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Sun, 10 Jul 2011

„Nicht alles, was zappelt, ist ADHS“

Tagung der Alanus-Hochschule und des IPSUM-Instituts befasste sich mit den sog. schwierigen Kindern - Veränderte Bedingungen ängstigen und lähmen die Eltern

Von NNA-Korrespondentin Edith Willer–Kurtz

ALFTER (NNA). Kindern eine positive Entwicklung zu ermöglichen, wird zunehmend schwieriger für die Eltern unserer Zeit. Bereiten die Kinder dann Probleme, werden sie schnell als pathologisch abgestempelt und diskriminiert. Auf großes Interesse stieß daher die Fachtagung der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter zum Thema „Veränderte Kindheit – vom Umgang mit ‚schwierigen‘ Kindern“.

Veranstalter waren das Institut für Kindheitspädagogik an der Alanus Hochschule und IPSUM, das Institut für Pädagogik, Sinnes und Medienökologie aus Stuttgart. 180 Teilnehmer diskutierten zum Thema, angemeldet hatten sich wesentlich mehr.

Unterschiedliche Ansätze leiteten in die Problematik ein. Dr.  Reinhard Eichholz, ehemaliger Kinderbeauftragter der Landesregierung NRW zeigte die einzelnen Schritte der Rechtslage zu den Menschenrechten von 1945 bis heute. Der Mensch als Subjekt beinhalte die Anerkennung von Würde, Gleichheit und Teilhabe (Inklusion) an der Gesellschaft. Er habe ein Recht darauf, nicht diskriminiert zu werden. Darauf könnten sich die Kinder auch berufen. Ein Kind dürfe von der Gemeinschaft nicht ausgeschlossen werden. Pädagogik und Recht seien heute eher schwierig zusammenzubringen.

Prof. Dr.  Rainer Patzlaff , Institutsleiter vom IPSUM, spiegelte die gewaltige Herausforderung, vor denen die Eltern heute stehen. Sie beklagten sich über misslaunige Kinder, und misslungene Erziehung führe zu Gewaltpotenzialen bei Jugendlichen. Wie seien neue Verhältnisse einzuordnen, wenn zum Beispiel das Gefühls- und Empfindungsleben sich umgestalte. Bei der Gesundheit der Kleinkinder beseitige man zunehmend durch Impfung die Kinderkrankheiten, an ihrer Stelle komme es zu chronischen Krankheiten, sogar Krebserkrankungen und Fettsucht.

Die Eltern reagierten auf diese Entwicklung mit Gefühlen der Lähmung oder Angst. Patzlaff forderte die Eltern auf, dringend gegen diesen Mainstream der Standardisierung zu handeln, auch wenn dies oft schwer falle. Es gehe darum, den Eltern Mut zu machen. Es komme darauf an, offen zu sein und das eigene Gefühlsleben so zu verwandeln, dass die „Katastrophen“ nicht als Beleidigung oder Frechheit zu sehen seien, sondern als Herausforderungen. Dabei sei auf die Situation des Kindes zu schauen. Auch neuere Wissenschaftsrichtungen wie die Hirnforschung und Salutogenese sollten berücksichtigt werden. „Probleme machen auch wach“, folgerte Patzlaff. Und es gäbe Vorbilder, denn die heutigen Kinder würden eine gesteigerte Wahrnehmung mitbringen für seelische Nuancen, sie hätten eine besondere Sensibilität.

Uwe Momsen erzählt aus seiner eigenen Praxis für Kinderheilkunde und Kinder- und Jugendpsychologie in Herdecke. Wenn Kinder auffällig seien, hätte man erstmal zu fragen, wann, in welcher Situation dies auftrete und wer es bemerke. Es könne sich um ein schulisches oder globales Problem handeln.

Als Veränderungen im Verhältnis zu früheren Zeiten nannte er die Ernährung mit Industriepräparaten, aber auch die Mediennutzung und die Familienverhältnisse. Jedes dritte Kind habe nur ein Geschwister. Alles zusammen setze ungünstige Bedingungen für die Entwicklung der Kinder. Bei der Einschulung mache sich von Seiten des Elternhauses oft Sorge und Angst zu früh breit, da sie dem Leistungsdruck unterlägen. Angst sei aber kein guter Berater und die Kinder seien letztendlich die Leidtragenden.

