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Der Wandel lässt noch auf sich warten: Philippinen nach der Wahl
Nicanor Perlas an achter Stelle Am Montag, den 10. Mai wurde auf den Philippinen gewählt. Über 50 Millionen Wahlberechtigte stimmten über insgesamt 18.000 verschiedene Ämter und Posten ab, vom Präsidenten über Senats- und Kongressabgeordnete bis zu Gouverneuren und Bürgermeistern. Aus zivilgesellschaftlicher und anthroposophischer Sicht war dabei von Interesse, dass sich Nicanor Perlas um das Amt des Präsidenten bewarb. NNA-Korrespondent Walter Siegfried Hahn gibt einen zusammenfassenden Überblick über das Geschehen. MANILA (NNA). Er hatte im Falle seiner Wahl eine „Neue Politik“ versprochen sowie eine Stärkung des Dritten Sektors etwa durch die Einrichtung eines Ministeriums für Nichtregierungsorganisationen: Nicanor Perlas ist durch sein Eintreten für die Dreigliederung des Sozialen Organismus weltbekannt und mit zahlreichen Preisen bedacht worden. “Wir haben keine echte Demokratie, wenn wir die Bürger nicht ermächtigen, an der Gestaltung unseres Landes mitzuwirken”, sagt er. „Das traditionelle Denken in Exekutive, Legislative und Judikative reicht nicht mehr. Das neue Gleichgeweicht der Macht muss bestehen aus der Zivilgesellschaft als kulturelle Macht, dem Staat als politische Macht und der Wirtschaft als ökonomische Macht.“ Solche von Rudolf Steiner angeregten Ideen zu einer wesensgemäßen Gestaltung des Zusammenlebens hatte er unter Präsident Ramos auch in die Philippinische Agenda 21 eingebaut. 1996 wurde diese von den Vereinten Nationen als Strategie für die Erreichung der Millenniums-Ziele adaptiert. Während bei bisherigen Wahlen auf den Philippinen manuell gezählt wurde und man deshalb gewohnt war, wochenlang auf Ergebnisse zu warten, wurden jetzt zum ersten Mal Wahlautomaten eingesetzt. Noch Tage vor der Wahl gab es viele Probleme mit der Technik. Perlas versuchte deshalb, eine Verschiebung der Wahlen durch höchstrichterlichen Beschluss zu erreichen – den negativen Bescheid kommentierte er mit den Worten: „Dann steuern wir auf eine Katastrophe zu.“ Umso verwunderter waren alle, als noch am Wahlabend erste Außählungen der Wahlautomaten vorlagen, die einen stabilen Vorsprung des Favoriten in der Präsidentenwahl, Noynoy Aquino, zeigten. Perlas selbst lag mit ca. 0,13% der Stimmen abgeschlagen an achter Stelle der Bewerber und das änderte sich auch später nicht - ganze 50.000 Stimmen wurden schließlich offiziell für ihn gezählt. Gewählt wurde mit 40% der Stimmen – einfache Mehrheit genügt nach philippinischem Wahlrecht – der Favorit Noynoy Aquino, Sohn des Märtyrers Benigno Aquino, der bei der Rückkehr in sein Heimatland 1986 von Handlangern der Marcos-Diktatur erschossen wurde. Diese Tat löste damals die Revolution aus, welche binnen wenigen Tagen Corazón Aquino, die Ehefrau Benignos und Mutter Noynoys, auf den Präsidentenstuhl hievte und Marcos und Familie ins amerikanische Exil trieb. Noynoy hatte seine Kandidatur im September verkündet, kurz nachdem seine legendäre Mutter verstorben war. Zu den Besonderheiten der jetzigen Wahl gehört auch die Tatsache, dass mehrere Mitglieder der Marcos-Familie mit riesiger Zustimmung der Bevölkerung in ihrer Heimatregion Ilocos Norte wieder in politische Ämter kommen. So wurde Imelda Marcos, Witwe des Diktators, für deren Tausende Paare Schuhe es in Manila ein eigenes Museum gibt, genauso wie eine ihrer Töchter in den Kongress gewählt, ihr einziger Sohn wird Gouverneur. Doch die Familien Aquino und Marcos sind nicht die einzigen Clans und politischen Dynastien, die auch bei dieser Wahl ihre Vormachtstellung in