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Neue Dimensionen des Bewussteins in Dichtung und Kunst
Tagung am Goetheanum befasste sich mit dem Einfluss der Esoterik auf die europäische Moderne – Rudolf Steiner als wichtiger Impulsgeber für viele Kulturschaffende Von NNA-Korrespondent Wolfgang G. Vögele DORNACH (NNA). Welche Rolle spielte die zeitgenössische Esoterik beim Aufbruch der europäischen Moderne des 20. Jahrhunderts? Diese Frage gerät seit einigen Jahren mehr und mehr in das Blickfeld der Kulturwissenschaften. (NNA berichtete, vgl. dazu Artikel vom 21.4.08) Im Oktober war sie Gegenstand einer Wochenendtagung am Goetheanum in Dornach, veranstaltet von der Sektion für Schöne Wissenschaften. Reinhard Bode, Germanist und Michæl Ladwein, Kulturwissensschaftler trugen dem Publikum ihre Forschungsergebnisse zu diesem vielschichtigen Thema vor. Bode untersuchte Gemeinsamkeiten und Unterschiede im künstlerischen Ringen von Hermann Hesse, Thomas Mann und Albert Steffen. Anhand markanter Textstellen, die der Schauspieler Matthias Hink von der Goetheanumbühne rezitierte, arbeitete er wesentliche Werk- und Lebensmotive der Dichter heraus. Der Aufbruch der Moderne und der damit verbundene Verlust an traditionellen Werten hatte für sie alle ein Aufbrechen des Inneren zur Folge, eine existentiell erschütternde Erfahrung. Wie schon vor ihnen Nietzsche, erkannten sie: sinngebend ist nur, was der freie Mensch aus sich selbst heraus schafft. Diese Erkenntnis prägte nicht nur Steiners ethischen Individualismus, sondern vielfach auch das Selbstverständnis der modernen Künstler. Wesentlich sei auch die stete Suche nach dem Gleichgewicht zwischen niederem und höheren Ich, wie sie etwa das Lebenswerk Hesses durchziehe, betonte Bode. Bei Thomas Mann spiele sich dieser Prozess mehr im Gedanklichen ab, bei Albert Steffen mehr im Willenselement. In einem zweiten Vortrag versuchte Bode Dichtungen von Rilke, Kafka und Albert Steffen als verschiedene „Wege zur Einweihung“ zu deuten. Was macht einen Dichter zu einem Eingeweihten? Für viele Dichter bedeutete der Schaffensprozess Meditation und Imagination, ein Vorstoß in andere Bewusstseinsdimensionen, durch die sie das Leiden an sich selbst und an der Welt zu überwinden suchten. Verschiedene Motive wie Opfer, Sehnsucht nach Erlösung, Scheitern, aber auch eine unbewusste Sehnsucht nach Christus spielten dabei eine markante Rolle. Künstler gehen mit realen Kräften und Gegenkräften um, vermögen es aber in den seltensten Fällen, diese bewusst zu erkennen. Was aber entsteht, wenn der Künstler sich seiner Inspirationsquellen bewusst wird? Noch vor seiner Begegnung mit Rudolf Steiner sei der Dichter Albert Steffen einen Einweihungsweg gegangen, indem er sich bewusst dem Milieu der Berliner „Unterwelt“ unter Kriminellen und Prostituierten ausgesetzt habe. Diese erschütternden Erlebnisse habe er dann in dem Drama „Das Viergetier“ künstlerisch verarbeitet. Auferstehung und Überwindung des Bösen seien wesentliche Motive in Steffens Dichtung. Die innere Haltung des „Stirb und Werde“ habe Steffen zeitlebens begleitet, er habe sie weiterentwickelt und verfeinert. Spirituelle Substanz sei bei ihm real und relevant geworden, um die überall lauernden dämonischen Kräfte zu erlösen. Bode wies auf das damit zusammenhängende christliche Grundmotiv und den manichäischen Impuls bei Steffen hin. Rilke sei dagegen nicht zu einer wirklichen