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Fri, 19 Jun 2009

Nicanor Perlas gibt Kandidatur für philippinische Präsidentenwahlen bekannt

Armutsbekämpfung vorrangiges Ziel des Kandidaten

Von NNA-Korrespondent Walter Siegfried Hahn

MANILA (NNA). Nicanor Perlas, 59, hat am 17. Juni in der philippinischen Hauptstadt Manila seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Republik Philippinen bekannt gegeben. Die Wahl findet im Frühjahr 2010 an einem bisher noch nicht festgelegten Datum statt.

Perlas hatte sich für den Start seiner Kampagne einen bedeutungsschwangeren Ort ausgesucht: den Heldenplatz in der Nähe der EDSA Avenue, der den Helden der im Februar 1986 siegreichen „Gelben Revolution“ gewidmet ist. Zwei Millionen Menschen waren damals unter Führung der in gelb gekleideten Märtyrer-Witwe Corazon Aquino auf der größten Straße der Hauptstadt aufmarschiert und hatten die 14 Jahre währende Marcos-Diktatur in drei Tagen friedlicher Demonstrationen zu Fall gebracht. Aquino übernahm das Präsidentenamt, Tausende von aus politischen Gründen eingesperrte Philippiner wurden aus den Gefängnissen entlassen, Tausende kamen aus dem Exil zurück. So auch Nicanor Perlas, der seit seiner Ausreise 1978 inzwischen in den USA die Anthroposophie kennengelernt hatte.

Nationale Bekanntheit erlangte Perlas Anfang der 1970er Jahre, als er den Protest gegen den Bau des ersten Atomkraftwerks Bataan organisierte – die Baugenehmigung dafür und für elf weitere Reaktoren war aufgrund illegaler Zahlungen erwirkt worden. Perlas, der statt seiner zweiten Vorliebe Kernphysik lieber Landwirtschaft studierte, um mehr für die Armen tun zu können, war jedoch so firm in punkto Nukleartechnologie, dass er nach dem Sturz von Marcos im Atom-Komitee der Präsidentin zum Aus der Atomenergie in dem Inselstaat beitragen konnte.

Obwohl er schon verschiedene politische Ämter angeboten bekam, zuletzt 2003 das Umweltministerium, hat er bis heute alle abgelehnt. Doch jetzt sieht Nicanor Perlas die Zeit gekommen, Verantwortung zu übernehmen und aus seinem „privaten Leben ins Rampenlicht“ heraus-zutreten. Zugleich ist er bereit, zur Seite zu treten, falls sich ein „besser qualifizierter Kandidat“ findet, wie er am Mittwoch sagte. Der Grund, gerade jetzt mit dem Entschluss an die Öffentlichkeit zu gehen, ist der Anfang Juni kulminierte Prozess, die Verfassung von 1986 außer Kraft zu setzen und so der jetzigen Präsidentin Arroyo eine weitere Amts-zeit zu ermöglichen. Perlas sieht das als den Versuch, „unter dem Deckmantel der Demokratie eine permanente totalitäre Kontrolle über das Land für die jetzige Administration und ihre Vasallen zu schaffen“. Diese Administration sieht er als schlimmer an als die Marcos-Regierung. „Marcos kontrollierte und beschädigte die Institutionen der Gesellschaft. Arroyo aber bemächtigt sich mehr und mehr unserer Moral und unserer Gedanken“, so beschreibt er es in einer Rund-Mail von voriger Woche. Nach den Knechtungen der Spanier, Amerikaner und Japaner sei das Land jetzt mit der Knechtschaft der Eigenen konfrontiert.

Zum Kampagnen-Start präsentierte Nicanor Perlas, der von seinen Freunden liebevoll Nicky genannt wird, auch eine eigens für die Aktion gestaltete Internet-Seite www.nicanorperlas.com - auf die wies er alle hin, die sich ausführlich über ihn und seine Qualifikationen informieren wollen. In seiner kurzen Ansprache betonte er, dass er sich schon ganze 40 Jahre aktiv für Land und Leute einsetze. Besonders glücklich äußerte er sich über seine erfolgreiche Einführung von Elementen der sozialen Dreigliederung in nationale und internationale Institutionen, ein Ideenkontext, der auf Rudolf Steiner zurückgeht.

