. . . Nachrichten für eine andere Welt Suche Nachrichtenarchiv
   

NNA
ist eine internationale Nachrichtenagentur, die Nachrichten und Ereignisse verbreitet und kommentiert aus einer Perspektive des Geistes und die sich um ein spirituelles Verständnis bemüht, das mit der Entwicklung neuer Paradigmen auf allen Lebensgebieten verbunden ist – sei es im Aktuellen, in Politik und Gesellschaft, in der Zivilgesellschaft, in Ökologie, Erziehung, Wirtschaft, Landwirtschaft, Kunst und Wissenschaft.


English site

   




Wed, 13 May 2009

„Die Welt ist näher zusammen gerückt“

Über 100 Menschen von anthroposophisch-pädagogischen Einrichtungen aus über 25 Ländern trafen sich vom 4. bis 9. April in Karlsruhe zu einer von den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ veranstalteten Tagung für und mit Einsatzstellen des Freiwilligendienstes „weltwärts“ . Olivia Girard, Laura Kölsch, Holger Niederhausen von den „Freunden“ berichteten für NNA.

KARLSRUHE (NNA). Eine 19jährige Schülerin fuhr sieben Stunden quer durch Deutschland, um Silvia Wend von der kleinen Waldorfinitiative in Uruguay zu treffen, wo sie einen Freiwilligendienst machen möchte. Atemlos kam sie auf das Schulgelände und fragte mit strahlendem Gesicht: „Wo ist Silvia? Ich bin mit Silvia verabredet…!“ Berührend war die reine jugendliche Freude, mit der die Schülerin ankam. Sie und Silvia wussten dann sofort, dass es die richtige Wahl sein würde. Beide hatten – und das war das Unglaublichste - nur wenige Minuten Zeit. Dann musste das junge Mädchen schon wieder zurückreisen, um weiter für das Abitur zu lernen. Beide rannten Hand in Hand zur Haltestelle der Straßenbahn…

Zu der „Partner Conference weltwärts“ der Freunde der Erziehungskunst kamen in der Woche vor Ostern über 100 Menschen aus fast ebenso vielen Einrichtungen in Karlsruhe zusammen – u.a. aus Sozialprojekten, Waldorfschulen und –kindergärten und heilpädagogischen Einrichtungen. Über 25 Länder und vier Kontinente waren die Heimat all dieser Menschen: Peru, Brasilien, Argentinien, Chile, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Uruguay, El Salvador, Ägypten, Ghana, Kenia, Tansania, Namibia, Senegal, Südafrika, Libanon, Kroatien, Kasachstan, Kirgistan, Georgien, Indien, Pakistan, China, Thailand, Philippinen und Indonesien.

Im Mittelpunkt der Tagung standen die Information und der Austausch über das Freiwilligendienstprogramm „weltwärts“. Dieser vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) 2008 ins Leben gerufene Dienst richtet sich an junge Deutsche, die sich ehrenamtlich im Ausland engagieren wollen. Für die Waldorfeinrichtungen in aller Welt, in die wir diese Freiwilligen entsenden, sind diese Menschen eine große Bereicherung – eigentlich immer profitieren beide Seiten! Das BMZ finanzierte im Rahmen des Begleitprogramms zum Ausbau und der Qualitätsverbesserung von „weltwärts“ auch diese Partnertagung.

Die Tagung begann mit einer feierlichen Eröffnung und warmen Worten von Bernd Ruf, geschäftsführendem Vorstand der Freunde der Erziehungskunst in Karlsruhe, in die internationale Runde. Der Bedeutung dieser Tagung entsprechend hatten die Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul und der Karlsruher Oberbürgermeister deren Schirmherrschaft übernommen. Das herzliche Grußwort der Ministerin wurde verlesen, der Bürgermeister wandte sich persönlich an die Teilnehmer.

Eine solche Großveranstaltung durchführen zu können, war schon etwas ganz Besonderes. Normalerweise suchen wir ja oft vergeblich nach Möglichkeiten, um die Reisekosten einzelner Dozenten zu finanzieren. Nun konnten wir über 100 Menschen nach Europa einladen, die Hälfte davon sogar für eine mehrtägige Reise im Vorfeld der Tagung zu anthroposophischen Einrichtungen in Deutschland und der Schweiz.

Das Wichtigste war die Begegnung. Nicht nur die Begegnung mit Menschen aus aller Welt, sondern auch aus dem eigenen Kontinent, ja dem eigenen Land.