Erkenntnis des Bösen gekommen. Und die eisigen Regionen, in die uns Kafka führt, seien zwar real, doch von einer pathologischen Komponente getrübt, die in der gesundheitlichen Konstitution des Dichters begründet liege. Ein dritter Vortrag warf einen Blick in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Mysterienimpulses in der Dichtung. Steiners Mysteriendramen werden genau wie die Dramen Steffens von der Literaturwissenschaft meist als Weltanschauungskunst ohne künstlerischen Wert abgetan. Dazu vertrat Bode die These, erst kommende Generationen würden den spirituellen und künstlerischen Wert dieser Dramen richtig einzuschätzen wissen. Was aber ist das Neue, das Moderne in Steiners Dramen? Nach Bode ist es zum einen die „neue Trinität“, Luzifer-Ahriman-Christus, in die der Mensch verwoben sei. Unbewusst hätten alle modernen Dichter mit den luziferischen und ahrimanischen Kräften gerungen: „Man könnte die Literaturgeschichte unter diesem Aspekt neu schreiben“, meinte Bode. Was Steiners Dramen aber zu repräsentativen Kunstwerken der Moderne werden lässt, sei der Aspekt der Freiheit. Denn im Gegensatz zum antiken Drama wie etwa Ödipus oder den eleusinischen Mysterienspielen, seien Steiners Dramen nicht von tragischer Kausalität bestimmt, sondern der Mensch durchschaue sein Schicksal und werde zu dessen Mitgestalter. Abschließend griff Bode noch spirituelle Ansätze im Bühnenschaffen des 20. Jahrhunderts heraus (Beckett, Ionesco, Dürrenmatt, Frisch). Im 21. Jahrhundert überwiege bislang entweder die Lust an zynischer Darstellung von Gewalt und Trieb oder an seelenloser Technik. Michel Houellebecqs 2005 in Deutschland verfilmter kulturpessimistischer Roman „Elementarteilchen“ sei in diesem Sinne eine erschreckende, aber auch grandiose Analyse unserer Gegenwart. Hoffnungsvolle Zeichen einer neuen spirituellen Dichtung sieht Bode in dem 2003 in Hamburg uraufgeführten Schauspiel „Purgatorio“ des chilenischen Dramatikers Ariel Dorfman, das an den Medea-Stoff anknüpft und die Erlebnisse eines Paares in postmortalen, jenseitigen Sphären schildert. Oder in dem Buch „Wiedergeboren“ des anthroposophischen Schauspielers und Regisseurs Wilfried Hammacher, der in Anlehnung an Steiner die Inkarnationen August Strindbergs und seines Freundes Schleich nachzeichnet. Der zweite Vortragende der Tagung, Michæl Ladwein beschrieb das Suchen der bildenden Künstler nach Spiritualität. Seine brillianten Analysen, die dem Zuhörer keine Interpretationen aufdrängten, sondern zu eigenem Denken anregten, unterstützte er teilweise durch Dia-Projektionen der besprochenen Kunstwerke. Anknüpfend an einen Ausstellungstitel beleuchtete er in seinem ersten Vortrag „Okkultismus und Avantgarde“ das Interesse der Künstler an den „okkulten Hintergründen des Seins“ seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die kunsthistorische Forschung sei in den letzten Jahrzehnten aus ihrer materialistischen und formalistischen Epoche herausgetreten und habe sich verstärkt den spirituellen und hermetischen Untergründen zugewandt, aus denen ein erheblicher Teil der neueren Kunst erwachsen sei. In Publikationen und Ausstellungen schlage sich dies nieder, etwa in der Ausstellung „Das Bauhaus und die Esoterik“ (2006). In fast allen Monographien und Ausstellungskatalogen etwa zu Kandinsky oder Mondrian, werde heute die spirituelle Gedankenwelt der Künstler berücksichtigt, wobei immer