der philippinischen Politik behielten. War das bei früheren Wahlen leicht auf die wochenlang dauernden Außählungen von Stimmen zurückgeführt worden, bei denen Manipulationen möglich waren, scheint dieses Argument bei der automatisierten Wahl nicht zu zählen. Nicht so für Nicanor Perlas, der selbst aus einer reichen Familie stammt. Er gibt verschiedene Gründe an, warum er die Wahl Aquinos bis jetzt nicht anerkennt, was ansonsten außer Joseph Estrada alle weiteren Kandidaten getan haben, und zwar unter dem Hinweis, man wolle jetzt zusammen mit dem neuen Präsidenten am Wohl des Landes arbeiten. Auch Kritiker wie der Politologe Bobby Tuazon vom Zentrum für Volksdemokratie CENPEG glaubt nicht, dass Automaten einen Wahlbetrug verhindern können. „Zuerst muss man die Macht der politischen Dynastien begrenzen.“, sagt er. Unterstützer von Perlas hatten in Wahlbüros eigene Beobachtungen angestellt, die zusammen mit anderen Nachrichten ein fragliches Bild ergeben. So rechnet Perlas akribisch vor, warum Aquino für ihn noch nicht gewählt ist. Er weist darauf hin, dass fünf Millionen Wahlberechtigte gar nicht wählen konnten, weil die Schlangen vor den Wahlbüros so lang waren und die Wahlautomaten zu langsam. Er fragt sich, warum nun von 75% Wahlbeteiligung die Rede ist, wo zunächst 85% genannt wurden – 5 Millionen hier, 10% da, das könnte Estrada durchaus zur Präsidentschaft verhelfen – was eine pikante Sache wäre, denn Perlas trug 2001 im Leitungsteam von Kompil II, einem Bund zivilgesellschaftlicher Organisationen, maßgeblich dazu bei, dass der ehemalige Schauspieler Estrada wegen Betrug am Volk des Amtes enthoben wurde. Er wurde damals von der noch amtierenden Präsidentin Arroyo ersetzt, die sich in vielen Augen als schlimmer als Marcos und Estrada zusammen erwies und für deren Absetzung sich Perlas wie viele andere seit 2005 einsetzte – Arroyo wurde übrigens in ihrem Wahlkreis Pampanga bei der jetzigen Wahl mit einem Stimmenanteil von über 80% in den Senat gewählt. Dynastien hin, Wahlbetrug her, den neuen Präsidenten erwartet eine Herkules-Aufgabe. Etwa ein Drittel der Bewohner der Philippinen lebt unter der Armutsgrenze, die entsprechenden Familien leben von umgerechnet weniger als 100 Euro. Ein großes Problem ist der Konflikt mit der islamischen Befreiungsfront auf der zweitgrößten Insel Mindanao, der in den vergangenen 40 Jahren über 100.000 Menschenleben forderte. Und Korruption in fast allen Lebensbereichen macht das Leben schwer und verlangsamt viele Prozesse. Diese Fragen hatte Perlas in seinem Wahlkampf besonders angesprochen und versucht, mit einer integren Haltung etwas Neues in die philippinische Politik zu bringen, und sei es zunächst nur mit einer kleinen Zahl von Menschen. Sein Liebingßitat ist nämlich der bekannte Ausspruch von Margaret Mead „Zweifle nie daran, dass eine kleine Zahl entschlossener Menschen die Welt verändern können.“ Pam Fernandez, Professorin für Landwirtschaft an der Universität Los Banos und im Wahlkampf für Perlas engagiert, resümiert im Internet mit folgenden Aussagen zur Wahl: „Stimmen haben wir nicht viele bekommen. Aber wir haben unseren Willen bekundet und aus unseren höchsten Idealen und tiefsten Quellen gehandelt. Ein starkes ‚Feld‘ ist entstanden. Die Wahl war nur ein Mittel. Erinnern wir uns, dass der kulturelle Bereich viel stärker werden wird als der politische. Die Zukunft liegt in unseren Händen und Neue Politik bedeutet etwas jenseits von Kampagnen und Wahlen. Ich bin auch gespannt auf Nicks nächste Vorhaben – und unsere. Maharlika, das heißt ‚wertvolle Schöpfung‘: Du bist dabei, geboren zu werden und wir, die sichtbaren und unsichtbaren Bewohner der Erde, sind hier um diese Geburt zu bezeugen.“ END/nna/cva Bericht-Nr.: 100514-02DE Datum: 14. Mai 2010 © 2010 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ Haiti-Hilfe geht weiter