Natürlich haben die Brasilianer mit ihrer großen Delegation mal wieder ihr herzliches Feuer beigetragen. Schon von Anfang an sorgte ihre Freude und Spontaneität dafür, dass der einmalige Begegnungscharakter sich entwickeln konnte. Auch der große Saal des „Kühlen Krugs“, eines typisch deutschen Restaurants, in dem wir uns an einem Abend versammelten, wurde auf diese Weise höchst lebendig – die verwunderten Blicke der Kellner waren garantiert… Dann schlossen sich auch die anderen Länder und Kontinente an und trugen Typisches aus ihrer Heimat bei – alles spontan. Der ganze große Kreis stimmte dann Hand in Hand oder Schulter an Schulter ein – die Welt rückte ganz nahe zusammen…

Das war ein wirklich ergreifender Moment. Was uns vereinte, war das gemeinsame Ideal, die gemeinsame Arbeit, die gemeinsamen Mühen für dieses selbe Ideal: Die Waldorfpädagogik – und der Versuch, sie in die Welt zu bringen und Entwicklung zu fördern; benachteiligten Kindern und Jugendlichen eine Zukunft zu geben, jungen Freiwilligen aus dem etablierten Deutschland Erfahrungen in der Welt zu ermöglichen und sie erleben zu lassen, dass ihr Beitrag willkommen und wichtig ist. Viele junge Menschen machen während eines solchen Dienstes so tiefgehende Erfahrungen, dass sie einen bleibenden Impuls zum Helfen entwickeln und oft eigene Projekte ins Leben rufen.

Die Durchführung und der Erfolg der Tagung ist den Mitarbeitern des Karlsruher Büros der Freunde der Erziehungskunst zu verdanken – und nicht zuletzt der unverzichtbaren Hilfe von über 40 ehemaligen Freiwilligen aus Deutschland und dem Ausland.

Unser vor 15 Jahren entstandener Arbeitsbereich „Freiwilligendienste“ in Karlsruhe ist in den letzten Jahren extrem gewachsen – nicht zuletzt durch das neue Programm „weltwärts“. Inzwischen entsendet unser Karlsruher Büro rund 550 junge Menschen pro Jahr ins Ausland – davon bisher 170 über „weltwärts“ – und hat über 40 Mitarbeiter und Aushilfen. Neu ist auch der Freiwilligendienst „Incoming“, durch den jährlich rund 80 junge Menschen aus dem Ausland einen Dienst in einer deutschen Waldorf-Einrichtung machen. Die Karlsruher Mitarbeiter begleiten so Jahr für Jahr 1.000 junge Menschen – die einen durch Einführungs- und Zwischenseminare, die anderen durch Rückkehrerseminare. Daneben sind in Karlsruhe neue Arbeitsbereiche entstanden: So etwa die Ehemaligenarbeit, die das Engagement ehemaliger Freiwilliger stärkt und fördert, und die pädagogischen Nothilfeeinsätze für psychotraumatisierte Kinder in Krisenregionen.

Alle übrigen Aufgaben der „Freunde“ werden in Berlin von fünf Mitarbeitern und drei Aushilfen bewältigt: Spendensammlung und -weiterleitung, Projektbetreuung, Stiftungsanträge, Rundbrief, Homepage, Patenschaften, Schulbesuche im In– und Ausland, WOW-Day, Networking und vieles andere…

Die Tagung selbst befasste sich mit allen Aspekten des „weltwärts“-Freiwilligendienstes, von interkulturellen Fragen bis hin zur Finanzierung. „Ich bin wirklich beeindruckt, wie sehr die Einrichtungen sich neben all ihren anderen Aufgaben mit den Freiwilligen auseinandersetzen und den Freiwilligendienst als Bereicherung schätzen,“ sagte Karin Schüler – Leiterin des weltwärts-Sekretariats – anerkennend, als sie die Tagung zum Abschluss besuchte.

Neben Plenumsveranstaltungen, Workshops und vielfältigen kulturellen Unternehmungen waren natürlich besonders wichtig auch die Pausen. Hier wurden Bekanntschaften gemacht, Freundschaften geschlossen, Kontakte geknüpft, Pläne geschmiedet. Das Begeisterndste aber ist, die Begeisterung selbst zu erleben.

Bei allen diesen Initiativen, die unter schwierigsten Bedingungen und ohne jede staatliche Hilfe arbeiten, ist unmittelbar zu erleben, dass die aus der Sinnhaftigkeit des Handelns erwachsende Begeisterung der Kraft- und Lebensquell all dieser Einrichtungen ist. Eine solche Arbeit ist nur mit wirklichem Herzblut möglich. „Begeisterung wird alles machen“, sagte Rudolf Steiner einmal…

Es war deutlich erlebbar, dass mit dieser Tagung etwas Neues begann – hinsichtlich der Kontakte untereinander, auch in Bezug auf die weitere Entwicklung der Freiwilligendienste und auf die weitere Arbeit der „Freunde“ überhaupt.

Am Ende der Tagung standen schmerzliche Abschiede und sogar einige Tränen… Zukünftig stehen wieder nur E-Mail und Fax zur Verfügung – aber nun haben alle ein Gesicht!