der Name Rudolf Steiner erwähnt werde. Ausgehend von der „okkulten Szene“ im Paris des 19. Jahrhunderts, zeichnete Ladwein den Weg esoterischen Gedankenguts in die Ateliers einzelner Künstler nach. Schon der Dichter Charles Baudelaire habe eine esoterische Korrespondenztheorie vertreten und damit zahlreiche Künstler des Symbolismus beeinflusst. Odile Redon, Gauguin, die Gruppe der Nabis, sie alle hatten theosophische Literatur rezipiert. Der Einfluss des Theosophen Edouard Schuré sei nicht nur in Frankreich bedeutend gewesen. Bis zum Kubismus, Futurismus und Konstruktivismus, aber auch in der Wiener Moderne (etwa bei Egon Schiele) lassen sich esoterische Einflüsse nachweisen. Klee und Itten hatten Steiners Werke gelesen, teilweise auch dessen Vorträge gehört, sie gestalteten die empfangenen Ideen in der Anfangßeit des Bauhauses auf eigene Weise aus. In seinem zweiten Vortrag „Theosophie und Abstraktion“ schilderte Ladwein den Durchbruch zur nichtgegenständlichen Malerei. Der Schwerpunkt lag dabei auf Piet Mondrians „Neue Gestaltung“ aus dem Geist der Theosophie. Mondrian hat sich intensiv mit Theosophie und Rudolf Steiner befasst und mit diesem auch korrespondiert. Der dritte Vortrag untersuchte Kandinskys Orientierung an Rudolf Steiner auf dem Weg zur Abstraktion und zwischen „Blauem Reiter“ und Bauhaus. Dabei spielten schon früh Gedankenformen, Synästhesie und Farbklänge ein Rolle. Die Anthroposophin und Kandinsky-Schülerin Maria Strakosch-Giesler spielte eine wichtige Vermittlerrrolle, indem sie ihren Lehrer mit Rudolf Steiner bekannt machte. Kandinskys Verarbeitung von Steiners Ideen ist dokumentarisch gut belegt und findet auch in einzelnen Kunstwerken ihre Widerspiegelung. Steiner, so resumierte Ladwein darf als ein wesentlicher Anreger eines bedeutenden Teils der Kunst des 20. Jahrhunderts angesehen werden. Eine beeindruckende Konzertsoiree mit Daniel Thiel (Tenor) und Hristo Kazakov (Klavier) brachte Lieder von Gustav Mahler, Arnold Schönberg, Othmar Schoeck und von den anthroposophischen Komponisten Hans-Georg Burghardt und Louise Astna. Dem Programm waren zwei Zitate von Schönberg und Steiner vorangestellt. Die Auswahl des Konzertprogramms mit Schönberg und Mahler als Wegbereiter der musikalischen Moderne verwies auf eine mögliche Fortsetzung des Tagungsthemas: die Darstellung des Spirituellen in der musikalischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Das Interesse von Komponisten an der Anthroposophie, ein bisher brachliegendes Forschungsfeld, wird allmählich auch von der Musikwissenschaft wahrgenommen. (Siehe unten) Mit der Tagung wurde auch eine Ausstellung der Kandinsky-Schülerin Maria Strakosch-Giesler (1877-1970) eröffnet, die noch bis 23. November zu sehen ist. END/nna/vog Literatur- und Veranstaltungshinweis: Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft, Neue Folge, Nr. 27, Dezember 2008; Ausstellung zum Lebenswerk des Komponisten und Dirigenten Felix Weingartner (ab 21.November in der Universitätsbibliothek Basel) Link: http://mwi.unibas.ch/aktuelles/ Bericht-Nr.: 081103-01DE Datum: 3. November 2008 © 2008 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Mehr Erfolg durch soziales und emotionales Lernen