Seelische Auffälligkeiten deuteten Eltern zu oft als ADHS. Nicht alles, was zappelt, sei ADHS, betonte Momsen. Bei körperlicher Unruhe, Impulsivität, fehlender Konzentration und bei übersteigerter Wachheit gelte es genau hinzusehen in Alltagssituationen. Aufgrund der heutigen gesellschaftlichen Entwicklung werde oft Stress gelebt. Bleiben die Symptome nach einem halben Jahr Beobachtung unverändert, sei ADHS nicht aus-zuschließen. Empfehlen würde er zunächst eine gutes Zusammenarbeiten zwischen Eltern, Pädagogen und Kindern und Ruhezeiten. Oft wäre es nötig, erst wieder Vertrauen in die Familienverhältnisse zu bringen.

Depression trete heute auch schon im Kindesalter auf, unangemessenes Traurigsein bis „ich kann gar nicht mehr traurig sein“, Appetitmangel, Schlaf- und Wachrhythmusstörungen, deutliche regressive Erscheinungen, wie wieder einnässen, auch Wachstumsstörungen seien da zu beobachten. Schwierige Situationen seinen Herausforderungen, es gäbe auch schwierige Klaviersonaten, zog Momsen die Musik als Vergleich heran.

Dipl.-Sozialpädagoge Wolfgang Kohnen machte deutlich, wann ein Kind durch dramatische Situationen an die Grenzen seiner seelischen Belastungsfähigkeit komme. Dann lösten sie beim Kind Notfallreaktionen aus. Bedrohungen durch physische, emotionale Vernachlässigungen, mögliche Misshandlungen oder Gewaltanwendungen haben Langzeitwirkungen. Bei einem Trauma gelte nichts mehr so, wie es scheint, so Kohnen. Diese Kinder sein resistent gegen herkömmliche pädagogische Maßnahmen, sie verweigern sich völlig oder reagierten aus heiterem Himmel mit Stimmungsschwankungen. Oft schienen sie gefühlskalt und unerreichbar und machten die Eltern hilflos. Traumaforschung existiere erst seit 1980. Die Entwicklung der Kinder nach Bedrohungen, ihr Notfallmechanismus, der zu Erstarrung, Lähmung oder zu seelischer Spaltung führe, würde weiter erforscht.

Daniel Götte, Frank Bohsung und der Landwirt Matteo Tartari berichteten in einem Workshop aus ihrer pädagogischen Praxis in der Jugendhilfeeinrichtung Timeout im Südwesten Deutschlands. Sie kümmern sich um Jugendliche, die Schulverweigerer sind oder als verhaltensgestört gelten. 16 Jugendliche finden in der Einrichtung Platz. Was bringt die Jugendlichen dazu, sich wieder einzufügen, mitzumachen? Erstmal würde eine sichere Situation hergestellt und sie an einen Tages- und Nachtrhythmus gewöhnt. Geduld und Phantasie seien verlangt, um die Jugendlichen immer wieder zu ermutigen „Hab Mut zu tun!“ Vier Monate lang gibt es keine Schule, stattdessen Handarbeit im Stall und Arbeit mit den Tieren, die Erfolgserlebnisse vermittelt. Durch praktisches Erleben kommen die Jugendlichen dazu, sich wieder einzulassen auf neue Beziehungen.