END/nna/cva

www.freunde-waldorf.de

Bericht-Nr.: 090513-02DE Datum: 13. Mai 2009

© 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/

Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/

Friedrich Schiller als Genius der Zukunft

Ideale der Selbsterziehung und Ästhetisierung als Wegweiser in Zeiten der ökologischen und spirituellen Krise – Tagung im Anthroposophischen Zentrum Kassel

Wie aktuell ist der Dichter und Denker Friedrich Schiller heute? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer Tagung mit dem Titel „Um einen Schiller von innen bittend“, die im Anthroposophischen Zentrum Kassel-Wilhelmshöhe aus Anlass des Todestages des Dichters am 9.Mai stattfand. NNA bat Lorenzo Ravagli, der auf der Tagung ein Seminar zu Schillers Briefen über ästhetische Erziehung leitete, um einen Beitrag zum Thema.

KASSEL (NNA). Vielfach hört man, der Klassiker sei veraltet und verstaubt, durch die Geschichte verdorben, aber die Vortragenden und Mitwirkenden malten ein anderes Bild. Peter Selg gelang es in zwei Vorträgen, die Modernität dieses Lebens am Abgrund, in permanenter Auseinandersetzung mit einem hinfälligen Leib, dem der Geist eine ungeheure Lebensleistung abtrotzte, zu vergegenwärtigen. Peter Guttenhöfer behandelte in seinem Beitrag die ästhetische Erziehung als „Höhenweg“, als permanente Versuchsanordnung des menschlichen Lebens auf Messers Schneide.

Gerald Häfner zeigte auf, dass Schillers Ideen zur Gestaltung des politischen Lebens erst durch die Ausweitung der demokratischen Rechte erfüllt werden können, dass die Idee des ästhetischen Staates in die Zukunft verweist, nicht in die Vergangenheit. Im Seminar zu Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung wurde die zeitlose und zugleich moderne Anthropologie Schillers herausgearbeitet, die seinem Verständnis einer ästhetischen Existenz zugrunde liegt. Danach ist jeder Mensch aufgerufen, zum Lebenskünstler zu werden. Auch die Kunst fehlte nicht: was wäre eine Schillertagung ohne sie? Gedichte und Dramenaußüge kamen zu Gehör, ebenso Zeugnisse von Zeitgenossen über Schiller. Vorgetragen wurden u.a. Goethes bewegendes Gedicht über den Schädel von Schiller oder der Brief des Novalis, in dem Schiller als Genius einer künftigen Epoche bezeichnet wird. Spannungsreich verschlangen sich am Samstagabend durch Sabine Wackernagel vorgetragene Schillertexte mit der Musik des Kasseler Saxophonquartetts.

Eines wurde durch die Veranstaltung überdeutlich: Schiller ist keine Gestalt der Vergangenheit, sondern eine Gestalt der Zukunft. Sein Ideal einer Erziehung durch Kunst, einer Erziehung zur Selbsterziehung, einer Ästhetisierung des Menschen ist nicht nur für den einzelnen von Bedeutung, sondern auch für eine Gesellschaft, die nach einer Orientierung inmitten ökonomischer und spiritueller Desaster sucht. Noch immer ist der Nutzen das „große Idol der Zeit“. Mehr denn je ist es nötig, sich auf die Würde des Menschen zu besinnen, die nicht in seinem Nutzen oder seiner ökonomischen Verwertbarkeit liegt, sondern in seiner Fähigkeit, die Gesellschaft zu einem Kunstwerk zu gestalten, in dem sich sein ganzes Menschsein wiederfindet.

Wie weit wir heute von diesen Idealen entfernt sind, konnte den Teilnehmern durch die Tagung schmerzlich bewusst werden. Zugleich wurde aber auch die dringende Notwendigkeit deutlich, sich nicht nur auf Schiller, sondern auf die ganze Epoche zurückzubesinnen, der er angehörte und zu deren geistigen Inhalt er wesentlich beigetragen hat. Wer seinen Blick auf Schiller richtet, vor dessen Augen leuchten Genien auf wie Goethe, Herder, Humboldt, Novalis, Fichte, Schelling und Hegel - um nur die bekanntesten zu nennen.

Jeder Satz aus einem ihrer Werke macht die Distanz der Gegenwart zur geistigen Höhe dieser Dichter und Denker deutlich. Und ein Blick in ihre Werke lehrt auch, wie weit sie unserer Zeit schon voraus waren. „Was“, schrieb beispielsweise Goethe angesichts von Schillers Schädel, „kann der Mensch im Leben mehr gewinnen, als dass sich Gottnatur ihm offenbare, wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen, wie sie das Geisterzeugte fest bewahre?“

Am Ende der Tagung stand der Wunsch, die Zeitgenossen an Genien wie Friedrich Schiller zu erinnern, die heute vergessen und verdrängt werden. In einer Zeit, die überall sehnlich Inhalt und geistige Orientierung sucht, können sie den Weg zu einer Erneuerung des geistigen Lebens weisen und zu einem Quell für neue zwischenmenschliche Beziehungen werden – im Sinne eines wahreren Menschentums.

END/nna/lbr

Bericht-Nr.: 090513-01DE Datum: 13. Mai 2009

© 2009 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/

Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/

 

 


Nachrichtenarchiv

Neueste Berichte