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Mon, 21 Apr 2008

Rudolf Steiner im Licht der Kunstgeschichte

Kunst der Jahrhundertwende durch neue Zugänge zu Farbe und Form beeinflusst- Prof. Christa Lichtenstern referierte an der Universität des Saarlandes

Von den NNA-Korrespondentinnen Edith Willer-Kurtz und Cornelie Unger-Leistner

SAARBRÜCKEN (NNA). Es gehöre zu den Aufgaben der Universitäten, zu einer „vorurteilslosen Erhellung“ anthroposophischer Kunst und ihrer philosophisch-pädagogischen und lebenskundlichen Einbettung“ beizutragen.

Diese These vertrat Prof. Christa Lichtenstern, Leiterin des Instituts für Kunstgeschichte, in der Aula der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. „Ungeahnte Schätze“ seien hier für die Geisteswissenschaften noch zu entdecken, wenn sie sich integraler Forschungsmethoden bediene.

Lichtenstern sprach anlässlich ihrer Abschiedsvorlesung über „Rudolf Steiner als Maler und Bildhauer“. Auf dem Boden der von ihm begründeten Anthroposophie bildeten Steiners neue Zugänge zu Farbe und Form einen „wichtigen Beitrag zu den Reformbestrebungen der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts“, hieß es dazu in der Mitteilung der Universität.

Prof. Christa Lichtenstern leitete als Kunsthistorikerin zehn Jahre lang das Institut für Kunstgeschichte der Universität des Saarlandes. In einer Feierstunde zu ihrer Verabschiedung würdigte sie die Vizepräsidentin der Universität für Europa und Kultur, Prof. Patricia Oster-Stierle als „Dame de l´Art,“ und „Grenzgängerin verschiedener Medien, Musik, Literatur und Kunst“.

Von dem Dekan der Philosophischen Fakultät, Prof. Michæl Hüttenhoff erfuhren die Zuhörer mehr über ihren Werdegang. Lichtenstern hatte Eurythmie studiert und war als Eurythmielehrerin tätig, bevor sie sich der Kunstgeschichte zuwandte. 1986 habilitierte sich Lichtenstern, war Professorin in Marburg, bevor sie 1998 Nachfolgerin von Prof. Dittmann in der Universität des Saarlandes wurde. So gehörte denn auch ein eurythmisches Rahmenprogrmam zur Vorlesung.

Lichtenstein sieht in ihrer Grenzgängerschaft auch Freiräume, mag Brücken schlagen, wie sie selbst sagte und das tat sie auch an diesem Abend hinein in die Aula der Universität mit ihrem Thema.

Steiner sei Autodidakt, begann sie. Bei seiner großen persönlichen Bescheidenheit wäre es ihm kaum in den Sinn gekommen, sich selbst als Maler oder Bildhauer zu bezeichnen. Was auf künstlerischem Gebiet getan habe, habe er stets als Anfang, als Empfehlung betrachtet, in die von ihm eröffnete Richtung weiterzuarbeiten. Auch in der Kunst habe Steiner darauf bestanden, was er einmal seinen Zuhörern zugerufen habe: „Prüfen Sie, prüfen Sie! Ich bitte Sie, nichts auf Autorität hinzunehmen“, zitierte Prof. Lichtenstern Rudolf Steiner.

Steiner schaffte, so Prof. Lichtenstern, durch Umgehung der Linie mit Farben den Bildraum. Erste Bilder entstanden im Alter von 50 Jahren in Zusammenhang mit Steiners Mysteriendramen, als Rudolf Steiner von einer Hauptdarstellerin, die den Maler Johannes Thomasius vor seiner Staffelei darstellte, gebeten wurde, ein Bild für diese zu malen. Hier zitiert Prof. Lichtenstern Verse aus dem Mysteriendrama, die „in Hinblick auf Steiners eigene künftige Malerei aufhorchen lassen.“

Mit dem Licht leben zu lernen und in der Farbe „des Lichtes Tat (zu) erkennen“ – mit diesen Worten knüpft Steiner an Goethes Farbenlehre an, in der die Farben als Urphänomene, als „Taten und Leiden des Lichts“ beschrieben werden. Farbe entstehe durch das Zusammenwirken von Licht und Finsternis, „wo Helles durch Dunkel sich durchwirkt“.