Henning Köhler vom Korczak-Institut in Nürtingen schaute in die Zukunft. Der Toleranzrahmen für altersgemäßes Verhalten würde immer enger, Kinder würden dann im weiteren Verlauf an Ärzte und Therapeuten verschoben. Diagnosen würden heute viel zu schnell gestellt. Die Kinder wären zunehmend verunsichert, wobei das nicht das Problem der Kinder sei. „Das Kind kommt mit uns nicht zurecht“, erklärte Köhler. Die geknickten Kinder bekämen das Gefühl vermittelt, sie erfüllten die Erwartungen der Erwachsenen nicht. Stattdessen bräuchten sie die uneingeschränkte warme Bejahung ihrer Individualität. „Ich werde wahrgenommen, also bin ich!“ so sollte ein Satz eines Kindes lauten, denn das Kind wolle nicht nur wahrgenommen werden unter vielen, sondern in seiner Eigenheit und Schönheit. „Ich kommuniziere also bin ich!“ Es wolle sprechen und Antworten bekommen. „Ich schenke, also bin ich!“ Das Daseinsvertrauen zeige sich dem Menschen, der als Schenkender in der Welt handle, die Geste des Schenkens erfolge aus der Existenz als geistiges Wesen. Dies gelte für alle Kinder, uneingeschränkt, unabhängig, welche Begabung der eine oder andere habe.

Nicht zu unterschätzen sei, was aus den Einzelnen noch alles werden könne, stand als Ermutigung für die Teilnehmer am Ende eines Workshops. Es sei ein gesellschaftliches Problem die Kinder zu standardisieren. „Wir verschwenden dabei die Talente der Kinder und Jugendlichen“, wurde ermahnt. Besser sei es, die Kreativität zu fördern. Dazu sei gesellschaftspolitisch noch viel zu entwickeln, wolle man eine Zukunft gestalten, die heilsam auf die Kinder wirke.

Links: www.alanus.edu, www.ipsum-institut.de

END/nna/wil

Bericht-Nr.: 110710-04DE Datum: 10. Juli 2011

© 2011 News Network Anthroposophy Limited (NNA). Alle Rechte vorbehalten. Siehe: www.nna-news.org/copyright/

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Anthroposophiekritiker Zander erhält Professur in der Schweiz

FREIBURG/SCHWEIZ (NNA). Der bekannte Anthroposophiekritiker Helmut Zander ist zum assoziierten Professor für vergleichende Religionsgeschichte und interreligiösen Dialog an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz berufen worden. Prof. Zander tritt die Nachfolge von Prof. Anand Nayak an, der 2009 bei einer Studienreise in Indien tödlich verunglückt war. Bisher war Zander im Rahmen einer Vertretungsprofessur an der Universität Zürich tätig.

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg unterliegt staatlichem Recht, besitzt aber auch die Anerkennung kirchlicher Autoritäten und wird vom Dominikanerorden und der Schweizer Bischofskonferenz mitgetragen. Bevor ein Dozent dort fest angestellt wird, muss vom Heiligen Stuhl das „Nihil obstat“ eingeholt werden. Mit dieser Unbedenklichkeitserklärung soll die rechte katholische Lehre und die kirchliche Dis-ziplin an einer Fakultät gewährleistet werden. Über die Berufung Zanders wurde von der Fakultät am 25. Mai entschieden.

Wie die Universität Freiburg mitteilt, wird Prof. Zander sich ab dem Herbstsemester 2011 an der Lehre in den Haupt- und Nebenfachstudiengängen der katholischen Theologie zur Religionsgeschichte beteiligen sowie an Masterprogrammen zum Studium der Religionen und des interreligiösen Dialogs. In seiner Forschung befasse er sich mit religiösen Bewegungen und interreligiösen Beziehungen, außerdem mit Themen wie Okkultismus, Esoterik und Anthroposophie.

Helmut Zander stammt aus dem Rheinland. Er hat in Köln, München und Bonn Sozialwissenschaften, Geschichte und katholische Theologie studiert und an der Universität Bonn sowohl in Politikwissenschaften als auch in katholischer Theologie promoviert. Seine Habilitationsschrift an der Humboldt-Universität in Berlin befasst sich mit der Geschichte der Anthroposophie.