Nachsorgeeinsatz der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners in Haiti KARLSRUHE (NNA). Um neue Impulse zu setzen, Train-the-Trainer Seminare abzuhalten und um die bis jetzt geleistete Arbeit vor Ort zu reflektieren, ist ein Expertenteam der Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. zu einem Folgeeinsatz nach Port-au-Prince und Léogâne, Haiti, gereist. Der Nachsorgeeinsatz der „Freunde“ vom 12. bis 21. Mai baut auf der Arbeit der pädagogischen Krisenintervention im Februar 2010 in Haiti auf (NNA berichtete). Der erste pädagogische Nothilfeeinsatz widmete sich vor allem der Arbeit mit den durch das Erdbeben psychotraumatisierten Kindern und Jugendlichen, um diese psychosozial zu stabilisieren und so Posttraumatischen Belastungsstörungen entgegen zu wirken. Die Schulung lokaler Lehrer in waldorfpädagogischen Erste-Hilfe-Maßnahmen war ebenso Teil des Einsatzes. Der Fokus des gegenwärtigen Einsatzes liegt auf der Vertiefung der vor Ort angelegten Arbeit. Welche Spiele sind im Rahmen der Erlebnispädagogik für Kinder in Krisenregionen interessant? Durch welche Methoden können die im Kind innewohnenden Selbstheilungskräfte aktiviert werden? Auf diese und weitere Fragen sollen in den von den „Freunden“ geplanten Workshops und Seminaren kompetente und umfangreiche Antworten gefunden werden. Nach der Ankunft des notfallpädagogischen Expertenteams in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince wird das Team im Kinderkrankenhaus St. Damien der befreundeten Hilfsorganisation „Unsere kleinen Brüder und Schwestern“ bei den dort tätigen „Volontaires“ mitarbeiten, die Arbeit reflektieren und weitere Impulse setzen. Auch wird für die Mitarbeiter des St. Damien Kinderkrankenhauses und der Haiti Kinderhilfe, für die Lehrer der Schule Colegio Waldorf/Steiner, für die Mitarbeiter des Oreleph-Waisenheims und der Arbeiterwohlfahrt (AWO) ein eintägiger Workshop veranstaltet. Im Anschluss daran begibt sich das Freunde-Team nach Léogâne, um sich dort mit haitianischen Hilfsorganisation Acrederp und den im „Child Friendly Space“ tätigen Lehrern zu besprechen. Auch werden im Rahmen der sogenannten Supervision die pädagogischen Mitarbeiter des Freunde-Teams bei der Arbeit der lokalen Lehrer mitarbeiten, ohne jedoch in den Ablauf und die einzelnen Aktivitäten einzugreifen. Im Anschluss an die Arbeit wird in der Gruppe über die eingesetzten Übungen, Spiele und den Ablauf reflektiert. Am vorletzten Tag des Einsatzes findet ein Workshop für ca. 60 haitianische Mitarbeiter der Kindernothilfe aus den „Child Friendly Spaces“ in Carrefour, Petit-Goâve und Jacmel statt. Ziel des Zusammentreffens ist neben der Durchführung von Workshops vor allem den Erfahrungsaustausch von „Child Friendly Space“-Mitarbeitern an verschiedenen Standorten anzukurbeln. END/nna/cva Hinweis: Der Verein Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V. ist seit 2006 im Bereich „Nothilfepädagogik“ tätig. In Folge von kriegerischen Auseinandersetzungen und Naturkatastrophen arbeiteten die „Freunde“ bislang mit psychotraumatisierten Kindern und Jugendlichen im Libanon (2006), China (2008), Gaza (Februar und Juli 2009), Indonesien (November 2009) und Haiti (Februar 2010). Bericht-Nr.: 100514-01DE Datum: 14. Mai 2010 © 2010 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/ Weitere NNA-Berichterstattung unter: www.nna-news.org/de/ |
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