Auf die Bedeutung seiner Arbeit in dieser Hinsicht wies in seiner gestrigen Ausgabe auch der „Philippine Daily Inquirer“ hin, eine der führenden Tages-zeitungen des Landes. Stolz heißt es in dem Bericht, der Ideen-Rahmen von Perlas sei in die Strategie der Vereinten Nationen zur Verwirklichung der Millenniums-Ziele eingeflossen: „Die Dreigliederung begreift Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft als Teile gesellschaftlicher Gestaltung. Perlas nutzte das Ideengut zuerst beim Schreiben der Philippinischen Agenda 21, die er als Blaupause für nachhaltige Entwicklung unter Präsident Ramos schrieb. Beim Gipfel der Asia Pacific Economic Cooperation (APEC) 1996 wurde es präsentiert und als grundsätzlicher Entwicklungsrahmen anerkannt. Heute wird dieser Rahmen nicht nur bei den UN genutzt, sondern auch von vielen führenden Ländern der Erde“, so der Inquirer.

Perlas ist Pionier der Anthroposophie und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft auf den Philippinen. In unzähligen weiteren Lebensbereichen ist er mit Beiträgen aktiv. So war er von Anfang an beteiligt an der Ausbildung von Waldorflehrern, wird aber auch von der katholischen Bischofskonferenz oder der bedeutendsten Unternehmensberatung OCCI Seminars als Ideengeber gesucht. Mit seiner Autorität erreichte er die Streichung von 32 besonders schädlichen Pestiziden. Und 2001 war er maßgeblich am Sturz des korrupten Präsidenten Estrada beteiligt, was – Ironie des Schickals – der damaligen Vize-Präsidentin Arroyo zur Macht verhalf, die sie bis heute behielt und nun nicht aufgeben will.

Perlas erhielt national und international bedeutende Ehrungen. 2003 war es der Right Livelihood Award, besser bekannt als Alternativer Nobelpreis, für seine Leistungen auf dem Gebiet Dreigliederung und Globalisierung. Schon 1994 verliehen ihm die UN den Global 500 Award, auch bekannt als Champions of the Earth Award. Aber auch auf den Philippinen wurde ihm mit dem Outstanding Filipino Award eine der wichtigsten Ehrungen des Landes zuerkannt.

Sollte er Präsident werden, so geht es Perlas als erstes um Armutsbekämpfung, in einem Land, wo 50 Prozent der Bevölkerung mit weniger als einem US Dollar pro Tag auskommen müssen. „Philippiner haben Unternehmensgeist, auch die Armen“, fasste er seine Erfahrungen als Vorsitzender der anthroposophisch orientierten Life Bank zusammen, die momentan 230.000 Menschen Mikrokredite gewährt.

Nicanor Perlas hat die Kandidatur von langer Hand vorbereitet. Nicht nur die seit 2005 stattfindenden Karangalan-Konferenzen dienten dazu, einen weiteren Sympathisanten-Kreis aufzubauen, auch mit der Organisation PAGASA arbeitete er zielstrebig daran, verantwortungsbewusste Multiplikatoren um sich zu scharen. In diesem Kreis lancierte er dann im Laufe des Monats Mai Artikel über die „Wissenschaft des Unmöglichen“ und über „die Möglichkeit zu gewinnen“ (winnability), um den Glauben zu stärken, auch ein in den Medien unbekannter Kandidat könne eine Wahl auf den Philippinen gewinnen, einem Land, wo ein Schauspieler wie Estrada oder der jetzige Boxweltmeister Manny Pacquiao allein wegen ihrer Bildschirmpräsenz viel größere Aussichten auf einen politischen Posten haben als von der Sache her befähigte Kandidaten. Doch auch hier hat Perlas versucht, sein politisches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, da er seit Beginn des Jahres eine Talkshow im Fernsehen leitet. Ob er mit geistreichen Gesprächen seine Popularität gegenüber Westernhelden und Sportlern steigern kann, wird sich in einigen Wochen oder Monaten zeigen.

END/nna/wsh

Links: www.nicanorperlas.com, www.truthforce.info, www.pagasa.net.ph

Bericht-Nr.: 090619-01DE Datum: 19. Juni 2009

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