Zanders Habilitationsschrift „Anthroposophie in Deutschland – Theosophische Weltanschauung und Praxis 1884-1945“ war 2007 nach ihrem Erscheinen in den meisten überregionalen Medien und Kultursendungen in Deutschland besprochen worden. In der anthroposophischen Bewegung löste das „opus magnum“ von Zander sehr kontroverse Einschätzungen und Diskussionen aus. Im laufenden Jahr war Zander aufgrund seiner im Januar erschienen Steiner-Biographie ebenfalls an zahlreichen Diskussionen zum Jubiläumsjahr Rudolf Steiners beteiligt und in den Medien präsent.(NNA berichtete, siehe Artikel vom 28.12.2007 und vom 24.1.2011)

END/nna/vog/ung

Bericht-Nr.: 110710-03DE Datum: 10. Juli 2011

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Uni Witten-Herdecke für sieben weitere Jahre akkreditiert

Wissenschaftsrat würdigt getroffene Umstrukturierungsmaßnahmen – Geschäftsführung freut sich über Planungssicherheit

WITTEN/HERDECKE (NNA). Die Universität Witten/Herdecke (UWH) ist jetzt vom Wissenschaftsrat für sieben weitere Jahre akkreditiert worden. Mit dieser Entscheidung hat das Gremium die von der UWH in den letzten Jahren umgesetzten Maßnahmen insbesondere im Bereich Humanmedizin gewürdigt.

Die Reakkreditierung schaffe Planungssicherheit, Rückenwind und neue Kraft für die anstehenden großen Aufgaben, heißt es in einer ersten Stellungnahme dazu von Prof. Martin Butzlaff, dem wissenschaftlichen Geschäftsführer der UWH. Diesen großen Erfolg habe die Universität nur mithilfe aller vereinten Kräfte erreicht.

Der Wissenschaftsrat hat der UWH lediglich die Auflage gemacht, die Fakultät für Kulturreflexion entweder in die Fakultäten für Gesundheit und Wirtschaftswissenschaft zu integrieren oder personell zu verstärken. Dies beziehe sich jedoch nicht auf das Studium fundamentale, in dem die Studierenden aller Fachrichtungen ein geisteswissenschaftliches und künstlerisches fächerübergreifendes Angebot wahrnehmen, betont die UWH in ihrer Stellungnahme.

Die Reakkreditierung stellt eine neue Etappe im Stabilisierungsprozess von Deutschlands erster Privatuniversität dar, die in den vergangenen Jahren immer wieder um ihre Existenz bangen musste. 2005 war die UWH, die ein spezielles Modell der Medizinerausbildung anbietet, bei dem Theorie und Praxis enger verzahnt sind als sonst üblich, vom Wissenschaftsrat vernichtend kritisiert worden. Mit einer Verbesserung des internen Qualitätsmanagements, einer kräftigen Nachbesserung im Bereich der Forschung sowie einer erheblichen Aufstockung des internen Personals konnte die Universität ein Jahr später die Kritikpunkte des Wissenschaftsrats ausräumen. 2008 stoppte das Land NRW dann seine Finanzhilfe für die Universität, die dadurch an den Rande eines Bankrotts geriet. Ein Patchwork von Sponsoren rettete die UWH, seit 2009 ist die Software AG Hauptgesellschafter.

Krise und Rettung der Privatuni hatten Solidaritätsbekundungen von verschiedensten Seiten hervorgebracht. So betonte der Präsident der Bundesärztekammer, Prof. Jörg Dietrich Hoppe, die Hochschule stehe wie kaum eine andere für ein umfassendes Bildungskonzept, das neben der fachlichen Qualifizierung großen Wert auf die Persönlichkeitsentwicklung lege. Das Medizinstudium in Witten/Herdecke habe eine „bundesweite Vorreiterrolle für das praxis- und problemorientierte Lernen“ gespielt. Inzwischen hätten die meisten Unis erkannt, dass dieser Ansatz die Qualität der Ausbildung wesentlich verbessere. In internationalen Rankings schneidet die UWH immer wieder herausragend ab. (NNA berichtete immer wieder über die Achterbahnfahrt der UWH , siehe Artikel im Archiv auf der Homepage vom 12.7.06/15.12.08/5.2.09/7.4.09)

END/nna/ung

Bericht-Nr.: 110710-01DE Datum: 10. Juli 2011

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