Goethe sei überzeugt gewesen, dass in den „Leiden und Tagen des Lichts“ auch weltschöpferisches Tun fortwirke. Auch diesen Gedanken führe Steiner fort.

Steiner taucht seine Bilder nach den Worten von Prof. Lichtenstern gerne „in die Farben der Kosmologie“. Dies dokumentierte die Rednerin an den 1923-24 gemalten Anregungen für das Deckengemälde des zweiten Goetheanums, die sie ausschnittweise vorstellte.

So erlebten die Zuhörer, wie sich im Gegenüber der Widersachermächte Ahriman und Luzifer im Pastell „Licht und Finsternis“ als „kosmische Farbprovinzen“ gegenüberstehen wie auf die Leinwand gebeamt zu sehen war.

Prof. Lichtenstern zog Parallelen zur Kunst der Jahrhundertwende, an Steiners malerischen Äußerungen entdeckte sie Bezüge zu Odilon Redon und Eugène Carrière. Sie zeigten, dass auch der Künstler Steiner in einer Zeit gewirkt habe und zwar in der für Übersinnliches offenen Epoche des Symbolismus. Innerhalb dieser Epoche sei er jedoch seinen eigenen Weg gegangen. Weder Redon noch andere hätten sich je vergleichbar streng an Goethes gesetzmäßig fundierte Farbenökonomie gehalten.

Die Nähe zum Kosmos hin, wie sie sich zum Beispiel „unter einem langen, lichten Johanni-Himmel“ erleben lasse, erfordere vom Künstler der dies ausdrücken möchte, eine andere Bildgestaltung, betonte Prof. Lichtenstern.

In ihren Ausführungen bezog sie sich auf Konrad Oberhuber, Professor in Harvard und späteren Direktor der Albertina in Wien. Er sei faktisch innerhalb der Kunstgeschichte der einzige gewesen, der sich mit Rudolf Steiner als Maler und Bildhauer befasst habe. 1979 sei sie im Haus von Oberhuber in Boston auf das Thema aufmerksam geworden, betonte Prof. Lichtenstern. Oberhuber habe Steiners „auffällige Umkehrung tradierter Behandlungsweisen von Linie, Bild und Farbraum“ beschrieben.

„Steiner ist radikal antilinear und antistatisch, er vermeidet nach Möglichkeit alle sauberen Konturen durch einander überlappende Schichten dünner Farblasuren und setzt jede Form in Bewegung“, sagte Lichtenstern. Indem er sich auf die Relation der Farben untereinander konzentriere, bilde er einen „inneren Kosmos“, ohne Beziehung zur dreidimensionalen Welt. Dies dokumentierte sie an zwei weiteren Bildern, dem „Mondenreiter“ (1924) und einem Aquarell, das als Plakat für eine Eurythmieaufführung gemalt worden war.

Steiner hatte darüber hinaus die Vorstellung, der Künstler der Zukunft solle seinen Geist bis an die Peripherie erweitern und die Welt von dort aus betrachten. Dieses Erlebnis – hier bezog sie sich wieder auf Oberhuber – sei „der absolute Gegensatz zu der seit der Rennaissance überlieferten räumlichen Erfahrung“, die eher einem „Weltenkreuz“ gleiche im Sinn von sich kreuzförmig über die Welt erstreckenden räumlichen Kräften. Steiner aber wolle die Menschheit darüber hinaus führen – über das Kreuzerlebnis hinaus zur „Ausdehnung des Selbst in den Kosmos“, betonte Lichtenstern.

Außer dem „Mondenreiter“ wurden auch weitere bildkünstlerische Eurythmieplakate betrachtet, die „Urpflanze“ und der „Urmensch (Urtier)“. An all diesen Bildern zeige sich Steiners oberstes ästhetisches Prinzip, aus der Farbe heraus zu malen. Der Unterschied zu den Malern der Moderne, die einen ähnliches Anspruch hatten, liege in „einer konzeptionellen Herausforderung von großer Tragweite“.

