mitautor Guido Grandt gehe es weniger um Wahrheitsfindung, schon gar nicht um geistige Auseinandersetzung, sondern um ein lukratives Geschäft.

Um das Geschäft mit dem Gruseln effektiv betreiben zu können, arbeitet Grandt wie früher mit unbewiesenen oder längst widerlegten Behauptungen und gibt — ganz im Stil der Regenbogenpresse — Gerüchte und Vermutungen als Fakten aus. Genüsslich spekuliert er mit anderen Autoren, ob der Begründer der Waldorfpädagogik vielleicht kokainsüchtig oder geisteskrank gewesen sei (S.13).

Wenn es gegen Rudolf Steiner geht, ist jedes Mittel recht. Grandt, der sich gern als Kritiker des Naziregimes feiern lässt (siehe seine Homepage) kämpft gegen andersdenkende weltanschauliche Minderheiten nicht mit Argumenten, sondern mit dem Mittel der Verleumdung. Es interessiert ihn nicht im Geringsten, dass auch Anthroposophen in den Vernichtungslagern der NS-Zeit umgekommen sind und dass vielen dieser Opfer ihre Erinnerung an Rudolf Steiner bis zuletzt inneren Halt gegeben hat. Es interessiert ihn auch nicht, dass zahlreiche heute renommiert im öffentlichen Leben stehende ehemalige Waldorfschüler Lobendes über ihre Schulzeit zu berichten haben.

Selbstverständlich ist an Grandt und seinem Buch auch die neuere akademische Esoterikforschung spurlos vorübergegangen, die Rudolf Steiner als wichtigen Impulsgeber der Moderne darstellt und der Anthroposophie ihren gebührenden Platz in der modernen Kulturgeschichte zuweist. Grandt stellt Steiner in die Nähe des Rassismus. Er weiß offenbar nicht, dass führende Rassismusforscher wie George L. Mosse die humanistische Esoterik Steiners deutlich vom „braunen Sumpf“ abgrenzen. Aktuelle wissenschaftliche Literatur einzuarbeiten übersteigt offensichtlich die Kapazitäten des selbsternannten „Volksaufklärers“. (1)

So stellt sich einem nach der Lektüre des „Schwarzbuch Waldorf“ vor allem die Frage, warum ein renommierter christlich orientierter Verlag seinen guten Ruf durch eine Publikation auf dem Niveau des billigsten Boulevardjournalismus aufs Spiel setzt.

Und die Waldorfschulbewegung braucht sich wegen dieser „Neuerscheinung“ wahrlich keine schlaflosen Nächte zu machen: bis die Waldorfschule im nächsten Jahr ihren 90.Geburtstag feiert, ist Grandts „Schwarzbuch“ längst auf dem Wühltisch unter den Ladenhütern gelandet.

End/nna/vog

Literaturhinweis: (1) Zu Rudolf Steiner und Anthroposophie siehe die entsprechenden Artikel in: Prof. Wouter J. Hanegraaff (Hrsg.), Dictionary of Gnosis and Western Esotericism. Leiden/Boston 2006, S.82 ff und S.1084 ff; zur Rassismusfrage: George L. Mosse, Die Geschichte des Rassismus in Europa. Frankfurt a.M.  2006, S.119 f.

Bericht-Nr.: 080904-01DE Datum: 4. September 2008

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