Internationale Studie zeigt: auch Kriminalität und Drogenmissbrauch lassen sich durch Erziehungsmethoden beeinflussen Von Christian von Arnim SANTANDER (NNA). Eine internationale Studie zum Thema soziale und emotionale Erziehung ist jetzt in Santander (Spanien) vorgestellt worden. „Soziale und emotionale Erziehung – ein internationaler Überblick“ ist der Titel der Untersuchung, die von der spanischen Marcelino Botin Stiftung in Auftrag gegeben worden ist. Sie bietet eine umfassende Untersuchung der sozialen und emotionalen Erziehung, ihrer theoretischen Grundlagen und ihre Wirkungen. Der Herausgeber der Studie, Christopher Clouder, ist der Vorsitzende der Vereinigung der britischen Rudolf–Steiner-Schulen. Ein internationales Expertenteam widmete sich der Aufgabe, darunter Bo Dahlin (Universität Karlstadt, Schweden) und Harm Paschen (Universität Bielefeld, Deutschland). „Die Studie enthält eine Meta-Analyse aller Studien zum Thema soziales und emotionales Lernen der letzten zehn Jahre und das Endergebnis liefert beachtliche Aussagen“, sagte Clouder gegenüber NNA. „Wir sind nun in der Lage, in einer empirisch begründeten Form zu zeigen, dass eine Erziehung, die sich in dieser Weise dem Kind nähert, dazu beiträgt, Kriminalität, Drogenmissbrauch und antisoziales Verhalten zu vermindern, soziale Kompetenz zu stärken und Bildungserfolge zu verbessern,“ fügte er hinzu. Die Marcelino Botin Stiftung gab die Studie in Auftrag aufgrund ihrer Arbeit mit Schulen in der spanischen Region Cantabria, wo neue Wege in der Erziehung gesucht werden. „Sie wollten sehen, was außerhalb der Region geschieht und waren der Auffassung, man solle sich ruhig einmal in der Welt umsehen, um heraußufinden, welche Erfahrungen woanders gemacht worden sind,“ erklärte Clouder. Der Kontakt mit Clouder, der auf der Basis der Waldorfpädagogik arbeitet, ergab sich durch Eltern von einer der Waldorfschulen in Madrid. So konnte Clouder der Stiftung sein Projekt vorstellen. „Ich habe sie darauf hingewiesen, dass ich Waldorflehrer und kein Professor bin, aber es war genau das, was sie wollten. Wir möchten, dass es eine praktische Untersuchung wird, die im Klassenzimmer ihren Ausgang nimmt, was kann getan werden, wie sind die Erfahrungen, was ist in den Schulen passiert und wie können andere davon inspiriert werden. Und: wie können wir lernen, mit den Kindern besser umzugehen?“ Die Studie, die 100.000 Wörter umfasst, ist in Spanisch und Englisch veröffentlicht worden und sie ist gedacht für Politiker und Praktiker. Clouder betont, dass die Absicht ist, damit Veränderungen herbeizuführen und nicht nur eine weitere akademische Debatte zu eröffnen. „Das soll nicht ein weiterer Report werden, der in den Regalen verstaubt“. „Die Studie liest sich gut, sie beschreibt Besuche in Schulen, die Reaktionen der Kinder, alles, was wir gesehen haben. Sie zielt darauf ab, Menschen die „Mainstream-Erziehung“ in einer neuen Weise sehen zu lassen und vielleicht schlägt sie auch eine Brücke zwischen der Waldorfpädagogik und der Methodik an der Regelschule“, sagte Clouder weiter. Nachdem die Studie jetzt veröffentlicht worden ist, können weitere Schritte diskutiert werden, aber Clouder denkt bereits weit voraus: „Es gibt viele Ideen, aber was wir brauchen, ist eine Art Think Tank, ein unabhängiges Gremium, das innovative und kreative Erziehungsmethoden erforscht“. END/nna/cva/ung Link: http://educacion.fundacionmbotin.org (in Spanisch und Englisch) Bericht-Nr.: 081103-02DE Datum: 3. November 2008 © 2008 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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