Um sie wahrzunehmen, müsse man zuerst Steiner in seinen eigenen Prämissen ernst nehmen. Erst wenn man sich auf Steiners spirituelle Weltwahrnehmung und Weltdurchdringung einlasse, könne man vielleicht nachvollziehen, wie für ihn Farben sich als geistig-seelisch-lebendige Charaktere mitteilten, sich nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten betätigten und reale Wirkungen zeitigten. Wie real könne man beispielsweise an der Farbgestaltung in den Klassenräumen der Waldorfschule ersehen. Mit seinen Gedanken über die geistigen Wirkungen der Farbe sei er der heutigen Farbpsychologie weit voraus gewesen.

Seine Farbaussagen wurden von der Eurythmie aufgenommen: „Rot, das in die Nähe kommt und Blaues, das in die Ferne schweift“. Um all das zu verdeutlichen, zitierte Lichtenstern mehrere Schriften zum Thema.

Fast die Hälfte ihrer Ausführungen widmete Prof.Lichtenstein den Christus-Darstellungen von Rudolf Steiner. Von seinem Christusbild leitete sie über zur Skulptur, der Holzplastik von Rudolf Steiner und Edith Maryon, zum „Menschheitsrepräsentant“. Bei dieser Skulpturengruppe handele es sich um eine „völlig neuartige Chistus-Darstellung“. Sie werde nur aus der Christus-Anschauung und Theologie von Rudolf Steiner heraus verständlich.

Mit seiner Auffassung, dass die sonnenhafte Existenz des auferstanden Christus im ätherischen Umkreis der Erde fortlebt, stehe Rudolf Steiner nicht allein da, betonte Lichtenstern. In dieser Anschauung durchdrängen sich christliche Mystik und antike Kosmosverehrung und auch Maler wie Matthias Grünewald, Albrecht Altendorfer und James Ensor hätten sich vermutlich eine ähnliche Christus-Kosmologie „vor das innere Auge gerufen“.

Bei Steiners Christus-Skulptur „Der Menschheitsrepräsentant“ werde der Auferstandene dargestellt, wie er zwischen zwei Versuchermächte trete, Ahriman stehe für eine verhärtende Macht des reinen Intellekts, Luzifer für das Blendwerk der Illusion. Christus rage hier zwischen beiden auf, er obsiegt als „Begründer eines mit ihm gegebenen Gleichgewichts“.

So behaupte sich die Christusfigur mit starker raumplastischer Präsenz und in dynamisch geführter Flächenbildung, verstärkte Lichtenstern das Wahrnehmen der Abbildung der Plastik. In zeitgenossischer Kunst fand sie Vergleichbares im Werk Rodins mit symbolistischer Ausprägung. Die Zielvorstellung einer „freien und zugleich ordnenden, heilenden Mittlergestalt“, die in der Gruppe dominiere, bestimme im erweiterten Sinn als christologische Perspektive überall Steiners Gesamtwerk, von der Philosophie der Freiheit bis hin zu Eurythmie, Pädagogik oder Landwirtschaft, betonte Prof. Lichtenstern.

Zum Schluss ihrer Vorlesung schlug sie noch einen Bogen in die Geistesgeschichte. Ohne Zweifel sei Steiners „spiritueller Idealismus“ tief in der deutschen Philosophie verankert, etwa in Fichtes Ich-Philosophie oder in Novalis Naturmagie, vor allem aber in Goethes „ideeller Empirie“. Von diesem bekannten Terrain aus ließen sich – so Prof. Lichtenstern – durchaus Brücken bauen zu Steiners Geist-Erfahrungen, man müsse nur über genügend Unabhängigkeit verfügen, um einen „wirklich aufklärerischen, das heißt interessierten, an der Sache orientierten Blick“ auf sein Werk zu werfen.

END/nna/will/ung

Bericht-Nr.: 080421-02DE Datum: 21. April 2008

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